Im Mittelpunkt des neuen Stücks des TOL, „Vidéo Club“ (2023) des französischen Dramatikers Sébastien Thiéry, steht ein Paar. Diese zugleich lustige, pointierte und spannungsgeladene Komödie wird von einem mitreißenden Duo getragen – Olivier Foubert und Colette Kieffer – unter der erfrischenden Regie von Stéphane Robles (2024 in „Times Square“ zu sehen), dem Komplizen von Pauline Collet, die das Stück konzipiert hat.
„Vidéo Club“ bringt die Zuschauer zum Lachen und beleuchtet zugleich die Beziehung, ihre unausgesprochenen Dinge, ihre unauffälligen Schritte und ihre Lügen. Es geht dabei auch um den Blick der anderen, um den Schutz der Privatsphäre oder auch um (Video-)Überwachung in einer Zeit, in der Bilder in den sozialen Netzwerken nur so wimmeln und künstliche Intelligenz sogar in die Privatsphäre vordringt. Man verlässt das Theater gut gelaunt, fast schon beruhigt durch das sich neu erfindende Paarleben: „ Wollen wir es versuchen ? “, sagt Jean-Marc am Ende der Vorstellung, während im Hintergrund der Slow von Scopions „Still Loving You“ erklingt – die Musik der Anfänge, die wiederkehrt.
Der Autor, der fünfzigjährige Sébastien Thiéry, ist zugleich Schauspieler. Er ist ein Liebhaber des schwarzen Humors, der von Absurdität durchzogenen Komödie und des Fantastischen. Er ist regelmäßig am TOL zu sehen (Qui est Monsieur Schmitt?, L’Origine du monde, Comme s’il en pleuvait) und kehrt nun mit einem Stück zurück, dessen umgangssprachlicher Text voller Witz (in den Worten und Situationen), Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit sowie Spott ist.
Ein fest zusammengewachsenes Paar wird entblößt. Beide sind fünfzig Jahre alt und seit 25 Jahren ein Paar; sie ist Comiczeichnerin, er Werber in einer großen Agentur. Auslöser ist ein mysteriöser Eindringling: eine Überwachungskamera, die auf einem Bücherregal montiert ist und einen Blick in ihre Küche freigibt. Das Stück beginnt in diesem Raum und wird dort gespielt. Auf der Bühne befindet sich eine modern gestaltete Küche mit weißen Fliesen, grünen Möbeln, grauen Haushaltsgeräten und orangefarbenen Accessoires, in der alles an seinem Platz ist.
Es ist Essenszeit, Justine (Colette Kieffer) und Jean-Marc (Olivier Foubert) sitzen gemeinsam bei dem Essen, das sie zubereitet hat. An diesem Abend kommt es zu einem Streit, die Gemüter erhitzen sich. Das Eintreffen einer seltsamen E-Mail unterbricht die Diskussion abrupt – mit einem Video. Sie werden gefilmt und sind live auf Sendung! Sie finden die Webcam und ziehen den Stecker, doch die Geschichte nimmt eine spannende Wendung. Weitere E-Mails tauchen am Tisch auf, und im Laufe der Tage erscheinen Videos aus der Vergangenheit auf ihren Bildschirmen, die für die Zuschauer an der Rückwand projiziert werden.
Jetzt ist die Zeit des großen Auspackens gekommen: Essen, Geld, Sucht, Betrug, kleine Lügen oder geringfügige Diebstähle – alles dient als Vorwand, um alles in Frage zu stellen. Und auch wenn man vorgibt, nach dem Absender zu suchen, richtet sich der Fokus doch schnell wieder auf die Partnerschaft: Vertrauen, Wahrheitspflicht, Liebe, Beständigkeit … alles gerät ins Wanken! Jeder zweifelt am anderen, an sich selbst, daran, was aus ihm geworden ist. Eine beunruhigende Fremdheit breitet sich aus, das Licht verfärbt sich ins Gelb-Orange, Gegenstände erwachen zum Leben, Halluzinationen gewinnen an Boden.
Stéphane Robles gelingt es gekonnt, das Zusammenspiel der Figuren in einem Wechselspiel aus Nähe und Distanz zu inszenieren. Er lässt das Fantastische in die Realität einfließen und schafft den notwendigen Abstand zwischen Bühne, Video und Publikum. Bei seiner Inszenierung wird er unterstützt von Manu Nourdin (effiziente und präzise Lichtgestaltung), Joanie Rancier (einfallsreiche Bühnenbildgestaltung) sowie Justin Pleutin, der für Kostüme und Video verantwortlich ist (ein wesentlicher und zentraler Bestandteil der Aufführung) und ebenfalls auf der Bühne zu sehen ist.
Besonderer Beifall gilt vor allem der großartigen Leistung von Colette Kieffer und Olivier Foubert, die ein Paar am Rande eines Nervenzusammenbruchs und kurz vor dem Zusammenbruch zum Leben erwecken. Mit energiegeladenem Spiel auf der Bühne und einer gut eingespielten Gestik, zwischen Routine und Loslassen, mit mal synchronen, mal versetzten Bewegungen, mit vielsagenden Blicken und ausdrucksstarken Mienen, verleihen sie dem Paar Tiefe, halten das Publikum in Atem und schaffen es, es zum Lachen zu bringen und zu rühren. Eine gelungene Herausforderung!
Vidéo Club von Sébastien Thiéry und Stéphane Robles, eine witzige und schräge Show über die Liebe, aber auch über das Vergehen der Zeit. Unbedingt anschauen!