Gespräch mit Mario Grotz, CEO von Luxinnovation

„Die ganz liberale Wirtschaft gibt es nicht mehr“

d'Lëtzebuerger Land vom 21.11.2025

Luxinnovation ist Luxemburgs Innovationsagentur, ein Groupement d’intérêt économique, das vom Staat, der Handelskammer, der Handwerkskammer und der Fedil getragen wird. Zu ihren umfangreichen Missionen gehört unter anderem die Förderung von Forschung, Entwicklung, Innovation, Technologietransfer sowie von innovationsbereiten Unternehmen. Mario Grotz ist seit 1. März dieses Jahres CEO von Luxinnovation.

d’Land: Herr Grotz, wozu dient eine Innovationsagentur? Müssten Unternehmen nicht von sich aus innovieren, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Mario Grotz: Das geschieht. Aber man muss zwischen Prozessinnovation und Produktinnovation unterscheiden. Prozessinnovationen verbessern die Organisation und die Abläufe im Betrieb. Der Gewinn daraus ist ziemlich offensichtlich, deshalb nehmen die Betriebe solche Innovationen tatsächlich oft, nicht immer, von sich aus vor. Die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen ist komplexer. Vielleicht hat ein Betrieb die technologischen Mittel dafür nicht in-house und muss sie am Markt einkaufen. Sowieso muss er den Markt in dem Bereich analysieren, wo innoviert werden soll. Wer innovieren will, muss sehr strukturiert vorgehen.

Und dabei ist Luxinnovation behilflich?

Wir unterhalten eine ganze Reihe Fit4-Programme. Fit4Innovation zum Beispiel ist für Prozessinnovationen gedacht: Wir analysieren mit dem Betrieb die Prozeduren und Prozesse, die verbessert werden sollen, und helfen beim Aufstellen einer Roadmap. Für Produktinnovationen ist der Ansatz breiter. Wir beraten bei der Entscheidung, wo innoviert werden soll, was der Betrieb zu diesem Zweck selber entwickeln kann und was er besser am Markt einkauft. Dort liegt unser Haupt-Mehrwert. Wir helfen auch, Partner in der Forschung für Innovationen zu finden.

Vergibt Luxinnovation auch Innovationsbeihilfen?

Das macht das Wirtschaftsministerium. Es verfügt über eine ganze Palette von Instrumenten. Wir weisen darauf hin, welche Beihilfen für ein Innovationsprojekt passen, und helfen, den Beihilfenantrag so aufzustellen, dass er vom Ministerium wahrscheinlich akzeptiert wird. Wir schreiben den Antrag nicht, sehen ihn aber durch. Fast alle Dossiers, die mit unserer Hilfe eingereicht werden, gehen durch. Aber natürlich ist kein Unternehmen verpflichtet, Luxinnovation einzuschalten, weder für die Innovation selber noch für Beihilfenanträge.

Die Handelskammer ermittelte vor einem Jahr in einer Umfrage, dass knapp 64 Prozent der Unternehmen in den vergangenen drei Jahren innoviert hatten. Ist das ein gutes Resultat?

Ja. Aber wenn man genau hinschaut, waren nur 21 Prozent dieser Innovationen Produktinnovationen. Dagegen wurden zu 75 Prozent Prozesse, der Verkauf oder das Geschäftsmodell verbessert. Man sieht, dass Produktinnovationen schwieriger sind.

In der Umfrage gaben die meisten Betriebe mangelnde eigene finanzielle Mittel und die aus ihrer Sicht zu geringe Anreizwirkung von Beihilfen als Haupthindernisse für Innovationen an. Gleichzeitig erklärten 78 Prozent, sie wüssten nicht gut Bescheid über die Beihilfen.

Das hat mich erstaunt. Es ist auch nicht gerade eine Erfolgsmeldung für Luxinnovation. Ich hatte gehofft, dass der Anteil dieser Antwort bei unter 50 Prozent liegen würde. Dass er so hoch ausfiel, liegt vielleicht daran, dass viele Klein- und Mittelbetriebe so tief im Tagesgeschäft stecken, dass ihnen wenig Zeit bleibt, sich über Innovationsförderung zu informieren. Denn dass die Informiertheit mit der Größe des Unternehmens zunimmt, ergab die Umfrage auch.

Sie sind seit 1. März CEO von Luxinnovation. Schon unter ihrer Vorgängerin Sasha Baillie war eine interne Reorganisation der Agentur gestartet worden. Was ist das Ziel?

Luxinnovation ist enorm gewachsen, von vier oder fünf Mitarbeitern seit der Jahrhunderwende auf an die hundert heute. Neue Aktivitäten kamen hinzu, jedes Mal entstand eine neue Abteilung. Das führte zu Silos, seit drei Jahren sind wir dabei, die aufzubrechen. Jeder Mitarbeiter war Spezialist auf seinem Gebiet, hatte jedoch keinen Überblick über das große Ganze. Was wir brauchen, ist ein transversales Team, das alle unsere Services kennt. Wir haben immerhin mehr als 70 verschiedene Services. Und nicht nur das, wir müssen auch sagen können, welche Services die anderen Akteure in der Innovation, die Universität und die Forschungsinstitute, zu bieten haben. Denn unsere Mission besteht darin, die mit anzubieten. Wir brauchen also ein transversales Verkaufs-Team. Dahin zu kommen, ist eine beträchtliche Umstellung. Es wird Luxinnovation aber erlauben, größere Innovationsthemen zu bearbeiten, was mit der Silo-Mentalität nicht möglich war.

Luxinnovation soll nicht nur mit Klein- und Mittelbetrieben zusammenarbeiten, sondern auch mit großen?

Das tun wir heute schon, wir decken das ganze Spektrum ab. So unterstützen wir sowohl kleine als auch große Unternehmen bei der Integration von KI in ihre Prozesse. Gleichzeitig arbeiten wir an Projekten, die dem Innovations-Ökosystem zugutekommen, etwa dem Technologietransfer zwischen öffentlicher Forschung und Unternehmen. Da wirken mehrere Akteure mit, wir haben eine koordinierende Rolle.

Die Wirtschaftstheorie betrachtet Innovation ja so: Innoviert ein Unternehmen nicht aus sich selbst heraus, liegt Marktversagen vor, denn der Produktivitätsgewinn aus der Innovation ist für den Unternehmer nicht interessant genug. Für solche Fälle gibt es Wirtschaftspolitiken und Beihilfen, oder die öffentliche Hand tritt mit Investitionen in Vorleistung. Sie sprechen von 70 Services, die allein Luxinnovation anbietet, und von einer ganzen Palette an Beihilfen vom Staat. Heißt das, Marktversagen tritt systematisch auf, und was sagt uns das über den Kapitalismus heutzutage?

Es sagt uns, dass es die ganz liberale Wirtschaft nicht mehr gibt. Innovation kann teuer sein. Ich meine, viele Unternehmen könnten sich ohne staatliche Hilfe teure Innovationen nicht leisten. Ein anderer Aspekt, und vielleicht keine optimale Entwicklung, besteht darin, dass solche Beihilfen auch dazu dienen, Unternehmen anzuziehen. Ein Unternehmen kann sagen: Kriege ich von dir keine Beihilfe, bekomme ich sie anderswo.

Wenn nicht in Luxemburg, dann in Frankreich?

Nein, in der EU ist der Rahmen für alle gleich. Aber China subventioniert Forschung und Innovation ganz massiv und wurde dadurch in vielen Bereichen der Industrie führend. Dass faire Wettbewerbsbedingungen für alle gewährleistet sind, ist entscheidend. Sie haben Marktversagen erwähnt. Auch das ist ein EU-Thema, sogar ein großes. Bleiben Innovationen aus und ein Unternehmen ist nicht mehr wettbewerbsfähig, kann darunter eine ganze Wirtschaft leiden, wie im Draghi-Bericht nachzulesen ist. In Brüssel wird das diskutiert. Die Generaldirektion Wett-
bewerb der EU-Kommission hat die extrem komplexen Beihilferegeln so formuliert, dass Beihilfen nur bei Marktversagen gewährt werden können. Aus Sicht der Kommission liegt Marktversagen dann vor, wenn ein Unternehmen einen Antrag auf eine Innovationsbeihilfe stellt, ehe es die Innovation in Angriff genommen hat. Man kann das für diskutabel halten. Vielversprechende Innovationen, die ohne vorherige Antragsstellung in Angriff genommen werden, werden abgelehnt. Das passiert Klein- und Mittelbetrieben, die sich im Regelwerk nicht gut auskennen, öfter. Sie sehen aber, dass in der EU das Verständnis von Marktversagen auch ein strategisches ist.

Im Rahmen der AI Factory koordiniert Luxinnovation die Projekte um Supercomputer, KI und Quantencomputer. Ich nehme an, da agieren Sie voll im Marktversagen.

Ein Unternehmen würde so ein Ökosystem nie finanzieren. Es sind Strukturen, die anschließend mutualisiert werden können. Der Staat tritt auch in Vorleistung, um Kompetenzen aufzubauen. Die Frage ist aber, wer bezahlt den Privatsektor dafür, sie zu nutzen? Darüber kann man lange diskutieren.

Man kann nicht davon ausgehen, dass der Privatsektor weiß, wofür er die Kapazitäten eines Supercomputers nutzen kann?

Ich frage mich, ob es richtig ist , dass extrem wichtige Infrastrukturen dem Privatsektor gratis zur Verfügung stehen sollen, nur weil er sie sonst nicht nutzen würde. In Luxemburg wurde ein Geschäftsmodell um die Supercomputer-Projekte aufgebaut. Die anderen EU-Länder haben Supercomputer in Universitäten integriert, dort aber werden sie kaum oder gar nicht von Klein- und Mittelbetrieben und von Start-ups genutzt, da es keine gemeinsame Sprache zwischen den verschiedenen Aktueren gibt. Deshalb haben wir eine Privatgesellschaft gegründet, Luxprovide s.a., sie bietet Rechenkapazitäten für den akademischen Sektor, den Staat und den Privé an. Luxprovide hat auch ein Verkaufs-Team auf, das Unternehmen sucht, die die Infrastruktur benutzen.

Funktioniert das?

Den Supercomputer Meluxina nutzen mehr als 60 Unternehmen. Das ist im Ausland, wo Supercomputer in Unis stehen, bei Weitem nicht so. Viele Länder beneiden uns um unser System. Doch EuroHPC, eine gemeinsame Initiative der EU-Kommission und der Mitgliedsstaaten, ist der Auffassung, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu fördern, soll die Nutzung für Unternehmen gratis sein, denn sie nutzen die Computer an Universitäten kaum. Unserem Geschäftsmodell läuft dieser Ansatz entgegen. Wir möchten das investierte Geld durch Nutzungsgebühren zurückbekommen, um in die nächste Generation Supercomputer zu investieren. Doch wenn die Nutzung in anderen Ländern gratis ist, überlegen die Betriebe logischerweise: Wenn ich im Ausland wäre, bekäme ich das kostenlos. Wir diskutieren darüber schon fünf Jahre auf EU-Ebene. Alle sagen, Luxemburg habe es richtig gemacht. Trotzdem gibt es keine Einigung, dass dieses Modell das für Europa sein sollte.

Wie viele Betriebe machen selber Forschung und Entwicklung?

Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt sind die Ausgaben für private R&D rückläufig. Vor 20 Jahren machten die Ausgaben für öffentliche und private Forschung zusammengenommen 1,6 BIP-Prozent aus, heute ein Prozent. Der öffentliche Anteil betrug anfangs um die 0,3 Prozent, mittlerweile liegt er bei ungefähr 0,5. Demnach sind die privaten Forschungsausgaben, relativ zum BIP, ein gutes Stück gesunken. Natürlich ist das BIP gewachsen. Die Zahl der Projekte und die Subventionen aus dem Staatshaushalt sind konstant geblieben oder gestiegen. Gemessen am BIP aber gab es einen Rückgang im Privé.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Es gibt keine präzise Analyse, aber drei Erklärungsansätze. Nummer eins: Die Struktur unserer Wirtschaft ist speziell, der Finanzplatz spielt eine große Rolle, aber es sind kaum Mutterhäuser hier. Deshalb investiert der Finanzsektor in Luxemburg definitiv weniger, als man meinen könnte. Der zweite Punkt: Unsere Industrie investiert viel in R&D, doch der Anteil der Industrie am BIP ist im Vergleich zu anderen Ländern klein. Drittens: Klein- und Mittelbetriebe haben bei uns im Schnitt 30 bis 40 Mitarbeiter, in Deutschland 250 bis 300. Solche Betriebe investieren extrem viel in R&D, in Frankreich auch. Bei uns dagegen sind die Investitionen durch Klein- und Mittelbetriebe klein. All das kann natürlich keine Entschuldigung sein. Wenn unsere Wirtschaft konkurrenzfähig bleiben soll, müssen wir mehr in die Innovation investieren.

Können Unternehmen gemeinsam innovieren? Luxinnovation hatte sektorielle Innovations-Cluster eingerichtet. Für Umwelttechnologien, für Biotech oder für neue Materialien zum Beispiel.

Der Ansatz hat Grenzen. In Holland zum Beispiel gibt es ein Cluster im Halbleiterbereich. In ihm sind ChipDesigner vertreten, Chip-Produzenten, Hersteller von Maschinen für die Chip-Produktion, und so fort. Vielleicht tausend Betriebe. Das nenne ich ein Cluster, denn dort sind die Akteure beisammen, die gemeinsam Projekte angehen können.

Sie meinen, in Luxemburg fehlen kritische Massen?

Das ist ein zentraler Punkt. Es gab das Automotive-Cluster aus Zulieferern der Autoindustrie. Jeder stellte andere Produkte her, also kam es kaum zu gemeinsamen Projekten. Cluster aus Betrieben des gleichen Gewerbes schienen vielversprechender, doch sie waren zugleich Konkurrenten, das ist auch problematisch. Im Reorganisations-Prozess entschied Luxinnovation, die klassischen Cluster-Aktivitäten einzustellen. Wir stehen aber bereit, wenn Unternehmen von sich aus kooperieren wollen. So etwas zu strukturieren, entspricht ganz unserer Rolle. Wir wollen aber keine Zeit mehr verlieren, um, ich sage es mal provokativ, Pätt ze organiséieren, fir datt Leit sech treffen, déi herno souwisou näischt méi maachen. Das haben wir eine Zeitlang getan. Für Cluster wie im Ausland fehlt die kritische Masse.

Luxinnovation koordiniert die Förderung von Startups. Der Koalitionsvertrag der Regierung sieht vor, die Promotion des Landes als „Startup Nation“ zu verstärken. Was bedeutet das?

Die Promotion läuft über Luxinnovation mit der Initiative „Startup Luxembourg“. Ihr gehören alle Akteure im Startup-Bereich an, es geht um ein gemeinsames Branding, ein gemeinsames Narrativ zur Vermarktung. Das ist das eine. Die andere Frage lautet: Sind wir eine Startup Nation oder nicht?

Sind wir eine?

Wir sind auf dem Weg dahin. Für Start-up Nation gibt es keine Definition, es ist ein Marketing-Begriff. Paris benutzt ihn, Berlin benutzt ihn. Luxemburg kann sich noch nicht mit ausgereiften Systemen vergleichen, hat aber extreme Fortschritte gemacht bei der Zahl von Unternehmen, den Wagniskapitalgebern, die hier sind, und Services, wie Inkubatoren, oder dem Transfer von Knowhow aus der Uni in Spin-off-Betriebe. Als Standort sind wir für Start-ups attraktiver geworden. Für die Förderprogramme, die Luxinnovation koordiniert, stellten früher 100 Firmen einen Antrag. Heute sind es 500 bis 600. Andererseits gibt es in Paris 100 Wagniskapital-Fonds, in Luxemburg nicht mal zehn. Es gibt also Bereiche, in denen wir uns weiter entfalten müssen.

Sind Startups vor allem Neugründungen durch Leute, die ein Risiko eingehen und sich Startkapital beschaffen von „Friends, Family and Fools“, wie das Sprichwort lautet? Oder sind es Firmen wie Pony AI, über die vor zwei Jahren das Wirtschaftsministerium sagte, wir haben ein Memorandum of Understanding mit Pony AI, das ist ein Startup? Unlängst hat diese Firma begonnen, Robotaxis hier zu testen.

In San Francisco können Sie diese Taxis per App bestellen.

Das ist aber nicht mehr unbedingt ein Startup?

Es gibt eine Definition der EU-Kommission, die auch im Beihilfen-Gesetz steht. Ein Startup ist demnach eine Firma, die noch keine fünf Jahre alt ist und in deren Kapital keine großen Aktionäre vertreten sein dürfen. Doch das betrifft nur die Regeln zur Vergabe von Geld. Für mich ist ein Startup ein Unternehmen, das eine Technologie hat, die wirklich innovativ ist und skalierbar. Die Skalierbarkeit ist sehr wichtig. Wer ein neues Produkt hat, es aber nur lokal wird verkaufen können, ist kein Startup. Lässt sich das Produkt dagegen schnell auf den Markt bringen und obendrein „querbeet“, dann ist mir egal, ob die Firma fünf oder sechs Jahre alt ist. Deshalb war Pony AI, die zwischen 50 und 100 Autos in San Francisco getestet hatte, als Vertreter des Wirtschaftsministeriums sie besuchten, darunter ich, für mich ganz klar ein Startup. Mit einer neuen Technologie, die getestet wurde, und die, wenn sie funktioniert, ganz schnell skaliert werden kann. Doch Pony AI hätte nicht über unser Gesetz als Start-up finanziert werden können. Nur über das Forschungsgesetz.

Ist die Finanzierung von Startups ein kritischer Punkt in Luxemburg?

Der Staat ist großzügig bei der Finanzierung der ersten Phase. Über das Programm Fit4Start bekommt man bis zu 200 000 Euro. Natürlich sind „Friends, Family and Fools“ mit ihrem Geld immer dabei. So fängt ein Startup an. Später kann der Staat bis zu 800 000 Euro in den Businessplan investieren, unter der Voraussetzung, dass es noch andere Investoren gibt. Sodass für ein Projekt, das Hand und Fuß hat, bis zu eine Million Euro zur Verfügung steht. Damit hat Luxemburg ein sehr gutes System, das Startups meistens hilft bis zum proof of concept, dem Nachweis, dass ein Produkt funktioniert. Um damit auf den Markt zu gehen, und zwar international, weil ein Angebot allein in Luxemburg keinen Sinn hätte, braucht ein Startup noch einmal Geld, manchmal richtig viel. Drei bis fünf Millionen, je nach Hardware-Einsatz noch mehr. Für diese Phase ist Luxemburg durchschnittlich aufgestellt, würde ich sagen. Generell ist diese Phase gefährlich, weil vielversprechende Startups nicht selten von amerikanischen oder chinesischen Investoren aufgekauft werden. Abhilfe schaffen könnten Wagniskapitalbeiträge in Serien. Doch damit tut die EU sich oft schwer.

Stehen in Luxemburg Wagniskapitalgeber bereit?

Das ist eine Frage von kritischer Masse. Heute gibt es bei uns 700 Startups, wir nähern uns allmählich einer kritischen Masse. Fünf bis zehn General Partners von Wagniskapitalgebern sind jetzt hier. Das sind Teams, die präzise Analysen aufstellen. Sie haben feste Büros hier. Auch der jüngste Venture Day im Oktober war ein Erfolg, mehr als 300 Wagniskapitalfirmen aus ganz Europa nahmen teil, die sich nun offenbar für Luxemburg zu interessieren beginnen. Das war du jamais vu.

Wäre es wirtschaftspolitisch auch eine Option, keine Startup Nation sein zu wollen?

Kritiker sagen, gebt das viele Geld doch den vielleicht drei besten Start-ups. Aber das wird nicht funktionieren, weil dann keine kritische Masse erreicht wird, kein Wagniskapitalgeber hier ein Büro aufmacht. Und Startups kommen dem Ökosystem für Innovation überhaupt zugute.

Wie viele Startups kommen aus dem Ausland, und was zieht die ausgerechnet nach Luxemburg?

Schätzungsweise etwa 75 Prozent kommen aus dem Ausland. Besonders attraktiv ist Luxemburg durch die 200 000 Euro aus Fit4Start. Wer eine Idee hat, die sich überall entwickeln lässt, für den sind der Concours mit Coaching durch Luxinnovation plus die Aussicht auf 200 000 Euro durchaus ein Faktor. Außerdem versuchen wir stets, für diese Unternehmen Verbindungen zu den jeweiligen Sektoren hier aufzubauen, sie mit Akteuren zu vernetzen. Luxemburg ist klein, wir empfangen Gruppen von 20 Startups aus Japan oder 20 aus Südkorea. Stellen für sie ein mehrtägiges Programm auf, sodass sie finden: Wenn ich nach Europa gehe, dann bekomme ich in Luxemburg vielleicht eine andere Behandlung als in Paris. Klar ist aber: Je mehr Masse man hat, desto interessanter ist man.

Und wann ist die kritische Masse erreicht?

Man kann schätzen, dass in den letzten zehn Jahren 700 Startups hier aktiv wurden. Das ist unser Ökosystem. Bedenkt man, nur zum Vergleich, dass ein großer Wagniskapitalgeber tausend Projekte analysiert und am Ende eines finanziert, dann versteht man, dass 700 Startups noch nicht viele sind. Andererseits, als ich 2001 im Wirtschaftsministerium anfing, hatten wir 70. So gesehen, sind wir enorm gewachsen. Doch ich würde meinen, wir müssten deutlich die tausend überschreiten, um dem Ganzen noch mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Note de bas de page

Peter Feist
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