„Et ass e Supergau“
d’Land: Die Jugendschutzreform und die Einführung eines Jugendstrafrechts lassen seit Jahren auf sich warten. Luxemburg ist im internationalen…
„Solche Diskussionen sind gefährlich“, meinte Martine Deprez am 5. Januar 2024. Die neue Regierung war sechs Wochen im Amt, die CSV-Sozialministerin legte gegenüber dem Land ihre Vorstellungen von einer Pensionsreform dar. Für gefährlich hielt sie Diskussionen, ob Menschen, die wenig verdienen…
„Solche Diskussionen sind gefährlich“, meinte Martine Deprez am 5. Januar 2024. Die neue Regierung war sechs Wochen im Amt, die CSV-Sozialministerin legte gegenüber dem Land ihre Vorstellungen von einer Pensionsreform dar. Für gefährlich hielt sie Diskussionen, ob Menschen, die wenig verdienen, früher sterben. Dadurch als Pensionierte weniger Zeit haben, ihre Rente zu genießen, und so die Renten von Besserverdienenden subventionieren, falls die länger leben.
Die Cellule scientifique der Abgeordnetenkammer hat nun vorgerechnet, dass genau das der Fall ist. Am Freitag voriger Woche stellte die Kammer den 49 Seiten langen Bericht (Note de recherche scientifique – 042) ins Internet. In der „population cœur“, wie die Studie sie nennt (ansässige Pensionierte mit Luxemburger Staatsbürgerschaft und mindestens 30 Jahren Beitragskarriere), leben Männer im Dezil mit den höchsten Renten- oder Pensionsleistungen rund sechs Jahre länger als im niedrigsten Dezil. Für die Frauen lasse sich das nicht statistisch signifikativ angeben, wegen unterbrochener Beitragslaufbahnen oder längeren Perioden in Teilzeit. Bei den Männern hingegen sei das stark signifikativ und stabil im Zeitraum 2005 bis 2024.
Zweitens: Wird das Renteneintrittsalter mitbetrachtet, sind in der „population cœur“ die Männer im höchsten Dezil fünf Jahre länger in Rente als im niedrigsten. Die beiden Autoren der Studie, Estelle Mennicken von der Cellule scientifique der Kammer und Louis Chauvel, Soziologieprofessor und Ungleichheitsforscher an der Uni Luxemburg, heben hervor: „Les bénéficiaires des pensions les plus élevées ne vivent donc pas seulement plus longtemps: ils passent également plus de temps en retraite.“
Angefragt hatte die Studie der Linken-Abgeordnete Marc Baum. Die politische Sensibilität der Linken schrieb am Montag in einer Presserklärung, die Studie „change les termes du débat“. Wahrscheinlich stimmt das. Die Position, länger arbeiten zu lassen, um das Rentensystem finanziell abzusichern, hat es nun schwerer. Vielleicht hat sie sich politisch sogar für einige Zeit erledigt. Wie groß das Protestpotenzial gegen méi laang schaffen ist, zeigte die Kundgebung der Gewerkschaften am 28. Juni 2025. Seit vergangener Woche gibt es nachträglich wissenschaftliche Argumente zur Untermauerung.
Die Linken sehen sich durch die Studie in ihrer Position bestärkt, dass die Rentenkasse mehr Einnahmen brauche. Sie wiederholen ihre Forderung, die Beitragsobergrenze vom fünffachen Mindestlohn abzuschaffen, ohne dass es für die dann höheren Beiträge höhere Leistungen gäbe. Doch dieser Schritt, falls er politisch durchsetzbar wäre, würde nichts daran ändern, dass Geringverdienende offenbar wenig vom Zuwachs der Lebenserwartung mit 60 profitieren, der zwischen 1981 und 2022 rund sechs Jahre betrug. Sie hätten dennoch weniger Zeit, ihre Rente zu genießen, als Besserverdienende. Nur das System insgesamt erhielte mehr Geld. Und es bliebe dabei, dass es doppelt so viel an Leistungen verspricht, wie es Einnahmen hat, und abhängig ist von hohem Beschäftigungswachstum.
Logisch wäre der Schluss, früher in Rente gehen zu lassen, wer wenig verdient. Was schwierig zu entscheiden wäre und vielleicht nicht immer sozial gerecht. Gangbarer wäre eine Senkung der Beitragsobergrenze, vielleicht auf drei oder 3,5 Mal den Mindestlohn. Zwar bliebe wohl auch dann ein Unterschied in der Lebenserwartung, aber die hohen Renten würden nach und nach aus dem System verschwinden. Der Subventionseffekt aus niedrigen Renten, deren Bezieher/innen weniger lange leben, würde kleiner. Alternativ könnte man die Rentenformel ändern: Ab einem bestimmten Niveau eingezahlter Beiträge würden die Leistungen gekürzt.
Politisch leicht hätten solche Ansätze es selbstverständlich ebenfalls nicht. Sie wären aber ein Beitrag, um das Rentensystem nicht nur in sich gerechter, sondern auch auf längere Sicht nachhaltiger zu machen: Beiträge und Rentenversprechen kämen näher beieinander. Und wieso sollte, wer viel verdient, nicht einen privaten Vertrag im dritten Pfeiler abschließen? Falls er oder sie nicht Eigenheimbesitzer ist und so fürs Alter vorsorgt. Sodass eine hohe Rente zum informellen Enkelkindergeld wird, wozu die Sécu wirklich nicht gedacht sein kann..
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