Als Larisa Faber 1990 nach Luxemburg kam, war sie vier Jahre alt. Der Kommunismus ihrer frühen Kindheit in Rumänien, den sie in ihrem Theaterstück aufarbeitet, ist immer noch gegenwärtig. In ihrer Familie wurde offen und viel darüber gesprochen. „Das war gewissermaßen Familienfolklore“, sagt sie. „Ich habe damals viele Fragen gestellt. Sie sind Teil von mir und deshalb sehe ich zum Beispiel das, was jetzt in der Ukraine passiert, nicht als etwas Isoliertes, sondern als Kontinuum in der Geschichte. Es ist ja nicht so, dass Putin gestern aufgewacht ist und sich gedacht hat, jetzt schnapp ich mir die Ukraine.“
Ihre neue Inszenierung The Land We shared ist eine Spurensuche in ihrer Kindheit und zugleich ein semiautobiografisches Puzzle. Es spielt 1989 (kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs) in Rumänien. In den letzten Jahren hat Faber sehr viel Theoretisches über den Kollaps kommunistischer Regime gelesen. Dass die Geschichte sich wiederhole, ist spätestens seit Nietzsche eine gängigere Variante der Interpretation. Wo sieht sie Parallelen? „Sowohl in der Art und Weise, wie Russland sich über die Jahrzehnte gegenüber seinen Nachbarn benimmt; das ist schon fast zyklisch und folgt immer demselben Drehbuch. Aber auch in der Haltung westlicher Politiker, Stalin war auf dem Cover vom Time Magazine und Denker wie Sartre haben diese Ideologie ja positiv beleuchtet. Ich finde, etwas ganz Ähnliches passiert heute wieder.“
Ihre Oma habe zu der Generation gehört, „die an ihrer eigenen Haut erlebt habe, was es bedeutet, wenn die Russen kommen. Und als ihnen der Kommunismus in Rumänien aufgezwungen wurde (...), war meine Mutter Teil der Generation, die Russisch lernen musste. Ihre Familie wurde enteignet; sie durfte nicht studieren, weil sie als Volksfeindin eingestuft wurde. Es ist vielleicht einfach gesagt, aber es ist trotzdem zyklisch“, meint Larisa Faber. Trotzdem sei das Politische in dem Stück nur der Rahmen, menschliche Beziehungen stünden im Vordergrund. Der politische Subtext sei aber Teil der Geschichte und beeinflusse, wie die Figuren sich benehmen und was mit ihnen passiere. „Ein halbautobiografisches Puzzle, das von einer realen Entdeckung nach der Beerdigung ihrer Großmutter ausgeht, wird zum Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit unvollendeten Angelegenheiten und dem Versuch, das Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen“, liest man im Ankündigungstext.
Darin verbinde die Performance-Künstlerin Dokumentartheater, Live-Musik und einen riesigen Kohlkopf, um die komplexen Schichten von Trauer und historischem Gedächtnis aufzudecken. „The Land We Shared, das meint eben diese Erde, die Region in Rumänien, wo wir herkommen und wo sie, meine Oma, begraben werden wollte; aber es ist auch die Vergangenheit von einem Land, das es nicht mehr gibt – einer Vergangenheit, die uns sehr geprägt hat.“ Ihr Theaterstück basiere auf ihrer Familiengeschichte, die Dialoge seien dennoch frei erfunden. „Es ist vor allem die Beziehung zwischen meiner Oma und mir, die sehr eng war“, erzählt Faber. Das sei typisch für Osteuropa. Die Großeltern seien oft Ersatz-Eltern gewesen, weil im Sozialismus ja alle arbeiten gingen. Die Großeltern waren diejenigen, die auf die Kinder aufpassten. Sie war so stark mit ihrer Großmutter verbunden, dass sie sich einmal an sie geklammert und gefragt habe, wer diese Frau sei, als ihre Mutter kam, weil sie diese so lange nicht mehr gesehen hatte.
So beginnt das Stück mit einer Anekdote, einer wahren Begebenheit. Nach dem Begräbnis ihrer Großmutter habe Larisa Faber eine Plastiktüte gefunden, in der sie Kleider, die sie neu gekauft hatte, vorbereitet und diese mit der Notiz „Begräbniskleider“ versehen hat. Das sei der Ausgangspunkt – auch für das Stück, das in drei Teile gegliedert ist. Der erste Teil spielt „kurz vor der Revolution, als wir in Rumänien leben. Dann erfolgt ein großer Zeitsprung und die Protagonistin kommt über 30 Jahre später zurück nach Rumänien. Sie hat diese Plastiktüte bei sich und möchte sie eigentlich da begraben, wo ihre Oma ruhen wollte“, erzählt die Regisseurin.
Jeder, der den ‚real existierenden Sozialismus‘ erlebt hat, hat diesen anders erlebt und wahrgenommen. Was an dem Stück, an der Zeit der rumänischen Diktatur unter Ceaușescu, ist als Charakteristik zeitlos? „Vielleicht ist es das Sehnen nach einem starken Führer, was etwas sehr Menschliches ist“, sagt Larisa Faber nachdenklich. Denn obwohl die Kommunisten das Dogma „God is dead“ verinnerlicht hätten, gab es den Führerkult und eine Art Ersatz-Gott, ob das Castro, Stalin, Ceaușescu, Tito oder Mao sei, erklärt sie. „Eine Figur, die absolut autoritär ist, die alle Macht hat und an sich zieht.“
Eine ihrer Hauptfiguren, die kroatisch-amerikanische Schauspielerin Kristin Winters, habe sie in Gintare Parulytes Theaterstück Lovefool (Produktion: TNL) entdeckt, in dem Winters eine eindrucksvolle Solo-Performance liefert. „Sie ist eine fabelhafte Schauspielerin, die sehr viele Fähigkeiten mitbringt; die perfekte Besetzung.“ Den Vater spielt Ovidiu Mihăiță. Er wurde 1980 in eine Post-Hippie-Familie in Timișoara, Rumänien, geboren. Über den Schauspieler liest man, dass er seit der Revolution von 1989 Rock ’n’ Roll hörte, auf Kissen imaginäres Schlagzeug spielte und trotz aller Widerstände lange Haare trug.
Der aus Portugal stammende Künstler Marco Godinho, der zwischen Luxemburg und Paris lebt und dessen eindrucksvolle Installationen für Aufsehen sorgen, war an dem Projekt von Anfang an beteiligt. Seine Installation Written by Water im Luxemburgischen Pavillon auf der Biennale in Venedig (2019) ist wahrscheinlich einer der wenigen luxemburgischen Beiträge, die auch international in Erinnerung bleiben werden. Für The Land We Shared hat Godinho das Bühnenbild entworfen. Faber denkt, dass Godinho auch durch seine eigene Migrationsgeschichte und Verbundenheit zum Ländlichen etwas mit ihrem Stück habe anfangen können. Sein Bühnenbild sei sehr metaphorisch und minimalistisch und helfe in der Erzählung von Trauerbewältigung.
Larisa Faber hat über mehrere Jahre an dem Projekt gearbeitet. Anfangs wusste sie überhaupt nicht, in welche Richtung es gehen würde. Insbesondere der Austausch mit der Dramaturgin, Shamira Turner, habe ihr dabei geholfen, den Kurs zu bestimmen. Dank ihr gibt es von dem Stück auch eine Audiotranskription, ein wichtiger Schritt in Sachen Inklusion im hiesigen Bühnenbetrieb. Gerade dass sie als Britin nichts mit ihrer Geschichte zu tun habe, sei sehr hilfreich gewesen, um auszumachen, wie diese Geschichte bei einer Außenstehenden ankommt.
Bierernst verspricht das Stück ohnehin nicht zu werden. Denn es drehe sich viel um Kohl. Es gebe sogar einen „Cabbage Song“. Nimmt sie die Nationalspeise auf die Schippe? Ja, im Kommunismus sei eine Hungersnot ein „expected outcome“, so Faber. Die Tatsache, dass es irgendwann eine Hungernot geben wird, ist im Stück ironisch verwoben. „Denn der Kohl ist eben wirklich ein großer Teil der rumänischen Küche – vor allem eben die Kohlrouladen.“ Werden die Zuschauer/innen in den eineinhalb Stunden lachen oder weinen? „Hoffentlich beides“, meint Larisa Faber lachend. Das sei schließlich auch sehr typisch für Osteuropa. Osteuropäischer Humor sei so ein Bisschen das Letzte, was einem manchmal bleibe. „Witze zu machen ist eine kleine Form der Resistenz, wenn man keine andere Wahl hat.“