Den ersten Satz des Romans kennt fast jeder: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, erklingt es im TNL denn auch zu Beginn aus dem Off. Anna Karenina (1875-1877) ist ein Werk, das „von verlorenen Illusionen, utopischen Lebensentwürfen und zerschossenen Träumen“ handelt, wie es TNL-Haus-Dramaturg Florian Hirsch selbst im begleitenden Flyer formuliert. Tolstoi schafft darin ein breit angelegtes Sittengemälde der russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und verhandelt moralische Grundwerte durch die Kontrastierung verschiedener Lebensentwürfe.
Im Zentrum des Skripts von Hirsch, der aus den fast 1 000 Seiten eine lockere und bewegende Bühnenfassung gesponnen hat, stehen sieben lebenshungrige Figuren auf der verzweifelten Suche nach Glück. Das Bild eines Sittengemäldes transportiert Frank Hoffmann ausdrucksstark in Bühnensprache: Immer wieder werden die sieben Darsteller/innen wie auf einer aus der Zeit gefallenen Postkarte aufrecht zusammenstehen, die Köpfe stolz erhoben. Die parallelen Erzählstränge, etwa zwischen Anna und Wronski – Kitty und Lewin, zusammenzuführen, deren Geschichte zu erzählen, den Figuren Leben einzuhauchen und dabei nicht den Faden zu verlieren, gleicht einer Quadratur des Kreises.
Vielfach deutete die Literaturkritik es so, dass Tolstoi, der mit 82 Jahren nach 48 Jahren Ehe seine Frau verließ, sich in seinen Romanfiguren wiederfand; dabei zeichnete er mit Anna Karenina das Porträt einer russischen Adels-Gesellschaft wie der sozialen Umbrüche der 1870er Jahre. Doch mehr noch beschreibt er mit den Personen, die alle gepresst in ein Korsett gesellschaftlicher Normen dem Glück hinterherjagen, die Conditio humana.
Die freiheitsliebende Anna Karenina erfährt die Unterdrückung gleich mehrfach: Ihre Ehe mit dem Staatsbeamten Alexej Karenin erstickt sie; die Verhältnisse engen sie ein, ihre Affäre mit Wronski, der ihr Wesen nicht begreift, wird sie ruinieren. Eine tragische Heldin.
Beklemmend-einengendes Bühnenbild
Die Leidenschaft liebend trägt sie die Konsequenzen ihrer Affäre mit Fassung. Ben Willikens hat diese Beengung (unter Mitarbeit von Bernhard E. Eusterschulte) schlüssig übertragen in ein Klaustrophobie auslösendes Bühnenbild. Der kastenartige, graue Beton und die engen Wände erdrücken die Figuren förmlich, statt ihnen Raum zum Leben und Atmen zu geben.
Die Handlung setzt in Moskau ein mit der Fürstin Dolly Oblonskaja, die von ihrem Ehemann Stepan (Stiva) betrogen wurde. Totunglücklich plant sie, sich von ihm scheiden zu lassen. Von ihrer Schwägerin Anna Karenina nimmt sie den Rat an, ihrer Beziehung noch eine zweite Chance zu geben. Doch durch diese „Zwangsversöhnung“ gelingt zwar die Rettung der Ehe, doch wird ihr Leben noch sinnloser.
Die Inszenierung im TNL zoomt anfangs auf Dolly (Nora Koenig). Sie schreit gellend vor Eifersucht, während Luc Feit als ihr Ehemann Stiva, ein Hallodri, sie beschwichtigt. Ausgerechnet die Nanny ihrer Kinder hat ihr Mann vernascht! Die Frage: „Wer geht?“, bevor die Fetzen fliegen, liegt im Raum. Alsbald platzt Lewin (Marc Baum) dümmlich strahlend auf die Bühne. „Ich erkenne verliebte Männer an ihrem Blick“, wird ihm Stiva auf den Kopf zu sagen. Er habe schon lange gemerkt, dass dieser verliebt sei in Kitty. „Eine Blume unter Brennnesseln“, schwärmt Lewin.
Bei den Kostümen (Susann Bieling/Denise Schumann) sticht vor allem eine Stütze für ein Kleid ins Auge, das nur noch die Reifen und Nähte zeigt; die Schauspielerinnen, die dieses Kostüm tragen (anfangs Dolly, später Anna) wirken darin wie ausgenommene Fische, bei denen das rohe Fleisch und die Greten freigelegt sind. Das Kleidergerüst baumelt lose an ihnen.
Zum romantischen Kinderglockenspiel werden Kitty und Lewin auf Rollschuhen umeinander streichen. Im Männergespräch werden Hähnchenschenkel zerfetzt und Stiva vertraut Lewin an, dass er gerade zwischen zwei Frauen stehe ... Indes Kitty (Christiani Wetter) Selbstgespräche führend in sich hineinhorcht: „Lewin oder Wronski?“ und die Vor- und Nachteile ihrer Verehrer abwägt. Wronski sei ein Verführer. Dieser (Baum mit geflochtenem Korb auf dem Kopf) umgarnt Kitty denn auch nach Kräften.
Im nächsten Bild thront Anna Karenina (Carolin Freund) im Zentrum der Bühne, schlürft versonnen Tee und tröstet Dolly. Sie kenne die Neigung ihres Bruders, große Scheiße zu bauen und prompt alles zu bereuen. Stiva (ein schelmischer Luc Feit) kommt auch schon, eine schwarze Plastikrose schwenkend und mit Dackelblick zurück und fleht seine Gattin um Vergebung an; während Wronski beim Anblick von Anna am Bahnhof der Schlag trifft. Ihre Begegnung entfacht die pure Leidenschaft.
Kitty gerät in eine Lebenskrise. Sie wartet vergebens auf einen Heiratsantrag Wronskis. Und Lewin wiederum stürzt sich wegen ihrer Zurückweisung in Arbeit. Die Schatten der Figuren fallen schon früh an die Wände.
Ball der Begehrlichkeiten
Ein opulenter Maskenball wird simuliert: Partystimmung, ein Ball der Begehrlichkeiten. „Die Menschen sind elegant und schön“, erklingt es aus dem Off. Die Figuren zappeln zur Musik, Anna wirkt wie ein natürlicher Anziehungspunkt, bis sie wieder einfrieren.
Weil Anna fürchtet, ihren Sohn Serjoscha an ihren Mann Alexej Karenin (Nickel Bösenberg) zu verlieren, hält sie verbissen an ihrer Ehe fest. Obschon sie ihren Mann immer abstoßender findet ... „Hat schonmal jemand so große Ohren gesehen?“, fragt sie ins Publikum.
Bösenberg spielt überzeugend den spießigen Staatsbeamten, der seine Frau zur Ordnung ruft, und Carolin Freund gibt mit Verve Anna in Bedrängnis, die ihrem Ehemann, „eine Verwaltungsmaschine“, gestehen wird: „Ich habe Dir nichts zu sagen – mein Herz nicht und ich nicht.“ Beim Pferderennen blicken die Schauspieler/innen ins Publikum und Anna wird kopflos verliebt die Fassung verlieren, als „ihr“ Angebeteter Wronski stürzt. Sie entlarvt sich und ihren Mann vor der hohen Gesellschaft. Doch Karenin bleibt hart: „Alles bleibt, wie es ist.“ Dann frieren die Figuren wieder zum Standbild ein. Bevor sie wieder liebestoll ausscheren ...
Zum Gesang von Kittys Happiness is a Butterfly drehen sich Lewin und Kitty im Liebestaumel im Kreis. Sie singt und malt verspielt mit Kreide einen Schmetterling an die Wand bringt das Leitmotiv von der Flüchtigkeit des Glücks auf den Punkt: ein kurzer unbeschwerter Moment, der nicht lange währt und leider etwas in Kitsch ausartet. Als Anna schwanger ist und auf der Bühne im Delirium im Sarg versinkt, reichen sich Karenin und Wronski die Hand. Ein Schuss aus dem Gewehr nimmt ihren Suizid vorweg.
Nach der Pause wird der Schuss – wie bei der Fortsetzung einer Netflix-Serie – wiederholt. Ach ja, da waren wir! „Stiva, ich bin wie ein gespanntes Seil, das irgendwann reißen wird“, vertraut Anna ihrem Bruder an. Feit ist in der Rolle des Stiva voll in seinem Element. Er drückt sich technokratisch aus, wenn er die Bedingungen einer Scheidung austariert.
Eine Italienreise soll alle auf andere Gedanken bringen. La Dolce Vita als Verstreuung für die Bourgeoisie funktioniert doch seit eh und je. Wenn Feit den Schlager Quando Quando Quando säuselt, ist das urkomisch. Die Dialoge werden gen Ende hin kürzer: Stiva ist pleite und posaunt in die Welt, dass er nun mal alle Frauen möge. Dolly fragt sich: „Was ist das für ein Leben? 15 Jahre Unglück, Schwangerschaftsreifen, nur Wut; ich hasse meinen Mann und seine Schlampe – Willkommen in meinem Leben!“
Und Anna Karenina sitzt zwischen allen Stühlen: Sie sei auf unverschämte Weise glücklich; doch in der Stadt fühle sie sich wie eine Aussätzige. Ihr Liebhaber Wronski bückst längst aus, erfindet Ausreden, um immer weniger Zeit bei ihr zu verbringen. „Er hat alle Rechte, Du hast keine“, wird Kitty es der sukzessive in den Wahnsinn abgleitenden Anna, die ihn „tracken“ will, gegenüber auf den Punkt bringen. Und Kitty wird ebenfalls Verdacht schöpfen: „Irgendwas ist da nicht ganz koscher.“
Anna wird am Ende das Fisch-Korsett tragen, das die betrogene Dolly anfangs trug. Sie lässt sich gehen, ist fahrig und muss feststellen: „Ich mache ihm Schande und er mir. Bronski und ich haben kein Glück gefunden.“
Zum Schluss der fast dreistündigen Inszenierung ist die Bühne ein enger Flur – ohne Ausweg. Florian Hirsch hat das Kunststück vollbracht, aus den Roman-Epos eine schlüssige Bühnenfassung zu zaubern, bewegend und witzig. Frank Hoffmann findet in seiner Regie-Arbeit eine Bühnensprache, die überzeugt; das starke Ensemble glänzt ausnahmslos. Und selbst wenn diese Anna Karenina für hartgesottene Fans russischer Klassiker vielleicht zu modern wirken dürfte, so hallt die eindrucksvolle Inszenierung doch nach.