Das Wort befindet sich seit 2020 in einem Selbstfindungsprozess. Die neue Chefredakteurin Ines Kurschat setzt auf Meinungsvielfalt –das sorgte im vergangenen Jahr für Kontroversen

„Verwirrung der Geister“

Die Publikationsleiterin Ines Kurschat (Mitte) beim Neujahrsempfang von Premier Luc  Frieden 2025
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 09.01.2026

Zum Jahresbeginn zeigt das Wort ein neues Gesicht. Der Schriftsteller Antoine Pohu schaut einem vom Kult-Cover entgegen. Kult, das ist das neue Kulturmagazin des Luxemburger Wort. Auf Seite 5 wird über „popkulturelle Must-haves“ berichtet, über BookTok und neue Netflix-Serien. Eine Seite weiter erklärt die Rapperin Shania Kraemer: „Bei mir wird die Frau nicht sexualisiert.“ Und Corbi verkündet, sein „Hunger auf Hip-Hop“ sei wieder da. Mit pinken Buchstaben wird über das Kino- und Theaterprogramm berichtet – man versucht ein jüngeres Publikum zu adressieren. Kult ist wie eine Revue ohne Glanzpapier und mit weniger Seiten; doch wie Marc Thill in den Kulturseiten diese Woche erklärte, wolle man in den kommenden Monaten nicht beim Papier bleiben, sondern die aufgegriffenen Themen audiovisuell erweitern.

Nach 77 Jahren und über 2 800 Ausgaben wurde die Warte eingestampft und durch das Monatsmagazin Kult ersetzt. In altbackenem Layout brachte die Warte zuletzt geisteswissenschaftliche Beiträge und Rezensionen von Ausstellungen und Büchern. Am 10. Dezember letzten Jahres wandten sich Wort-Chefredakteurin Ines Kurschat und Kulturredakteur Marc Thill an die bisherigen Warte-Korrespondenten: „Interne Analysen“ hätten ergeben, dass „verschiedene Formate“ auf „sinkenden Anklang stoßen“. Die Langformate von Korrespondenten wurden nun durch Kurzformate aus der eigenen Kulturredaktion ersetzt. Weitere Änderungen für dieses Jahr wurden Ende Dezember 2025 angekündigt, wie die Auffrischung der Finanzseiten und vermehrte Live-Events. Bekannt ist auch, dass der jetzige Inhaber, der flämische Mediahuis-Konzern, nicht mehr mit neuen Abonnenten und einem Anzeigen-Zuwachs im Printgeschäft rechnet. Wann die Tageszeitung sich vom Papier trennen will, bleibt ein Betriebsgeheimnis. Ein Gespräch mit dem Land, lehnte das Wort ab.

Vor einem Jahr wurde Ines Kurschat Publikationsleiterin des Wort sowie von Virgule, Contacto, der Luxembourg Times, dem Télécran und Radio Latina. „Es braucht unaufgeregten Journalismus“, titelte sie über ihrem ersten Leitartikel als Chefredakteurin. Man lebe in Zeiten, in denen das Vertrauen in die Politik schwinde, „extreme Parteien Zulauf bekommen“ und das Vertrauen in die Medien schwinde. Für erhöhte mediale Aufmerksamkeit sorgten „Empörung, Angst und andere Emotionen“. Wer jedoch „ständig Öl ins Feuer gießt“, statt „unideologisch Fakten zu recherchieren“, trage dazu bei, „das Gleichgewicht der Demokratie zu verschieben“.

Auf ihr erstes Jahr an der Spitze des Medienunternehmens scheint die Journalistin zufrieden zurückzublicken. „Ich würde es nicht anders machen“, lautete ihre Antwort auf die Frage der Radio-100,7-Journalistin Paule Rodesch, welche „Lehren aus den Affären des vergangenen Jahres“ gezogen worden seien. Die erste Empörungswelle, die dem Wort entgegenschlug, erfolgte Anfang Mai, nachdem Fred Keup in einem Meinungsartikel schrieb, die Grünen seien unbeliebt, weil sie – wie „einige“ sagten – eine „grüne Sekte“ oder „grüne Faschisten“ seien. Die Abneigung resultiere aus einem „ständigen Angriff auf die Freiheit“. Die Partei wolle ein „Verbot von Verbrennerautos, Verbot von Gasheizungen, Verbot von Strohhalmen“ und zudem „Mamm a Papp“ abschaffen. Dass Luxemburg etwas gegen den Klimawandel unternehmen könnte, sei außerdem Teil einer „langen Liste an grünen Fake News“, schrieb Keup in den Wort-Spalten. In den sozialen Medien hagelte es daraufhin Kritik; dem Wort wurde vorgeworfen, Rechtsextremismus Vorschub zu leisten.

Anfang Oktober verfasste der DP-Abgeordnete Gérard Schockmel seinerseits einen Meinungsbeitrag. Darin wandte er sich gegen das Vorhaben, das Recht auf Abtreibung in die Verfassung aufzunehmen. Der Infektiologe offenbarte dabei eine binäre Weltsicht: Der heutige Feminismus sei eine „rücksichtslose Ideologie, die eine Hälfte der Bevölkerung (Frauen) gegen die andere Hälfte (Männer) aufwiegelt“, er „polarisiere und radikalisiere“ die Gesellschaft. Es handele sich um einen Feminismus, der verlange, „dass mit staatlichem Zutun gewaltsam eine ausgesuchte Klientel von Frauen in höhere Ämter befördert wird“. Schockmel spricht von einem „Diktat des Feminismus“, das „unseren Politikern und Männern in führenden Positionen einen Maulkorb“ aufzwinge. Das Ziel des Feminismus sei „die systematische Diskriminierung des Mannes“.

Die feministische Plattform JIF zeigte sich entrüstet und behauptete, das Wort hätte den Gastbeitrag nicht abdrucken dürfen. Mitte Oktober verteidigte Ines Kurschat dessen Veröffentlichung in einem Leitartikel: Dass ein Liberaler den Feminismus karikiere und Geschlechter gegeneinander ausspiele, stelle ein neues Moment in der Abtreibungsdebatte dar. Seine Partei sah sich gezwungen, Stellung zu beziehen; DP-Gleichstellungsministerin Yuriko Backes postete nach Erscheinen des Artikels auf Facebook: „Traureg de Weekend mat esou engem Gaaschtbäitrag unzefänken“. Nun wisse jeder, wie der DP-Abgeordnete Schockmel „ticke“, argumentierte Kurschat.

Auch was der ADR-Abgeordnete Fred Keup denke, habe man nicht vorenthalten wollen. Zwar enthalte sein Text „Halbwahrheiten und Fake News“, es sei jedoch an den Leserinnen und Lesern, sich „ihre eigene Meinung zu bilden“, schrieb sie Mitte Mai im Wort. Anders als die Wortmeldung Schockmels enthielt jene von Fred Keup allerdings keine neue Positionierung, sondern reproduzierte die bekannten Topoi europäischer Rechtspopulisten, die bereits täglich über Memes, Videoschnipsel und Kommentare im Netz zirkulieren. Sein Beitrag ist Teil einer systemischen Debattenverlagerung, in der begründete Urteile keine Rolle mehr spielen sollen und eine Meinungskakophonie einem fruchtbar-kontroversen Dialog entgegensteht.

Von Vikar Laurent bis Ines Kurschat

Debatten über Meinungspluralismus sind nicht neu. Das Wort begann zunächst in einem klar definierten Korridor zu agieren: Die 1848 von Vikar Johannes Theodor Laurent und dem deutschen Theologen Eduard Michelis gegründete Tageszeitung – drei Tage nach Einführung der Pressefreiheit – sollte im 19. Jahrhundert die Interessen des Klerus in einem Sprachrohr bündeln und gegebenenfalls gegen das liberale Bürgertum mobilisieren. 1933 noch stand im Wort: „Die Völker reagieren schließlich mit Gewalt auf eine Krankheit, die Liberalismus und Sozialismus nun einmal sind. Und da ist gar kein Schaden darum. [...] Ein bißchen Faschismus – wohl verstanden – wäre absolut nicht vom Uebel“. Fünf Jahre später jedoch schrieb sie mutig gegen Nazi-Deutschland an. Doch mit dem Einmarsch der deutschen Truppen 1940 wurde die Tageszeitung im Zuge der Besatzungspolitik gleichgeschaltet. Ihr Direktor Jean Origer sowie die Redakteure Batty Esch und Pierre Grégoire wurden in ein Konzentrationslager deportiert; die Inhaftierung überlebte nur der Warte-Gründer und spätere CSV-Kulturminister Pierre Grégoire.

In Zeiten des Kalten Krieges sah Chefredakteur André Heiderscheid es als seine Aufgabe, die Gesellschaft vor sozialistischem Gedankengut zu schützen. So schrieb er 1975, „die Zeitung des Bischofs“ werde marxistischen Ideen „in ihren verschiedenen Schattierungen“ keinen Raum bieten, da man nicht zur „Verwirrung der Geister“ beitragen wolle. Der Ruf linkskatholischer Kreise nach mehr Pluralismus drohe aus dem Wort ein „meinungsloses Allerweltsblatt“ zu machen. Die Redaktion habe den Unterschied zwischen „christlichem Engagement“ und „linksozialistischer Ideologie“ sowie zwischen „wirklicher Information“ und „versteckter Propaganda“ zu benennen. Das hieß für Heiderscheid, dass man sich weder für die Belange portugiesischer Gastarbeiter einsetzen noch das Apartheidregime in Südafrika kritisieren durfte.

Als Léon Zeches 1976 Chefredakteur wurde, modernisierte sich die Zeitung allmählich. Man begann, auch über Kongresse und Initiativen anderer Parteien als der CSV zu berichten. Im Jahr 2000 schrieb Zeches rückblickend im Forum: Er habe sich 1979, im Vorfeld der damaligen Parlamentswahlen, sogar getraut, die rhetorisch gemeinte Frage zu stellen, ob eine CSV-geführte Regierung die Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre besser abgefedert hätte als die damalige DP-LSAP-Regierung.

Das Wort schwemmte früh auch Journalisten in die Rechtspartei – und später in die CSV. Bereits 1855 wechselte mit Abbé Nicolas Wies der erste Wort-Journalist ins Parlament. Ein jüngeres Beispiel ist die ehemalige Wort-Redakteurin Viviane Reding, die später in der CSV Karriere machte. Ab 2016 versuchte der heutige Premierminister Luc Frieden als Vorsitzender des Verwaltungsrats von Saint-Paul, das Blatt wieder enger an die CSV zu binden, und setzte Jean-Lou Siweck 2017 vor die Tür, nachdem dieser daran war, das Wort zu einer parteineutralen Zeitung umzugestalten.

Zu einem eindeutigen Bruch mit der CSV kam es, als Media-
huis die Zeitung 2020 für 38 Millionen Euro übernahm und fünf Monate nach dem Kauf den Abbau von etwa 80 Stellen veranlasste – rund ein Viertel der Belegschaft. Aufgrund einer Gesetzeslücke kündigte der neue Aktionär recht skrupellos Laurent Zeimet, der sich zu diesem Zeitpunkt wegen seines Mandats als CSV-Abgeordneter und Bürgermeister im politischen Urlaub befand. Bis zum Verkauf an Mediahuis im Jahr 2020 war die Zeitung zu hundert Prozent im Besitz des Bistums.
Die neue Publikationsdirektorin Ines Kurschat stammt aus dem Norden Deutschlands, war 17 Jahre Redakteurin beim Land, kurzzeitig Kommunikationsbeauftragte beim Ombudsman fir Kanner a Jugendlecher (Okaju) und 2023 zunächst Politik-Journalistin beim Wort. Derzeit will sie eine Überarbeitung der redaktionellen Linie voranbringen, die den christlichen Hintergrund aus der Tageszeitung tilgen soll. In einem Interview in ihrer Zeitung, sagte sie, ihr „Ziel“ sei es vor allem „eine größere Meinungsvielfalt“ in ihr Blatt zu bringen „und Platz zu haben für alle politischen Anschauungen, solange sie nicht aus dem Rahmen der Verfassung fallen“.

Neue Software und Clickbait

Mit Mediahuis zog eine neue technologische Kultur und Arbeitsmentalität ins Haus. Der Konzern band das Wort sukzessive an seine Infrastruktur an: Betriebssysteme und Verwaltungsprogramme wurden ausgetauscht, das Organigramm und die Leistungsziele angepasst. Der belgische Inhaber setzt auf „digital first“ und langfristig auf „digital only“. Eine ehemalige Mitarbeiterin erinnert sich an „weltführende Technologie“ und Ausstattungen, wie sie damals neben Media-
huis vor allem Häuser wie die New York Times hatten. Zugleich begann ein Live-Tracking: Wie oft wurde ein Artikel angeklickt? Wie lange wurde er gelesen? Hat er Abos generiert? Das kann ein ungesundes Konkurrenzdenken fördern. Unter Jean-Lou Siweck wurden bereits Weiterbildungen angeboten, in denen aufmerksamkeitsbindende Schreibtechniken vermittelt werden: Wie teasert man, damit jemand auf die Wort-Seite oder in die App gelangt? Die Versuchung, populistisch abzubiegen, kann dadurch genährt werden.

Der Verdacht, journalistische Redlichkeit sei zugunsten von Clickbait-Journalismus geopfert worden, wurde insbesondere Ende Mai 2025 laut. Das Wort veröffentlichte ein zehnminütiges Interview mit einem Mann, der wegen Besitzes und Produktion kinderpornografischer Bilder sowie Kindesmissbrauchs verurteilt worden war. Der Vater, der Ende März in erster Instanz zu dreizehn Jahren Haft verurteilt worden war, durfte sich im Wort als Persona non grata selbst bemitleiden: „Keiner ruft mich an, niemand hat mir die Gelegenheit gegeben, meine Seite der Geschichte zu erzählen“, wird er zitiert. „Wie in den USA“ werde er „an den Pranger gestellt“. Nun drohe seine Familie, mit der er weiterhin zusammenlebt, daran auseinanderzubrechen. Die beiden Redakteure schreiben, man habe dem „Beschuldigten im Rahmen einer fairen Berichterstattung die Möglichkeit gegeben, sich zu den Tatvorwürfen zu äußern“. Eine weiterführende Analyse über die gesellschaftspolitischen Herausforderungen angesichts uneinsichtiger Täter, die weiterhin mit ihren minderjährigen Opfern zusammenleben, sucht man in dem Text jedoch vergeblich. Am Tag nach der Veröffentlichung zeigte sich RTL-Journalistin Annick Goerens in einem Zwischenruf entsetzt: Der Text sei „Jamais-vu“, es handele sich um „pueren Voyeurismus“. Auch gemeinnützige Organisationen wie Innocence en Danger und La Voix des survivant(e)s waren schockiert; im Text werde das Inakzeptable banalisiert. Chefredakteurin Ines Kurschat sieht das anders. Im Radio 100,7 sagte sie, Meinungsfreiheit bedeute auch, „sich mit einem Sexualstraftäter aus-
einanderzusetzen und darüber zu publizieren“.

Die Reichweite des deutschsprachigen Wort geht derweil vor allem im Print stark zurück. Von 2018 bis 2023 sank die verkaufte Auflage von 52 231 auf 43 231 Exemplare. Neuere Zahlen nannte Ines Kurschat auf Nachfrage im Radio 100,7 im März des vergangenen Jahres nicht; die Digitalisierung werde jedoch vorangetrieben, und dank positiver Geschäftsbilanzen blicke sie zuversichtlich auf diesen Prozess. Tatsächlich hat Mediahuis Luxembourg üppige Gewinne verbucht: Fast sieben Millionen Euro im Jahr 2024, fast sechs Millionen im Jahr zuvor; das Unternehmen ist jedoch zu jung, um von einen Trend zu sprechen. Probleme persistieren jedoch bei der Rekrutierung von Journalisten, wie die Präsidentin des Verwaltungsrates Martine Reicherts in einem Interview im Radio 100,7 Anfang letzten Jahres sagte. Ihre Gehälter seien nicht mit jenen des Staates konkurrenzsfähig, man sehe sich gezwungen, sich „in der Großregion umzusehen“. Sprich Leute einzustellen, mit wenig Gespür für hiesigen Gepflogenheiten.

Das Wort ist mit Abstand die älteste und größte Zeitung Luxemburgs. Doch ihres Stellenwertes war sich die Redaktion im vergangenen März nicht mehr sicher und titelte: „Wie das Wort zum Leitmedium für Luxemburg werden will“. Warum dieser Titel? Ist das Wort denn kein Leitmedium?, fragte Radio-100,7-Journalist Rick Mertens. Kurschat antwortete: „Mir haten a läschter Zäit vläicht net emmer eng kloer Direktioun.“ Die Umbruchszeit hat offenbar für Unklarheit gesorgt, wofür das Wort heute steht.

Stéphanie Majerus
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