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Bühne 6 Min. Lesezeit

Instinktive Momente

Um es ganz offen zu sagen: „The Game – Grand Finale“ ist zweifellos das gelungenste Stück, das wir in dieser Spielzeit gesehen haben. Die 37-jährige Jill Crovisier liefert hier eine choreografische Meisterleistung ab…

Erschienen in Ausgabe Februar 2025
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Um es ganz offen zu sagen: „The Game – Grand Finale“ ist zweifellos das gelungenste Stück, das wir in dieser Spielzeit gesehen haben. Die 37-jährige Jill Crovisier liefert hier eine choreografische Meisterleistung ab. Sie hat drei Jahre daran gearbeitet, um diese Show auf die Beine zu stellen, die bei ihrer Premiere im Théâtre de la Ville in Luxemburg ausverkauft war – eine höchste und ehrlich gesagt wohlverdiente Anerkennung. Weitere Termine stehen an, hierzulande und im Ausland, was ein weiteres Symbol für ihren Erfolg ist. Seit mehreren Jahren nun gewinnt ihre Arbeit immer mehr an Dynamik. Für Jill Crovisier begann der Aufstieg mit „The Hidden Garden“, das 2016 uraufgeführt und im vergangenen Sommer beim Edinburgh Fringe Festival wiederaufgenommen wurde. Dort inszenierte sie vor fast zehn Jahren einen fieberhaften Traum, ein rohes Erlebnis, einen Kick purer Emotionen. Inmitten eines grünen Grasteppichs enthüllte sie ihren geheimen Garten – ein spektakuläres Geständnis, hinter dem sich ein innerer Sturm verbarg. Damit war ihr Stil geprägt.

Vor einigen Jahren hatten wir in einem früheren Artikel über ihre Arbeit (d’Land, 25.06.2021) von einer gewissen „Virtuosität im Standby-Modus“ gesprochen, ohne enttäuscht zu sein, sondern eher mit dem Gefühl, dass noch etwas fehlte. In der Folge schuf die luxemburgische Choreografin sehr überzeugende Stücke, die etwas außerhalb ihres gewohnten Rahmens lagen, wie beispielsweise ihr Stück für junges Publikum „Sahasa“ (2021) oder „Onnanoko – Traces of Young Women“, das für die jungen Tänzer der Junior Company CND Luxembourg entstanden ist. Und schließlich machte sie sich an dieses große Finale, ein choreografisches Meisterwerk, das sie fragmentieren musste, um es zu befreien. Wir haben uns nach ihren genialen Visionen gesehnt, bis endlich … 2025, Luxemburg-Stadt. Ein imposantes Theater am Rande von Stadtvierteln, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Eine rohe Bühne, aus der die Deckenleuchten herausragen, auf der sich die Maschinerie, die Garderobenstangen und andere technische Elemente offenbaren, auf der das Podium, bedeckt mit einem makellos weißen Tanzteppich, den Blick auf sich zieht, als wäre es ein göttlicher Altar. Ein begeistertes Publikum nimmt in einem Saal Platz, der vor Leben nur so strotzt.

Jill Crovisier eröffnet ihre choreografischen Spiele nicht durch das Entzünden einer Flamme, sondern indem sie den Tanzteppich mit einem Peitschenknall in Brand setzt. Der Akt beginnt, und schon bald betreten acht Darsteller die Bühne, um sich auf ein gewaltiges Rollenspiel einzulassen. Auf der Bühne verschmelzen Realität und Fiktion zu einer seltsam natürlichen Andersartigkeit. Die Körper, die einfach so dort hingeworfen wurden, prallen mit herrlicher Ausgelassenheit gegeneinander. Alles ist da: das Spiel, Quelle der Illusion, der Dringlichkeit, der Aufregung … Alles, was uns von innen heraus brennen lassen kann, ob wir nun Herr, Herrin oder bloßer Überlebender sind, mit einem letzten Cent in der Tasche, den wir im Takt der ketaminartigen Musik der Spielautomaten in einen Schlitz schieben. Jill Crovisier hat sich schon lange mit diesem Thema auseinandergesetzt, und so ist das Bühnenwerk zwangsläufig tiefgründig und unternimmt eine schonungslose Analyse des Wesens des Spiels quer durch die Kulturen und diejenigen, die daran teilhaben.

Auf der Bühne entziehen sich vier Tänzer und vier Tänzerinnen dem Greifbaren, um Wesen in ständiger Bewegung zu verkörpern. Sie tanzen nicht, sie spielen. Wir sind keine Zuschauer und Zuschauerinnen, sondern Fans. Das choreografische Engagement nimmt solche Ausmaße an, dass wir gemeinsam mit ihnen mitfiebern. „The Game – Grand Finale“ ist eine Unterhaltungsshow, die unser Menschsein mit der Präzision eines Chirurgen seziert, indem sie die Mehrdeutigkeiten des Spiels erforscht. Dieses Spiel ist unterhaltsam und wettbewerbsorientiert, freiheitsliebend und zwingend, Quelle der Hoffnung und fatalistisch zugleich.

Und um ihre Aussage zu gestalten, greift Jill Crovisier über komplexe Bewegungsabläufe hinaus auf eine unverzichtbare dramatische Intensität zurück: Jeder Abschnitt ist wie ein eigenständiger Moment durchdacht, in dem sich Triumph und Niederlage vereinen. Ein Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, der uns das Stück wie ein Super-Bowl-Finale erleben lässt – und genau wie bei diesem amerikanischen Sportereignis spielt die Musik dabei eine entscheidende Rolle.

Tatsächlich ist der Soundtrack dieser Show der absolute Wahnsinn. Die Originalmusik zu „The Game – Grand Finale“, komponiert von Camille Kerger, Pol Belardi, Damiano Picci, Irving Berlin, Jake Angel, Michael Hunter, Carlos Gardel und schließlich der Choreografin selbst, verstärkt diese immersive Atmosphäre deutlich. Sie verbirgt sich in den rasanten Klangteppichen, den organischen Klangfarben und anderen elektronischen Klängen, die uns zusätzliche Anhaltspunkte für unsere persönliche Auseinandersetzung mit dem Werk liefern.

Die Musik, kurz gesagt, zieht uns in das Geschehen hinein, denn obwohl sie (bei den meisten Stücken) eigens produziert wurde, ist sie uns doch vertraut. Tatsächlich wippen wir im Takt mit, während wir den Tänzern und Tänzerinnen bei ihrer Darbietung zusehen. Diese hybride Symphonie kennt keine Grenzen. Sie jongliert mit den Genres. Von Electro-Country über das wiederkehrende Thema aus „Grand Theft Auto“ (einem heiligen Monument der Videospielwelt) bis hin zu einem Tango oder den mitreißenden Beat-Rhythmen aus den USA, entscheidet sich Jill Crovisier für eine vielstimmige Klangwelt und bekennt sich als kompromisslose Dirigentin zu diesem klanglichen Schmelztiegel, dem sie zudem eine fast eigenständige EP widmet. Achtung, Labels! Ein Produktionsdetail? Nein, das Wesen ihres Schaffens entspringt in erster Linie ihr selbst, einer leidenschaftlichen Musikerin.

Hier, in „The Game – Grand Finale“, hat jedes Staubkörnchen seinen Platz; so treten die Sohlen der modischen Schuhe auf den Asphalt, und es entsteht eine seltsame Reibung. Zwischen zeitgenössischer Trendmode und altmodischer Folklore, zwischen Urbanität und Tradition, zwischen der Idee der Figur selbst und ihrer Verkörperung in Kostüm und Schuh – Jill Crovisier überlässt nichts dem Zufall. Die luxemburgische Choreografin hat ihr Stück bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Und so wird alles zum Symbol: von den Gesten, die einer millimetergenauen Partitur folgen, bis hin zu den Schuhpaaren, die Brüder offenbaren – fiktiv auf der Bühne, real in ihrem Notizbuch. Gemeinsam, mit identischem Schuhwerk, gehen und tanzen sie in den Fußstapfen des anderen. Wie die Helden der Antike teilen sie eine heilige Rüstung.

Die Wahl dieser Schuhe, die mit dem bekannten „Salomon“-Logo versehen sind, ist von grundlegender Bedeutung. Indem sie sich in diesen Schuhen bewegen, beanspruchen die betreffenden Tänzer diesen trendigen Zeitgeist für sich – im Gegensatz oder, besser gesagt, als Ergänzung zu anderen Tänzern, die in einer älteren Folklore verwurzelt sind. Nichts ist dem Zufall überlassen, die Botschaft spiegelt sich selbstverständlich bis hin zu den ausgewählten Stoffen und deren Design wider. Und das Erbe – sei es nun Referenz oder Gemeinplatz – verleiht jedem Kostüm eine immense Erzählkraft. Hier kleiden die beiden Tänzer ihre Bruderschaft ein, anderswo ermöglicht ein Hut als Accessoire ein weiteres spielerisches Ritual; alles wird zum Relikt voller Bedeutung – das ist virtuos.

„The Game – Grand Finale“ ist nicht nur eine choreografische Performance, sondern ein Manifest, mit dem die Choreografin Codes und Referenzen aufgreift, um mit unseren Erwartungen zu spielen. Denn hier hat im Grunde jede Entscheidung, die auf der Bühne getroffen wird, Einfluss auf dieses spektakuläre Erlebnis. Jill Crovisier präsentiert ein anspruchsvolles, eindringliches und zutiefst menschliches Stück, das den Weg zu einer philosophischen Auseinandersetzung mit dem Spiel im ursprünglichen Sinne ebnet: jenem Spiel, das uns ebenso aus der Bahn wirft, wie es uns begeistert. Das Ergebnis ist ein Mix aus Momenten choreografischer Intuition und einem tiefen Eintauchen in eine, gelinde gesagt, universelle Reflexion über uns als Tiere: leidenschaftlich dem Ball verfallen und unseren Urtrieben ausgeliefert.