Ihm sei gar nichts anderes übrig geblieben als zu schreiben. Bereits seine Eltern hegten den Berufswunsch des Dichters, die Literatur war in ihrem Haus omnipräsent: „Um den Beruf des Dichters haben meine Eltern einen solchen Glanz gesponnen... ich habe nie einen anderen Berufswunsch gehabt,“ sagt Michael Köhlmeier. Das Bedürfnis zu schreiben spiegelt sich auch im schieren Umfang seines Oeuvres: Über hundert Titel hat der Schriftsteller, der 1949 im österreichischen Vorarlberg geboren wurde, in den letzten fünfzig Jahren veröffentlicht. Jährlich kommen neue dazu. Sein vielfach ausgezeichnetes Werk umfasst Romane, Essays, Theaterstücke und Kolumnen, um nur einige zu nennen. Die Liebe zur Schriftstellerei teilt er mit seiner Frau Monika Helfer. Sie ist ebenfalls eine bekannte Schriftstellerin, das Ehepaar veröffentlicht immer wieder gemeinsam, zuletzt das Stück Praterstern.
Der Begriff des Dichters ist bei Köhlmeier keineswegs auf das Schreiben beschränkt: Er ist Erzähler im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Karriere beginnt nicht auf dem Papier, sondern im Radio. Erstmals einem größeren Publikum bekannt wird er als Vorleser: In den 1990er Jahren werden seine freien Nacherzählungen der Klassischen Sagen des Altertums vom österreichischen Rundfunk ausgestrahlt. Bis heute ist der Name Köhlmeier in Österreich untrennbar mit seinen Märchen- und Sagenerzählungen verbunden. Köhlmeier ist mit jeder Faser Erzähler, einer der nicht nur sein Publikum, sondern auch sich selbst verzaubern will. Er erzählt nicht nur Geschichten, er spinnt sie weiter: Er denkt während des Sprechens über das Geschehen nach, bietet Interpretationen an, lässt es in seinen eigenen Worten lebendig werden. Dieser Form des freien Erzählens ist Köhlmeier ein Leben lang treu geblieben. Sein Märchen Dekamerone versammelt, angelehnt an Bocaccios großen Erzählzyklus, hundert Märchen aus aller Welt, aufgeteilt auf zehn thematische Zyklen. Köhlmeier überführt die Märchen in eine moderne Form, eröffnet neue Dimensionen, ohne die Magie des Originals zu verlieren. Mit dem Radio verbindet ihn aber auch die Musik: Anfang der 1970er Jahre landet er als Teil des Duos Ray und Mick größere Austropop-Hits.
Seine Faszination mit Märchen fasst der studierte Mathematiker Köhlmeier in einem pointierten Vergleich zusammen: „Sie sind die Primzahlen der Literatur. Sie sträuben sich gegen alle Erklärung und lassen zugleich alle Erklärungen zu.“ Die Liebe zur Gattung wurde ihm quasi in die Wiege gelegt: In seinem autobiographischen Essay Von den Märchen schildert er, wie seine Oma am Küchentisch Märchen erzählte. Dort offenbarte sich ihm eine fremde und grausame Welt, eingebettet in die Routinen des Alltags. Während seine Oma strickte oder häkelte, versuchte der junge Köhlmeier, einen Sinn zu ziehen aus diesen so eigensinnigen Geschichten, die ihn nicht mehr loslassen sollten.
Wer sich mit Köhlmeiers Verständnis des Märchens befasst, gelangt schnell zur Quintessenz seines Schaffens. Er entwirft eine Poetologie der Wirklichkeit, der die Fiktion immer schon eingeschrieben ist. Erzählungen sind für Köhlmeier Wirklichkeit im Konjunktiv, sie kennen immer eine andere Möglichkeit. Im Roman Zwei Herren am Strand lässt er Charlie Chaplin und Winston Churchill, zwei große Figuren des 20. Jahrhunderts, miteinander über ihre Depression, Komik und den Kampf gegen Hitler sprechen. Was sich zunächst wie eine wohl recherchierte Aufarbeitung darstellt, entpuppt sich als eine raffinierte Erweiterung des historischen Möglichkeitsraums. Gekonnt wickelt der Roman, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 schaffte, seine Leser um die Finger, spielt mit ihrer Neugierde auf die ‚wahren‘ Ereignisse. In Das Philosophenschiff lässt die berühmte russische Architektin Anouk Perleman-Jacob, die 1922 gemeinsam mit 200 anderen Vertretern der russischen Elite des Landes verwiesen wurde, einen Schriftsteller ihre Lebensgeschichte erzählen. Der Haken? Er ist ein bekannter Schwindler: „Ich habe mich über Sie erkundigt. Ich weiß, dass Sie Dinge erfinden und dann behaupten, sie seien wahr. Jeder wisse das, hat man mir gesagt, aber immer wieder gelinge es Ihnen, Ihre Leser und Zuhörer hinters Licht zu führen. Deshalb glaube man Ihnen oftmals nicht, wenn Sie die Wahrheit schreiben, und glaube Ihnen, wenn Sie schummeln.“ Eine lakonische Autoreferenz? Letztlich ist es egal, Köhlmeier erzählt mit so viel Raffinesse und Feingefühl, dass man sich als Leser gerne hinters Licht führen lässt.
Das Verwischen der Grenzen von historischen Fakten und Fiktion wird von der Literaturwissenschaft auch als historiographische Metafiktion bezeichnet. Doch Köhlmeiers Werk entzieht sich der Kategorisierungswut der Literaturwissenschaft. Nur weil etwas fiktional ist, ist es nicht weniger wahr: „Literatur erweitert den Katalog von Präzedenzfällen. Wenn wir erfahren, dass, was wir tun und erleiden, auch andere schon getan oder erlitten haben, auch wenn einige dieser anderen Fiktionen sind, dann können wir uns besser orientieren.“Die Überlagerung von Realität und Fiktion hört für Köhlmeier nicht im Roman auf. Den Konjunktiv verdichtet er in seinen Essays zu einer Art Lebenshaltung: „Ist der von Illusionen geblendete Don Quichotte nicht glücklicher als der pragmatisch-realistische Sancho Panza?“, fragt er in seinem neuen Werk und kommt sogleich zum Schluss: „Wer immer mich auch hört – mach, dass ich lachend sterbe!“ Köhlmeiers Werk lässt sich als Plädoyer für eine Weltsicht lesen, die sich nicht in die Schranken einer vermeintlichen Realität einweisen lässt: Es könnte immer auch anders sein und ob es anders ist, liegt zuallererst an unserer eigenen Wahrnehmung der Dinge.
An anderer Stelle geht er der Idee nach, dass Augustinus’ Erfindung der Erbsünde auf einem Übersetzungsfehler basiert. Das Fundament des christlichen Denkens das kontingente Ergebnis einer fehlerhaften Übertragung vom Griechischen ins Lateinische? Wir wissen es nicht. Aus Köhlmeiers Werk geht man mit der Einsicht hervor, dass alles auch hätte ganz anders kommen können.
Dennoch will er die Literatur nicht als „Lebenshilfe“ verstanden wissen, jede Vereinnahmung ist ihm zuwider. Die Lieblingsfrage jedes Lehrers, was der Schriftsteller uns denn damit sagen wolle, hält Köhlmeier für unsinnig. Die Literatur sei uns keine Wahrheit oder gar moralischen Erklärungen schuldig, sie ist zunächst und zuvorderst Ausdruck unseres Bedürfnisses nach Schönheit. Er erzählt, dass er ein T-Shirt von Bodo Hell besitzt, mit der Aufschrift „Schön sein genügt“. Die textilgewordene Umsetzung von l‘art pour l‘art sozusagen. Daraus ergibt sich auch die Ablehnung der engagierten Literatur, nicht weil Literatur nicht engagiert sein könne, sondern weil es unsinnig sei, es von ihr zu verlangen: „Wenn ich merke, da will mir einer über den Umweg eines Romans Ideologie unterjubeln, dann lese ich nicht weiter, auch dann nicht, wenn ich mit seiner Ideologie einverstanden bin.“ Eine ironische Überspitzung seiner autonomieästhetischen Position, die politisches Engagement dennoch keineswegs ausschließt. Köhlmeier hält Reden und schreibt politische Aufsätze, engagiert sich gegen das Vergessen der Grausamkeiten der NS-Zeit. Nur tue er dies eben nicht als Schriftsteller, sondern als Bürger, eine Pflicht, von der er niemanden ausgenommen sieht.
Von Möglichkeitsräumen und Widerstand handelt auch Köhlmeiers neues Werk, Das Gute, aus dem er am Dienstag im KulTourhaus lesen wird. In 53 Kurzessays verwebt er Familien- und Weltgeschichte, denkt über die großen Mythen der Menschheit nach und erzählt von vergessenen Helden. Von Oskar Huth, der zur Zeit der Nationalsozialisten Buttermarken gefälscht und damit vielen Menschen das Leben gerettet hat. Von dem ungarischen Schriftsteller Sándor Márai, der von der Besetzung Ungarns bis zum Ende des Krieges keine Zeile mehr geschrieben hat. Gibt es das Gute in einer Welt, in der es das absolut Böse gibt, lautet die latent mitlaufende Frage. Köhlmeier findet eine ebenso klare wie bedingungslose Antwort: „Das Schöne und das Gute bleiben. Weil das eine schön, das andere gut ist.“ Ob einem solchen Optimismus angesichts der aktuellen Weltlage auch ein Akt des Widerstands inhärent sei, möchte ich am Ende des Gesprächs wissen: „Schönheit ist nutzlos. Mehr Sand ins Getriebe kann ich nicht streuen, als wenn ich nutzlos bin. Eine radikalere Opposition gegen den Kapitalismus kann ich mir nicht denken.“