Nach „Arnolphe/Dom Juan“ (siehe „Land“ der letzten Woche) präsentiert Myriam Muller mit „Alceste/Tartuffe“ den zweiten Teil ihres Molière-Projekts zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Théâtre du Centaure. Die (d)etonierende, bisweilen verwirrende Inszenierung wird von einem unglaublichen Team aus acht Schauspielerinnen und Schauspielern getragen, die sich in einer mitreißenden Darbietung voll und ganz ins Zeug legen.
Alceste und Tartuffe, zwei gegensätzliche Figuren in Molières schillernder Galerie, hinterfragen den Platz und das Verhalten der Menschen in der Gesellschaft und stellen die Möglichkeit des Zusammenlebens an sich in Frage. Sollte man offen und aufrichtig sein und jeglichen Kompromiss ablehnen oder eher versöhnlich, ja sogar opportunistisch handeln und, wenn nötig, nicht zögern, andere zu täuschen, um seine Ziele zu erreichen? Wo sind die Grenzen zwischen diesen beiden extremen Lebensweisen zu ziehen?
All diese Fragen ziehen sich durch das Stück von Myriam Muller, die sich von zwei bedeutenden Stücken Molières inspirieren ließ: „Der Menschenfeind“ (1666) und „Tartuffe oder Der Heuchler“ (1669). Die Regisseurin hat sich dafür entschieden, ihren „Tartuffe“ mit einer Eröffnungsszene aus „Der Menschenfeind“ einzuleiten, in der sich Alceste (Fábio Godinho) so zeigt, wie er ist: arrogant aufgrund seiner übermäßigen Unnachgiebigkeit und im Bruch mit der Menschheit. Myriam Muller lässt ihn in die Familie von Orgon (Raoul Schlechter, überzeugend als leichtgläubiger bürgerlicher Vater) eintreten, dessen Sohn nur zu Beginn und am Ende des Stücks in Erscheinung tritt und der in allem das Gegenteil eines skrupellosen Tartuffe darstellt (hervorragend gespielt von Valéry Plancke in dieser hinterhältigen und niederträchtigen Rolle).
Myriam Muller verbindet zwar beide Stücke miteinander und bindet Alceste in Orgons Familie ein, konzentriert sich dabei jedoch auf „Le Tartuffe“ und überarbeitet die Besetzung sowie den Charakter der Figuren ein wenig: Damis (hervorragend gespielt von Eugénie Anselin) wird zu Orgons Tochter, Cléante (Valérie Bodson) zu seiner Schwägerin. Und obwohl sie den Handlungsstrang und Molières Dialoge beibehält, leistet sie großartige und feinfühlige Kürzungsarbeit und schlägt ein radikales, düsteres und erschreckendes Ende vor (das vor der Schlusspointe endet, in der bei Molière Tartuffe verurteilt wurde): Hier thront der Missbraucher im Familienhaus, nachdem er alle seine Angehörigen daraus vertrieben hat. Doch nun sitzt er allein vor einer notdürftigen Mahlzeit (im Gegensatz zum Familienessen zu Beginn) …
Mit Myriam Muller entfaltet Molières Text seine ganze Modernität und Aktualität. Es geht um das Leben in der Gesellschaft, um Aufnahme und Ausgrenzung, um Familie und Sippe, um Heuchelei und Verrat, um das Erbe, um jene Formen der Gewalt, die Beziehungen festigen, sowie um die erdrückende Last von Religion und Traditionen sowohl im Privaten als auch im öffentlichen Leben. Die originelle und ungewöhnliche Inszenierung offenbart einen der wesentlichen Aspekte der Komödien des Autors: eine bedeutende gesellschaftspolitische Dimension, eine Auseinandersetzung mit Gewalt (mit jeder Art von Gewalt!), eine Kritik an der Religion, eine tiefgreifende Analyse der Charaktere und ihrer Schwächen, eine Düsternis, die die Oberhand gewinnt und die Komödie in Richtung eines sozialen und familiären Dramas treibt – all dies getragen von einer großen dramatischen Spannung.
Auf der Bühne ist das Bühnenbild minimalistisch gehalten und wird von der Farbe Grün (Vorhang und Boden) geprägt – einer im Theater tabuisierten Farbe (der Legende nach trug Molière diese Farbe am Tag seines Todes auf der Bühne) – sowie von einigen symbolträchtigen Requisiten (Tisch, Kerzenleuchter, Kerzen, Gebetsteppich). Das Ensemble aus Schauspielerinnen und Schauspielern (hervorragende Besetzung, unter anderem Anne Brionne, Céline Camara und Juliette Moro) bewegt sich auch außerhalb der Bühne (Flur, Treppen) und liefert eine beeindruckende Darbietung, in der die Mitglieder einer Familie in der Krise, geprägt von ihren Kämpfen und Entscheidungen, treffend verkörpert werden. Das Bühnenbild und die Kostüme (in Schwarz und Weiß) von Anouk Schiltz verleihen dem Ganzen einen dichotomischen Charakter und eine Atmosphäre der Strenge, die durch die Musik (Emre Sevindik) mit religiösen Anklängen (mit Chorgesang zu Beginn während der Familienprozession) und kontrastreichem Lichtdesign (Antoine Colla) noch verstärkt werden.
„Alceste/Tartuffe“ von Myriam Muller/Molière bricht mit Konventionen und bietet ein eindringliches Stück über das Familienleben und das Leben in der Gesellschaft. Unbedingt anschauen!