Gesellschaftspolitik 6 Min. Lesezeit

Fully remote, am Strand

Die Sommerferien stehen ins Haus. Zur Chancengleichheit tragen sie nicht bei

Erschienen in Ausgabe 3 Juli 2026
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Fully remote, am Strand
Jardin de la maison relais de l'Ecole Internationale Michel Lucius © Sven Becker

Sechs Wochen in Kolumbien, Indien oder Großbritannien bei der Familie für fully remote Expats; Ferien bei der Boma im Nachbardorf oder in Portugal während des congé collectif; achteinhalb Wochen mit den Eltern, die selbst im Schulwesen arbeiten; einige Wochen in der Maison Relais und ein zweiwöchiger Urlaub am Strand; kein Urlaub und viel Bildschirm: Wie Kinder die bevorstehenden achteinhalb Wochen Schulferien verbringen, hängt maßgeblich von ihrem sozioökonomischen Handlungsspielraum ab und ist so heterogen wie die hiesige Gesellschaft. Wenn die Schulen ihre Türen schließen, öffnet die non-formale Bildung ihre. Für manche Familien bleibt die Maison Relais unerlässlich, für andere ein nice-to-have, das sie nicht in Anspruch zu nehmen brauchen.

Für Eltern sind die Maison Relais, von denen viele durchgehend geöffnet sind, in den Schulferien kostenpflichtig und nach Einkommen gestaffelt: Je weniger sie verdienen, desto weniger zahlen sie für das Angebot. (Summeraktivitéiten, die Gemeinden anbieten, stehen Kindern umsonst zur Verfügung.) Scheinbar hat die Kostenpflichtigkeit der Maison Relais die Anmeldungen in manchen Gemeinden reduziert, erklären Sozialpädagogen im Gespräch mit dem Land. Offiziell ist dies jedoch nach der Reform nicht der Fall, wie einer parlamentarischen Antwort des Bildungsministers Claude Meisch vor zwei Jahren zu entnehmen ist: Der Prozentsatz an Kindern, die in Ferienzeiten die SEA besuchen, habe sich kaum verändert, er liegt zwischen 22 (Weihnachtsferien) und 44 Prozent (Sommerferien).

Aktuelle Daten, wie viele Schüler/innen in welcher Gemeinde die Maison Relais in den Sommerferien belegen, konnte das Bildungsministerium auf Nachfrage nicht vorlegen, da sie von den Strukturen einzeln verwaltet werden. Familien, die unregelmäßige Arbeitszeiten haben, schreiben ihre Kinder kurzfristig ein; außerdem fluktuierten Einschreibungen und tatsächliche Präsenzen. Die Betreiber bestätigen, dass weniger Kinder kommen, oftmals ein Drittel oder weniger. In einer ländlichen Gemeinde im Osten liegt die Zahl der eingeschriebenen Kinder im August derzeit bei 15 Prozent der Gesamtkapazität. Wer wie oft kommt und aus welchem Grund, wer den Strukturen fernbleibt, all das ist anekdotisch beobachtbar, jedoch nicht dokumentiert. Das Observatoire de l’enfance, de la jeunesse et de la qualité scolaire (OEJQS) empfiehlt, im non-formalen Sektor auf Evaluation und kontinuierliches Monitoring zu setzen, um zu verstehen, wie sich der Sektor seit 2017 weiterentwickelt hat – und ob die Qualität stimmt.

Wissenschaftlich aufgearbeitet sind andere Phänomene, die mit Sommerferien zusammenhängen: Lernrückschritte. Im Hexagon werden sie diskutiert, vor allem im Kontext der Ungerechtigkeiten, die die langen Sommerferien verstärken. Emmanuel Macron hat in Aussicht gebracht, sie aufgrund dessen reduzieren zu wollen, von acht auf fünf oder sechs Wochen. Über den Schulrythmus über das Jahr verteilt will er ebenso debattieren, seiner Ansicht nach „une des autres grandes hypocrisies françaises“. Die Debatte wurde auf die Zeit nach den Präsidentschaftswahlen 2027 verschoben. Der sogenannte summer learning loss zeigt sich insbesondere in sozial schwächeren Familien – einschlägige Studien gibt es dazu allen voran aus den USA, wo die Sommerferien bis zu drei Monate betragen. Man geht davon aus, dass Kinder mindestens einen Monat an Kompetenzen verlieren, sowohl im Lesen als auch in Mathematik. Für Nicht-Muttersprachler/innen kann der Einstieg überall auf der Welt holpriger werden. Auch hier ist maßgeblich, wie die Urlaubszeit verbracht wurde.

Ein Thema waren Lernrückstände hierzulande bislang vor allem während der Pandemie, als Claude Meisch die Summerschool startete. Das Konzept: zwei Wochen Nachhilfe- unterricht, bevor es wieder losgeht, um den Distanzunterricht auszugleichen und Lernlücken zu schließen. Das OEJQS stellte 2024 bei einer Auswertung der Summerschool fest, dass vor allem Schüler/innen aus einkommensschwachen Familien sich Nachhilfe holen – und dass die meisten Kinder Deutsch in Anspruch nehmen; fast doppelt so viele wie Französisch oder Mathe. Der Großteil der Summerschool-Besucher spricht Portugiesisch zuhause, gefolgt von Drittsprachen, Französisch und Luxemburgisch. Letztere Muttersprachler/innen sind eher dann eingeschrieben, wenn sie bereits ein Jahr an ein Cycle dranhängen müssen, wenn also eine generelle Schulschwäche besteht. Soziodemografisch bleibt demnach alles wie immer. (Studenten betreuen die Schüler, allein zehn Prozent der Helfer sind Lehrer/innen.)

Urlaubszeit soll für Kinder und Lehrpersonal natürlich auch Erholung bedeuten. In Luxemburg gibt es 115 schulfreie Tage über das Jahr verteilt; damit belegt das Land europaweit den elften Platz. In Malta genießen Kinder 135, in Lettland 129 Tage – in Dänemark, Norwegen und Holland müssen Schüler/innen sich mit 87 begnügen. Ab dem Ende des 19. Jahrhundert dienten die Sommerferien dazu, die Kinder freizustellen, um ihren Eltern auf dem Feld zur Seite zu stehen. Später entwickelte sich die Tourismusindustrie, das Klein- und Großbürgertum begann, ans Meer zu fahren, zwecks Tapetenwechsel und Bildungsurlaub. Vor etwa hundert Jahren waren die Ferien noch gestaffelt. 1938 durften die Kinder zum ersten Mal alle gemeinsam ab Ende Juli in die Ferien, das für sieben Wochen. Seit mindestens sechseinhalb Jahrzehnten wurde der Urlaubsbeginn auf den 15. Juli vorverlegt.

Ergeben achteinhalb Wochen im heutigen hyperglobalisierten Luxemburg noch Sinn? Eine gesellschaftliche Diskussion über die Länge der Sommerferien ist politisch gefährlich. Auf das Lehrpersonal als Wählerschaft will und kann keine Partei verzichten. Claude Meisch interessiert die Diskussion nicht. Allein die Grünen lehnten sich 2023 in ihrem Wahlprogramm ein wenig aus dem Fenster und schrieben in ihr Wahlprogramm, sie würden eine „Überarbeitung des jährlichen Schulferienkalenders ins Auge fassen, bei der die Anzahl der Ferienwochen erhalten bleibt, aber ihre Verteilung über das Jahr leicht angepasst wird“.

Im Gespräch mit dem Land erklären mehrere Sozialpädagogen, eine Kürzung der Sommerferien wäre im Hinblick auf die Kinder und die meisten Eltern von Vorteil. Gilles Bestgen, beigeordneter Zentralsekretär des SEW/OGBL, tastet sich vorsichtig ans Thema heran. Eine „ausgearbeitete Position“ habe die Gewerkschaft zum Thema Dauer der Schulferien nicht. Zur Chancengleichheit trage die grouss Vakanz nicht bei, sagt Bestgen. Gleichzeitig war das SEW äußerst kritisch gegenüber der Summerschool – offiziell, weil sie ihrer Zielsetzung nicht gerecht werde und ein Tropfen Wasser auf dem heißen Stein sei. Freilich auch deshalb, weil das Lehrpersonal in den zwei heiligen Septemberwochen weiter freihaben möchte. Ziehe man die Ferien vor und arbeite im September nicht mehr, könnten jene, die das Budget nicht haben, um im Juli und August wegzufahren, keinen Urlaub mehr machen, sagt Gilles Bestgen. Die Ferienfrage sei keine einfache.

Insbesondere aufgrund der Hitzewellen wird die Diskussion um Infrastruktur dringlich. Vergangene Woche regnete es Meinungsbeiträge und Stellungnahmen zum Thema Klimaresilienz. Paul Galles, Schulschöffe in der Hauptstadt, erklärte auf 100,7, man arbeite an einem plan canicule. Einheitlichen Schutz gibt es in den Gebäuden nicht; je nach Baujahr und -materialen bleiben sie kühler – oder verwandeln sich in Saunen. Das Bildungsministerium weiß nicht, wie viele Maison Relais über eine Klimaanlage oder Belüftungssysteme verfügen, da es nicht in seinen Kompetenzbereich fällt; jeder Träger zeichnet dafür selbst verantwortlich. Dem Gesetz nach müssen die Betreuungsstrukturen Durchzug vermeiden und Belüftung garantieren. Der Nationale Referenzrahmen für non-formale Bildung sieht vor, dass Räume hell und belüftet gestaltet werden. Der Außenbereich soll ausreichend Schatten bieten; gesetzlich bindend ist dies nicht.

Nicht alle Akteure finden die Flickenteppich-Lösungen ideal. Ein Sozialpädagoge erklärt im Gespräch mit dem Land, es sei von Vorteil, Grenzwerte für Innentemperaturen festzulegen. Das Bildungsministerium räumt ein: „Überlegungen müssen geführt werden, wie im Rahmen der Planung und Genehmigungen von neuen Strukturen darauf Acht gegeben werden kann, dass Infrastrukturen auch in den Sommermonaten ein gesundheitlich unbedenkliches, sicheres und komfortables Umfeld garantieren.“ Müssten die Ferien angesichts der Hitzewellen nicht früher beginnen? Diskussionen zu einer Anpassung der Sommerferien würden nicht geführt, lautet die Antwort.