Auch wenn „Larsen C“ fast schon pompös wirkt – sobald man sich darauf einlässt, sich von der Fülle dieser Choreografie des Unendlichen hypnotisieren lässt, schwebt unsere Seele davon, um gemeinsam mit den Tänzern in einer von den Tiefen des Meeres inspirierten Klangwelt und inmitten von Bühnenlichtern von großer Reinheit zu schweben – ganz wie die kristallklaren Reflexe, die sich auf dem Eis der Antarktis spiegeln. Denn dorthin entführt uns der Choreograf Christos Papadopoulos: an die Grenzen des Larsen-Schelfeises, nordwestlich des Weddellmeers, wo eine Vielzahl winziger Faktoren riesige gefrorene Plattformen bildet. Was uns anschließend in „Larsen C“ erzählt wird, ist die Geschichte eines Abbruchs, nämlich des Segments C, das sich sanft löste, um sich von der antarktischen Halbinsel zu trennen. Unter dem Eis gerät das dortige Unterwasser-Ökosystem ins Rampenlicht und wird logischerweise auf den Kopf gestellt.
Mit nur drei Stücken hat sich Christos Papadopoulos in der geschlossenen Welt des zeitgenössischen Tanzes einen Namen gemacht. Er wechselte vom Theater zum Tanz und gilt heute als einer der einflussreichsten Choreografen seiner Generation, obwohl er ursprünglich gar nicht diese Kunstform anstreben wollte. Nach seinem Abschluss an der renommierten School of New Dance Development in Amsterdam trat er der Compagnie seines Mentors Dimitris Papaioannou bei und inszenierte nacheinander „Elvedon“, „Opus“ und „Ion“ inszeniert – choreografische Werke, die seinen unverwechselbaren Stil prägen: eine Mischung aus Nüchternheit und technischer Raffinesse, Sanftheit und Schwebezuständen, Wiederholung und Beharrlichkeit der Gesten, wobei er schwierige Themen mit einer mehr als spektakulären erzählerischen Kraft behandelt. Dennoch ist das Werk des Griechen reich an Empfindungen und vermittelt durch eine Art szenischer Hypnose eine völlige Umkehrung unserer Wahrnehmung des Greifbaren.
Und es sind sicherlich die „körperlichen Metamorphosen“ à la Papadopoulos, die die Tänzer von Larsen C beleben und uns in eine Art Abstraktion oder zumindest in ein Unbekanntes aus dekonstruierten Gesten, verknüpften Posen und bunten menschlichen Skulpturen eintauchen lassen. Es ist schwer, den Zauber zu beschreiben, den die vom Choreografen konzipierten einzigartigen Bewegungen auslösen. Manchmal ist es so klein, so weit entfernt, dass unser Blick verschwimmt, unsere Pupillen im Halbdunkel der Bühne verschwimmen, wo sich in der Mitte jemand unter dem Einfluss eines neuen Tanzes windet. Genau darin liegt der Reiz einer Aufführung, die „ Empfindungen “ hervorruft – eine, die uns sowohl körperlich als auch emotional in den Wirbel zieht und gleichzeitig schweben lässt. Wir wollen nicht verhehlen, dass sich zeitweise eine gewisse Langeweile einstellt, trotz unserer Begeisterung für ein großartiges, virtuoses Septett.
In „Larsen C“ gleiten sieben Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne, umgeben von Lichtbildern, die an das Licht erinnern, das durch das Wasser dringt, um die Tiefen zu erhellen. Hier wiegen sich die Darsteller im Rhythmus mikroskopisch kleiner, sich wiederholender Bewegungen, in Anspannung und Entspannung, die uns mal betäuben, mal faszinieren. Zwar entführt uns die Gruppe gekonnt in eine völlige Verschiebung unserer Wahrnehmungen und nutzt dabei optische Effekte im Schein einer wahrhaft erhabenen Lichtgestaltung (Eliza Alexandropoulou), bleibt vieles bei „Larsen C“ sowohl inhaltlich als auch formal, gelinde gesagt, schwer fassbar, und darin verliert man sich manchmal … Wenn uns das also zufällig gefallen könnte, würde uns die Akribie dieser choreografischen Arbeit letztendlich fast dazu bringen, schreien zu wollen, um die Bühne aufzurütteln und Chaos einzuladen. Uns juckt es in den Fingern, all diese neuen Darstellungscodes zu sprengen, die zwar die zeitgenössische Form des choreografischen Spektakels dekonstruieren, aber bis zu dem Punkt, dass sie eine äußerst frustrierende Morphologie der Perfektion etablieren – so wie wenn man sich zurückhält, einen Stein auf eine makellose Wasseroberfläche zu werfen.
Bleibt noch, die musikalische Gestaltung und die Klangwelt (Giorgos Poulios) zu loben, die uns schon für sich allein tief in unsere inneren Welten entführen könnten. Denn genau das ist es, was die Inszenierung trägt: eine äußerst abstrakte musikalische Frequenz, die uns so sehr erfüllt, dass sie uns sowohl visuell als auch akustisch aus der Fassung bringt. Wenn man bedenkt, dass „Geräusche“ Schlaf hervorrufen, einen ins Wanken bringen, ein Lächeln entlocken oder auch nerven können, so bewirken sie in „Larsen C“ eine Verzerrung der Körper. Und nachdem sie die Bühne erobert haben, durchbrechen diese akustischen Effekte mit voller Wucht die vierte Wand, um das Gesehene mit dem Gehörten in einem Labyrinth des Unverständnisses zu vermischen. Diese Synergie bringt unser Bewusstsein für das Normale ins Wanken, bis unser Verständnis der Realität zusammenbricht. Es ist eine Art Zauberei, die die Bühne ihren Zuschauern bieten kann – ob sie nun zufrieden oder enttäuscht den Saal verlassen, hängt ganz davon ab.