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Bücher 4 Min. Lesezeit

Zwei Frauen, eine Schwangerschaft und eine Reise

Sandrine Martin erzählt die sich überschneidenden Geschichten einer schwangeren syrischen Flüchtlingin und einer griechischen Hebamme. Dabei geht es um die Migrationskrise, aber auch um die Wirtschaftskrise. Der Titel lautet „Chez toi“ – ein Comicroman aus weiblicher Perspektive über die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Erschienen in Ausgabe September 2021
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„Athen, Zentrum von Médecins du Monde, April 2016. „Wenn ich die Arztpraxis verlasse, denke ich nicht an dich“, heißt es auf der allerersten Seite von „Chez toi“, dem neuen Comicroman von Sandrine Martin („Le Rire de l’ogre“, „Petites Niaiseuses“, „Niki de Saint Phalle“ …). Auf 200 Seiten spricht Mona, eine junge Syrerin, im Off zu dem Kind, das sie in sich trägt.

Eine Schwangerschaft, von der sie gerade erst erfahren hat, obwohl sie erst vor kurzem in der griechischen Hauptstadt angekommen ist und noch den Status als politische Flüchtling erhalten muss. Sie und ihr Mann Suleiman sind vor Krieg, Bombenangriffen und Hungersnot geflohen und leben nun in einem winzigen Zelt in einer Halle des ehemaligen, stillgelegten Flughafens der Stadt, der zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde. Die beiden stammen aus Homs und flohen zunächst zu Fuß durch die Türkei, dann mit dem Boot, um zunächst die Insel Lesbos und anschließend Athen zu erreichen. „Wir sind in Europa“, sagen sie sich. Diese Etappe am Mittelmeer soll nur eine Zwischenstation auf ihrer Reise sein, die sie, so hoffen sie, nach Berlin führen wird. Nicht nur weckt Deutschland dank seines wirtschaftlichen Erfolgs Träume, sondern das junge Paar hat dort auch bereits Familie. Dort soll also ihr Kind zur Welt kommen. An dem Ort, der ihr „Zuhause“ sein soll.

Doch die Verwaltung hat ihren eigenen Rhythmus und kümmert sich kaum um den Zeitplan einer Schwangerschaft. Für das syrische Paar, das zwar froh ist, keine Angst mehr vor Bomben und anderen alltäglichen Kriegsgefahren haben zu müssen, ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie haben nun weniger als neun Monate Zeit, um ihr Ziel zu erreichen; andernfalls, das wissen sie, werden sie in Griechenland festsitzen. Und auch wenn Griechenland dank seiner antiken Sehenswürdigkeiten, seiner Strände und seiner paradiesischen kleinen Inseln Tausende von Touristen anzieht, läuft es aus wirtschaftlicher Sicht überhaupt nicht rund. 2016 bleibt eines jener Jahre tiefer Wirtschaftskrise, die viele Griechen ins Abseits gedrängt hat. Die Wirtschaft läuft auf Sparflamme, die Arbeitslosigkeit ist massiv, und viele überqualifizierte Menschen sind gezwungen, unterbezahlte Jobs anzunehmen, um über die Runden zu kommen.

Genau das erlebt Monika. Als Hebamme hat sie das überlastete, unterbesetzte öffentliche Krankenhaus, in dem es täglich an Material mangelt, verlassen, um bei einem Verein zu arbeiten, der Flüchtlingen hilft. Dort fühlt sich Mona nützlich, doch als Hebamme wird sie ständig von den Ärzten herabgesetzt, die immer das letzte Wort haben wollen – vor allem, was den Einsatz des Kaiserschnitts betrifft, den griechische Gynäkologen offenbar bevorzugen oder ihren Patientinnen sogar allzu oft aufzwingen. Sie zieht es daher vor, sich nach einem kleineren Verein umzusehen, in dem man ihr mehr Gehör schenkt und sie unabhängiger arbeiten kann. Das bedeutet jedoch eine Gehaltskürzung, und da ihr Mann arbeitslos ist, ist es schwierig, die Familie davon zu überzeugen. Zumal das Paar finanziell ohnehin nur dank Monikas Schwiegereltern über die Runden kommt, die ihnen die Wohnung direkt unter ihrer eigenen zur Verfügung stellen, sich um ihre dreijährige Tochter kümmern und ihnen das Essen zubereiten… Eine ständige Hilfe, die jedoch – als Kehrseite der Medaille – eine ständige psychologische Dominanz mit sich bringt, die die junge Frau immer schwerer zu akzeptieren hat. Daher der Wunsch, alles hinter sich zu lassen, wegzugehen…

Zwei komplexe familiäre Situationen, die die beiden Frauen einander näherbringen werden. Mona und Monika werden sich begegnen, immer wieder aufeinandertreffen und so Freundinnen werden. Sie werden eine Zigarette und einen Drink miteinander teilen, vor allem aber einander von ihren Träumen, ihren Ängsten und ihrer jeweiligen Vergangenheit erzählen. Dabei neigt jede dazu, das Leben der anderen fast zu idealisieren. Schwangerschaft, gynäkologische Gewalt, die Unmenschlichkeit der Schlepper, mangelndes Einfühlungsvermögen der Beamten in den verschiedenen Behörden, die mit Migranten zu tun haben, alltäglicher Rassismus, religiöse Traditionen, politische Migration, aber auch wirtschaftliche Auswanderung – all diese Themen werden in diesem Comicroman, der mal scharfzüngig, mal wohlwollend, zugleich desillusioniert und positiv blickt, mit Zurückhaltung und Feingefühl behandelt. Eine Erzählung, die weder dokumentarisch noch fiktional ist, sondern eine fiktionale und humanistische Zusammenfassung der Lebenswege mehrerer Frauen bietet, die tatsächlich gelebt haben.

„Chez toi“ ist ein Album mit bläulichen Farbtönen und ausdrucksstarken Strichen, das es trotz einiger verwirrender Details in der Handlung – zu Beginn braucht Mona eine Übersetzerin, und wenige Wochen später wird sie selbst zur Übersetzerin – schafft, einer harten und schwierigen Geschichte Poesie zu verleihen. Ein bewegendes Album ohne Mitleidsmache, das kämpferischen Frauen Tribut zollt, die Annäherung der Kulturen fördert und es schafft, eine Parallele zwischen der Notlage politischer und wirtschaftlicher Migranten zu ziehen.

All dies sind wichtige Botschaften in einer Zeit, in der ein Teil der Europäer – allen voran der französische Präsident – dazu aufruft, „sich vor großen irregulären Migrationsströmen zu schützen“, während sich zahlreiche Afghanen darauf vorbereiten, den traurigen Weg zu gehen – oder sogar erneut zu durchleben –, den Sandrine Martin ihrer Mona auferlegt. Ein Album also von brennender Aktualität.

„Chez toi“ von Sandrine Martin. Casterman. EAN: 9782203152434