Vielleicht gibt es am Luxemburger Innovationssystem gar nicht mehr viel zu verbessern

In der Wissensökonomie

d'Lëtzebuerger Land vom 21.11.2025

Im Juli gab die EU-Kommission das Innovation Scoreboard 2025 heraus. Anhand von 33 Indikatoren, die von Doktor-Abschlüssen bis hin zur Arbeitsproduktivität reichen, misst es die Innovationsleistung der EU-Länder. Luxemburg wird in dem Bericht ein „Strong Innovator“ genannt und belegt unter den EU-27 den siebten Rang (nach Belgien). Im Vergleich zum Jahr 2018 aber verbesserte sich sein Innovationsindex um nur 0,9 Prozentpunkte, der Index der Gesamt-EU dagegen um 12,6 Punkte. Luxemburg wäre demnach nicht viel innovativer als vor sieben Jahren. Das sieht auf den ersten Blick nicht gut aus.

Zu den Stimmen, die sich zur Innovation besonders häufig öffentlich zu Wort melden, zählt die Fondation Idea, der von der Handelskammer gegründete think tank. Für den Wahlkampf 2018 hatte Idea mehrere Artikel zum Thema Forschung und Innovation geschrieben. Hatte angeregt, der öffentlichen Forschung eine Strategie für „Exzellenz“ und „Inwertsetzung“ ihrer Resultate zu geben. Forschung und Entwicklung (R&D) in den Unternehmen steuerlich mehr zu fördern. Und für mehr Public-Private Partnerships zu sorgen, ebenfalls begleitet von Fördergeld. Heute stellt Idea-Direktor Vincent Hein fest : „Im Grunde wurde all das umgesetzt.“ Dass Luxemburg eine „Wissensökonomie“ aufbauen soll, sei ja auch politischer Konsens.

Wenn politisch so viel unternommen wurde, erstaunt es, dass Luxemburg kaum innovativer sein soll als 2018. Misst die EU-Kommission nicht alles? Oder stimmt die Verbindung von Wissen und Ökonomie womöglich nicht?

Letzteres anzunehmen, wäre sicherlich falsch. Die Gründung der Universität Luxemburg 2003 und die von öffentlichen Forschungszentren in den Neunzigerjahren waren enorme Wissens-Innovationen für die Gesellschaft, die auch einen Faktor für die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft schufen. Der EU-Innovationsbericht erfasst das; in dieser Hinsicht schneidet Luxemburg hervorragend ab: Gemessen an neu vergebenen Doktor-Titeln belegt das Großherzogtum Platz 1 im Ranking. Bei Wissenschaftspublikationen, die besonders viel zitiert werden, Platz 2. Bei Publikationen, die aus PPP hervorgehen, auch Platz 2. Und in keinem anderen EU-Staat ist der Anteil ausländischer Doktor-Student/innen so hoch wie hierzulande. Da an die 70 Prozent der Promovierten anschließend in Luxemburg beruflich tätig werden, sind die écoles doctorales ein wichtiges Reservoir an „Talenten“.

Wahrscheinlich würde Luxemburg in Innovations-Rankings (das der EU-Kommission ist nicht das einzige) deutlich besser abschneiden, wenn die Privatwirtschaft mehr in R&D investieren würde. Das Scoreboard aus Brüssel nennt diesen Punkt Luxemburgs „Achille’s heel“ (Platz 23), „hampering the otherwise outstanding country rankings“. Mario Grotz, CEO der Innovationsagentur Luxinnovation, hat dafür eine Reihe Erklärungsansätze, die mit der besonderen Wirtschaftsstruktur des Landes zu tun haben (ab S. 33). Idea hatte 2018 hervorgehoben, dass die Intensität der R&D-Ausgaben im Privatsektor relativ zum Bruttoinlandsprodukt abgenommen hatte. 2010 lag sie noch bei 0,95 BIP-Prozent, 2016 bei 0,7. Heute fügt Idea-Direktor Hein hinzu: „2024 betrug sie 0,48 Prozent und die Ausgaben der Unternehmen hatten sogar im Volumen abgenommen.“ Von 400 Millionen Euro im Jahr 2023 auf 380 Millionen im Jahr danach.

Dass vom Staat Innovationsbeihilfen bereitstehen, darunter ganz gezielte für Digitalisierung und Energie-Transition, und dass für diese beiden Bereiche obendrein vor kurzem eine Steuerbonifikation eingeführt wurde, wirkt dem entgegen. Das, sagt Vincent Hein, komme dem „Scheck“ für Innovationen gleich, den einzuführen Idea 2018 geraten hatte. Ein Ausdruck davon ist vielleicht, dass laut dem Scoreboard der EU-Kommission der Leistungsindex von Klein- und Mittelbetrieben, die in Produkten und in Prozessen innovierten, 2025 um 15 beziehungsweise elf Prozent höher lag als 2024. Auch kooperieren innovative Klein- und Mittelbetriebe zunehmend mit anderen. Die an R&D intensiven Unternehmen, die vor allem in der Industrie zu finden sind, schätzt Vincent Hein in ihrer Zahl auf rund 20.

Doch dass die Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Privatsektor rückläufig sind, geht auch auf politische Entscheidungen zurück, wenngleich sich nicht sagen lässt, in welchem Ausmaß. 2003 zum Beispiel lag der Anteil der privaten R&D-Ausgaben noch bei im Vergleich zu heute enormen 1,4 Prozent vom BIP. Wodurch genau der stetige Rückgang bis auf zuletzt 0,48 Prozent zustandekam, ist nicht bekannt. Aber Teil der Forschungs- und Innovationspolitik ist auch, dass ein Technologietransfer aus der Uni und den Forschungsinstituten in die Unternehmen stattfinden soll. Daher rührt die Bezuschussung von Public-Private-Partnerships, unter anderem über Programme des nationalen Forschungsfonds FNR. Stellen im Rahmen solcher Forschungs-PPP Unternehmen Doktoranden ein, wird auch das gefördert. So ganz sind öffentliche und private Forschungsausgaben nicht mehr voneinander zu trennen. Öffentliches Geld senkt die Kosten für Innovationen im Privatsektor und macht sie rentabler. Durch gezielte Ausgaben für Digitalisierung und für die Energie-Transition lenkt der Staat Innovationen politisch überdies in Richtung eines grünen Kapitalismus, der die Klimaziele erreichen helfen und zugleich profitabel sein soll. Setzt der erste Industriebetrieb grünen Wasserstoff als Brennstoff ein, wird das eine große Prozess-
innovation sein.

Vielleicht funktioniert das Innovationssystem in Luxemburg so gut, dass sich daran gar nicht mehr viel verbessern lässt. Jedenfalls grundsätzlich nicht. Und wenn der Global Entrepreneurship Monitor 2024/2025 recht hat, dessen Ausgabe für Luxemburg im Oktober herauskam, dann nimmt der Unternehmergeist zu. An dem Monitor, der 1999 als internationales Projekt gegründet wurde, nimmt Luxemburg seit 2013 teil. Das Statec arbeitet ihm zu. Dem neuen GEM zufolge, waren die deklarierten Absichten, ein Unternehmen gründen zu wollen, im Jahr 2024 so häufig wie noch nie seit Luxemburgs Beitritt zum GEM-Projekt und übertrafen damit deutlich den EU-Durchschnitt. Befürchtungen, als Unternehmer/in zu versagen, waren 2024 so wenig ausgeprägt wie noch nie. Der Global Entrepreneurship Monitor kommentiert: „This makes Luxembourg one of the countries with the steepest drop in fear of failure, and positions it below the European average.“ Für eine Wirtschaft, die innovativ sein soll, ist das eine gute Nachricht, denn Innovationen können natürlich auch schiefgehen.

Peter Feist
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