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Bühne 4 Min. Lesezeit

Wir sind Tiere

Tanz

Erschienen in Ausgabe Dezember 2021
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Ein kleines Publikum hatte sich im Studio des Grand Théâtre de Luxembourg versammelt, um die neue Choreografie der aus Luxemburg stammenden Léa Tirabasso zu sehen. In „Starving Dingoes“ sind die Tänzer wie tollwütige Hunde, die einem unerbittlichen Wahnsinn verfallen sind, der sie schließlich ins Unglück treibt. Die Erzählung dieses neuen choreografischen Stücks der in London lebenden französischen Künstlerin entfaltet sich auf der Bühne im Chaos schroffer Bewegungen, die auf einem Bett aus schwerem Sand am Boden ausgeführt werden, als fiele er vom Himmel – und das wohl, um uns umso stärker zu beeindrucken. Das fantastische Quintett der Tänzer verkörpert wahrhaftig diese „hungrigen Dingos“ von seltener Robustheit, die sich in alle Richtungen verrenken, als wären sie von einem Tanz besessen, der so beunruhigend und eindringlich ist wie der Gesang des Wolfes.

Léa Tirabasso hat seit ihrem Eintritt in das „Trois C-L“ vor gut zehn Jahren einen langen Weg zurückgelegt. Nach einer vorbildlichen künstlerischen Ausbildung und ihren ersten Stücken wie „XX“, „Simones“ oder „Love me tender“ wurde sie 2016 mit dem Prix Arts et Lettres des Institut Grand-Ducal ausgezeichnet. Von da an kam alles ins Rollen, und von Projekt zu Projekt inszeniert sie nun ihr choreografisches Universum, das von einer Faszination für den Begriff der absoluten Spannung im Menschen geprägt ist und „körperliche Bedürfnisse versus spirituelles Leben“ gegenüberstellt. Mit der Uraufführung von „The Ephemeral Life of an Octopus“ feierte sie einen großen Erfolg, wurde bei Aerowaves 2020 ausgezeichnet und von der Kritik hochgelobt.

Dieses jüngste Werk hat ihr nicht nur Erfolg beschert, sondern ihr auch die Möglichkeit geboten, sowohl ihre choreografische Dimension als auch die darin behandelten Themen – wie etwa das unvermeidliche, allen gemeinsame Schicksal, nämlich den Tod – noch deutlicher zu verfeinern. Zwar trägt der Kontext nicht gerade dazu bei, die düstere Vision zu erhellen, in die uns die Choreografin eintauchen lässt, doch diese Arbeit an „Starving Dingoes“, die aus dem rohen Marmor unserer ursprünglichsten Ängste gemeißelt ist, hat die Zuschauer tief bewegt. Und wenn das Publikum angesichts der düsteren Vision von Tirabasso auch ganz still geblieben ist, dann gerade deshalb, weil es den dunklen Kräften, die sie darin zum Vorschein bringt, keineswegs gleichgültig gegenüberstand.

Schweigen sagt oft mehr als große Reden, und genau diese Art von kathedralenartiger Stille konnten wir bei Starving Dingoes genießen. Den üblichen Klatschbasen, die sonst immer unpassend flüstern, wenn auf der Bühne etwas los ist, wurde der Wind aus den Segeln genommen. Und das war auch gut so. Es war ganz klar ein Erlebnis, bei dem man völlig in die Musik eintauchte, umhüllt von einer musikalischen Atmosphäre aus Dekonstruktion und Konstruktion, die sowohl Anleihen bei der Lyrik der Oper als auch bei der Wildheit aktueller elektronischer Produktionen nahm.

In diesem Sinne ist „Starving Dingoes“ ein Erfolg, denn seine Aussage geht über den Rahmen der Bühne hinaus und dringt selbst in die Gedanken der sichtlich verunsicherten Zuschauer ein – in das Unbehagen einer choreografischen Form, deren Kern das ist, was uns menschlich macht: das Bewusstsein unseres Todes. Und genau das macht auch die darstellende Kunst aus: das Publikum nicht mit einer Mischung aus Ernst und komischen Einlagen zufrieden zu stellen, die als Ausrede für das „offene Wort“ dienen. „Starving Dingoes“ ist ein offenes, neuartiges Stück, zwar extrem düster, aber gerade deshalb so eindringlich. Und außerdem ist es manchmal gut, uns an unsere Verletzlichkeit zu erinnern, vor allem heute, in einer Welt, in der die Verrückten weiterhin Verrückte bleiben, die Selbstgerechten weiterhin Selbstgerechte bleiben und sich letztendlich trotz aller Krisen nichts ändert… Es ist gut, ja, sich daran zu erinnern, dass wir nicht viel sind und dass das Schicksal uns mit sich reißen wird.

Man könnte „Starving Dingoes“ als ein Stück bezeichnen, das einen regelrecht umhaut – sofern man die Themen des Zusammenlebens versteht, in denen sich Verbundenheit und Entfremdung, Leben und Tod gegenüberstehen. Themen, die zwangsläufig Gesten und Körper auf die Bühne bringen, die in einen tierischen Zustand zurückversetzt werden… Aber sind wir, wenn man genauer hinschaut, nicht immer noch diese „Hunde“, die hungrig und ausgehungert durch diese Welt streifen? Dieses neueste Stück von Tirabasso ist also keineswegs ein Schlag ins Gesicht, sondern vielmehr ein Zeugnis, das durch den Tanz in einer Inszenierung wiedergegeben wird, die weder das Schöne noch das Hässliche sucht, sondern das Richtige.

So liefert Tirabasso keine Vision, sondern eine Feststellung, die auf brutale Weise in Bewegung und Körper umgesetzt wird – fast so, als wolle er seinen Zuschauern eine Ohrfeige versetzen. Ob glücklich oder unglücklich, wer dort vor der Bühne sitzt, kommt nicht ungeschoren davon, es sei denn, er ist das Böse in Person. Denn hier geht es um uns, um unseren tödlichen Wahnsinn und unsere Lebensgier. „Starving Dingoes“ ist eine großartige, greifbare Aufführung, die choreografisch doch so fremd auf der Bühne wirkt: etwas Neues, Echtes, Spannendes.