Wenn sich Maurice Molitor nachts um vier von Esch-Alzette auf den Weg ins Radio-100,7-Studio macht, am GridX und Leudelingen vorbeifährt, ist in seinem Auto der Deutschlandfunk oder France-Inter eingeschaltet. Gegen fünf Uhr geht er die Tagespresse und seine Notizen durch, informiert sich im Internet, recherchiert, bereitet Fragen vor. Um sechs Uhr geht er auf Sendung. Um halb acht schwimmt er in seinem Kerngeschäft – der Invité vum Dag sitzt vor ihm. Sich nachts auf den Weg ins Büro zu machen, sei nicht immer einfach, sagt er in einem auf mehrere Gäste ausgerichteten Studio. Er wirkt diskret – und nun als Interviewter zurückhaltend. „Aber die Morgensendung bereitet mir Freude; es gelingt uns häufig, die Themen aufzugreifen, die sich aufdrängen.“
So auch am Montag, als LSAP-Politiker Franz Fayot in seiner Funktion als Präsident der parlamentarischen Budgetkontrollkommission im Studio zu Gast war. Wurden die Regeln für öffentliche Ausschreibungen beachtet, um ein Industriegebäude in Esch-Alzette in ein Sportmuseum umzuwandeln?, fragte Molitor den Abgeordneten. Nein, CSV-Sportminister Georges Mischo habe sich gedrückt; er habe einen Deal mit einem privaten Bauträger vereinbaren wollen. „Et ass fir mech net ze verstoen, wéi esou eppes duerch ee Regierungsrot konnt goen“, teilte Fayot am Montagmorgen aus – aber mit ruhiger Stimme. Auch Molitor blieb gelassen; zwischendurch fasste er zuhörergerecht die erwähnten Ungereimtheiten zusammen. Das ist seine Signatur. Ohne Hetze bringt er seine Gäste durch das 15-minütige Interview.
Maurice Molitor ist kein Anfänger. Am 21. Oktober 1991 ging er mit dem ersten täglichen Nachrichtenformat auf Sendung. Zuvor spielte RTL Hei-Elei sein Programm lediglich sonntags ab. Der neue Rhythmus war dem Wunsch geschuldet, dem Charakter einer provinziellen Nation entgegenzuwirken. Damals sei erzählt worden, Premier Jacques Santer (CSV) habe seinen Blick jenseits der Mosel gerichtet und festgestellt, dass dort CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm auf der Straße erkannt wurde, erinnert sich Molitor. Die Politiker wollten auch hierzulande auf den einen und anderen Kennedy-Effekt setzen. Das machte die Printjournalisten verlegen. „Der Presse gefiel der Ausbau des RTL-Programms nicht; sie befürchtete einen Einbruch der Werbeeinnahmen. Deshalb wurden die Werbeanzeigen begrenzt“, erläutert der ehemalige Fernsehjournalist. Die Einschaltquoten waren hoch. In den 1990er-Jahren konnten luxemburgische Fernsehgeräte oft nicht mehr 25 Sender empfangen. Die Reichweite habe dem unscheinbaren „schlanken Junge, der tagsüber Jeans und Pullover trägt“ eine „enorme Macht“ verschafft, schrieb Josée Hansen 1999 im Land über den Journalisten Molitor. „Eine Macht, die mittlerweile die des Leitartiklers des Luxemburger Wort übertrifft.“ Denn RTL verfüge über eine konkurrenzlose Waffe: „das Bild“. Es waren arbeitsintensive Jahre, seit 1997 war er zugleich Chefredakteur und Anchorman; viel Druck lastete auf dem damals 32-Jährigen. Hansen beschrieb ihn denn auch als nervösen Kettenraucher. Von dem Eindruck ist man heute weit entfernt.
Aufgewachsen ist Maurice Molitor in Esch/ Alzette, in der Nähe des Spitals. Sein Vater war Psychiater, seine Mutter Französisch- und Lateinlehrerin; beim ersten Kind gab sie ihren Lehrerposten auf. Er ist der mittlere von drei Brüdern. „Meine Jugend war unspektakulär“. Früh war ihm jedoch klar, dass er Journalist werden wollte. In der Sixième schrieb er seinem Deutschlehrer Gast Rollinger in den Aufsatz, er werde später Journalist. Der Schüler malte sich aus, in Deutschland Printjournalist zu werden. Aber es kam anders: Vor seinem Journalismus-Studium in Dortmund absolvierte er ein Praktikum bei RTL-Radio. Später arbeitete er in den Sommerferien für RTL. Und als er schließlich diplomiert war, wurden Stellen für das neue tägliche Nachrichtenformat bei RTL-Télé ausgeschrieben.
Dass der Radiojournalist Molitor auf einen gepanzerten Tonfall verzichtet, heißt nicht, dass er für seine Interviewpartner ungefährlich wäre – wie 2021 der Fall, als die eher medienunerfahrene Christiane Wickler als frisch ernannte Cargolux-Präsidentin im Studio saß. Molitor begrüßt sie mit einem: „Do huet d’Liewen awer nach eng schéin Iwwerraschung fir iech parat gehat?“ Der Verkehrsminister François Bausch (déi gréng) hatte sie gebeten, die Cargolux zu präsidieren. „Ich saß gerade beim Friseur, als François anrief; er meinte, ich solle nicht vom Stuhl fallen“, erzählte die Pallcenter-Gründerin. Der „Fränz“ kenne sie. Er wisse, dass sie „op déi eng Manéier ganz carré, mee op déi aner Manéier awer och incontrôlable“ sei. Das „weiß jeder“, sagte die frühere grünen Politikerin. Die Unscheinbarkeit des Studios hatte sie vergessen lassen, dass ihre Worte aufgezeichnet wurden und sich gegen sie wenden könnten. Ein Jahr später sorgte der Außenminister Jean Asselborn für einen einschlägigen Medienmoment. Auch er schien sein Publikum vergessen zu haben. Zugeschaltet ins Studio sagte er recht undiplomatisch über Putin: „Dat wier jo datt wat een deem kéint wënschen, dat dee wirklech géif physesch eleminéiert ginn.“
Maurice Molitor ist jemand, der sich journalistisch drei Mal neu erfunden hat. 2002 verließ er RTL und wechselte in die Chamber. „Wëll et éiergäizeg Pläng gouf, fir eng Chamber-Télévisioun op d’Been ze stellen“, so seine Erklärung. Pläne, die jedoch nur schleppend umgesetzt wurden. Erst Jahre später wurde Chamber aktuell lanciert – mit Reportagen und Interviews über parlamentarische Gesetzesprojekte und Dossiers. Er habe viel gelernt, aber die Resonanz hielt sich in Grenzen. Vielleicht auch aus einer gewissen Frustration darüber, dass die audiovisuellen Versprechen in der Chamber kaum Form annahmen, gründete Molitor 2003 Dok-TV – Den oppene Kanal. Eine privatwirtschaftliche Plattform, bei der man Sendezeit kaufen konnte und anschließend über Luxemburgs Kabelnetze in Wohnzimmer gelangte. Molitor nennt es „das YouTube vor seiner Zeit“. Nur leider habe kaum jemand das Konzept verstanden; das Geschäft lief mäßig. Abgesehen von Robert Goebbels und Astrid Lulling, die regelmäßig im Europaparlament ihre Sendungen aufnahmen und sich bei Dok-TV einkauften, blieb der Andrang aus. Seine posierte Interview-Art habe er sich in dieser Zeit antrainiert. Damals moderierte er die Dok-Show, eine Talk-Show, die an Thierry Ardissons‘ Tout le monde en parle angelehnt war.
Diese Selbsteinschätzung scheint jedoch nicht stimmig. 2001 saß ein blonder Mann mit gelb-blau gestreifter Krawatte vor blauem Hintergrund im RTL-Studio. In der Öffentlichkeit tobte eine Polemik über die schwangere Gëlle Fra. Moderator Molitor sitzt im Top Thema neben Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges. „Wat mech hei mal à l’aise setzt, ass jo, datt dat, wat d’Künstlerin wollt, nach guer net konnt erklärt ginn“, verteidigte die Ministerin die Kunstfreiheit im Top Thema – wahrscheinlich gegen einen erheblichen Teil ihrer Wählerschaft. Mit scharfen Worten kritisierten unter anderem Widerstandskämpfer-Vereinigungen das Kunstprojekt und forderten den Rücktritt der Ministerin. Die Künstlerin Sanja Iveković wolle eine Debatte über in Kriegszeiten an Frauen verübte Gewalt anstoßen, erläuterte Hennicot-Schoepges. „Wëllen d’Leit déi Explikatiounen vläicht net verstoen?“; die Nachfrage Molitors wirkt dabei nicht als Provokation, sondern als ernst gemeinte Aufforderung zur Gesellschaftsanalyse. Er besaß nie die Strenge einer Caroline Mart, nie die latente Frechheit eines François Aulner, und nie den Boxring-Vibe seines Kollegen Rick Mertens und seiner Vorgängerin Mick Entringer. Das Interview blieb Molitor bis heute im Gedächtnis: „Die Polemik hat die CSV-Ministerin souverän und couragiert durchgestanden.“
Von seinen Kollegen wird er als ein hilfsbereiter, bodenständiger „Schaffert“ beschrieben. Für die RTL-Journalistin Caroline Mart ist er einer der „aller, aller besten Interviewer“; er zähle ohne Frage zur Top-Liga des luxemburgischen Journalismus. Andere Politikjournalisten finden, Molitors zeige sich in seinen Interviews zu nachsichtig. Außerdem monieren einige, dass er weiterhin LSAP-Politiker interviewe, während sein Sohn, Max Molitor, Co-Präsident der Jungsozialisten ist. Der Radiojournalist sagt seinerseits, er mache da keinen Unterschied, „ech hunn do keng besonnesch Retenü“. Sein Sohn habe sich eigenständig für die LSAP entschieden; das sei unvermittelt und überraschend gekommen. „Ich selbst habe keine Parteimitgliedschaft, und ehrlich gesagt, mir würde es schwerfallen, mich für eine Partei entscheiden zu müssen.“ In seiner Freizeit befasst er sich nur gelegentlich mit politischen Themen, wenn er Sachbücher wie Autocracy, Inc von Anne Applebaum liest; mehr Freude bereitet ihm das Trompetenspiel in der belgo-luxemburgischen Band Brass’i Cool.
Welchen Wandel beobachtet er, der seit 35 Jahren im Journalismus tätig ist? Bedrückt zeigte sich Arthur Gregg Sulzberger, Herausgeber der New York Times, vor zwei Jahren; er schrieb: „Da das gesamte Informationsökosystem von Falschinformationen, Verschwörungstheorien, Propaganda und Clickbait überschwemmt wird, ist das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Journalismus auf einen historischen Tiefstand gesunken.“ Ist eine solche Analyse auf Luxemburg übertragbar? „Natürlich bleibt der eine oder andere dumme Kommentar nicht aus“, so Molitor. Aber von einem Journalisten-Bashing, wie es in den USA üblich geworden ist, könne man hier nicht sprechen. Als begrüßenswerte Entwicklung betrachtet er die zunehmende Emanzipation der Tagespresse von den Parteien. Das mache diese Blätter weniger vorhersehbar und vielfältiger. „Mit Reporter kam zudem ein investigatives Medium dazu.“ Früher habe man im Feierkrop unter dem Deckmantel der Satire die eine oder andere pikante Information suchen müssen, sagt Molitor. Allgemein seien die Themen heute nicht mehr so stark durch offizielle Pressekonferenzen vorgegeben. Die Personaldecke im Journalismus werde jedoch zunehmend dünner: „All Verwaltung, all Gemeng huet mëttlerweil opgeblose Kommunikatiounsdepartementer, an déi gi besat mat forméierten Journalisten.“
Zuletzt hat Maurice Molitor 2017 eine Kehrwende vollzogen. Nach 15 Jahren war seine Arbeit in der Chamber ausgereizt. „Und ich wurde in jenem Jahr 50.“ Es schien ihm ein guter Zeitpunkt, um wieder in den Radiojournalismus einzusteigen. „Ich glaube nicht, dass ich meinen Beruf demnächst satt haben werde“, sagte Molitor als RTL-Fernsehjournalist vor 26 Jahren gegenüber dem Land. Damals zog er seine Brille ab, um in der Straße nicht erkannt zu werden. Zu viele würden sich „nach ihm umdrehen“, das gefiel ihm nicht. Dieses Problem hat sich mittlerweile erledigt. Eins bleibt ihm aber derweil ein Rätsel: „Einerseits wird Druck ausgeübt, damit TV- und Radioformate kurz und knackig sind. Andererseits sind Podcasts erfolgreich, die sich ins Unendliche ziehen.“ Kollegen meinten, das liege am Gesprächs-
ambiente, außerdem höre man Podcasts, wenn man Lust dazu habe. „Doch so richtig plausibel scheint mir das nicht.“