Jeden Donnerstag und jeden ersten Sonntag im Monat lädt die Pabeierscheier in Burglinster zum Bücherstöbern ein

In der Seitenstadt

d'Lëtzebuerger Land du 09.01.2026

Von den verschneiten Anhöhen wachen die immergrünen Kronen der Waldkiefern über das erstarrte Dorf. Minus drei Grad. Die Luft ist feucht und beißend kalt. Im Schlosshof verabschieden sich zwei französische Küchengesellen rauchend in die Betriebspause, wenden ihre billigen Wagen auf dem schneebedeckten Parkplatz und gleiten den Hang hinunter. Aus dem gegenüberliegenden Wald ruft unbeirrt eine Meise in den trüben Tag. Am Fuß des Schlosses überquert jemand den Innenhof und verschwindet in einem Haus. Das Knarzen der Holztür trägt sich bis hinauf zur Schlossbrücke.

Hinter dem Glas der Eingangstür der ehemaligen Wirtschaftsgebäude erscheint eine Frau: dunkle Brille, kurze graue Haare, lebhafter Blick, Strickweste. Christiane Krier, Sekretärin des Vereins Lëtzebuerger Bicherfrënn, der hier seit 1999 die Pabeierscheier betreut. An diesem Montag ist sie mit zwei weiteren Seniorinnen sowie zwei jüngeren, ebenfalls pensionierten Herren zum Bücherräumen gekommen. An Büchern mangelt es nicht. Fast täglich treffen neue ein; vorhandene müssen bewertet, sortiert, eingeräumt werden.

Der Eingangsbereich ließe sich leicht für das eigentliche Antiquariat halten: Auf Tischen liegen Bücher und Schallplatten unterschiedlichster Herkunft und Relevanz. Doch schon nach wenigen Metern öffnet sich linkerhand eine Tür, und mit ihr ein in Luxemburg selten gewordener Anblick: eine dreischiffige Kulturbasilika aus Papier, randvoll, bis unter die Decke gefüllt mit Büchern.

Ein Inventar gibt es in der Pabeierscheier nicht. „Keine Zeit.“ Doch das Fehlen eines Katalogs ist kaum ein Mangel. Wo Christiane Krier ihre Brille hingelegt hat, mag ihr manchmal entfallen; ob ein bestimmtes Buch vorhanden ist, weiß sie fast immer. Rund dreißig Stunden pro Woche investiert sie ehrenamtlich in ihre „Bouquinerie“. „Christiane ist der Schirm über uns allen“, sagt Vizepräsidentin Maggy Weber. Ihr sei es zu verdanken, dass man heute so gut dastehe. Vielleicht will sie deshalb nicht allein aufs Foto. Nicht dass der Eindruck entstehe, sie wolle das noch lange weitermachen. Achtzig sei sie inzwischen, gibt die ehemalige Informatiklehrerin zu bedenken, wirkt dabei jedoch deutlich jünger. „Kein Problem“, meint einer der Herren trocken und stellt sich der „Gendergerechtigkeit“ zuliebe dazu. Lachen. Klick.

„Hier vorne ist alles Luxemburgensia“, sagt Christiane Krier und deutet auf das erste Drittel des Raums. Bücher aus und über Luxemburg sind weiterhin gefragt. Erst vor wenigen Tagen habe sie ein über hundert Jahre altes Buch über Napoleon verkauft und zeigt die Lücke zwischen zwei ledergebundenen Bänden. „Religion“ steht hier neben „Humor“. Eine eigene Abteilung widmet sich der luxemburgischen Ortsgeschichte: Vereinszeitungen, Jubiläumsschriften, Chroniken. All dies besonders beliebt bei älteren Herren, die das kleine Luxemburg mit der großen Welt zu verknüpfen suchen. Anfangs war der Verein stark männerdominiert, inzwischen überwiegen die Frauen. Auch in Wiltz, wo die Bicherfrënn eine Zweigstelle betreiben, arbeiten vor allem „Fraleit“. Der Anteil der Luxemburgensia ist inzwischen auf etwa ein Drittel des Bestands geschrumpft. An ihrer Arbeit mag Krier „den enorme Retour“ den sie persönlich durch die vielen Besucher, allen voran Expats und junge Paare, erfährt.

Immer wieder tauchen in der Pabeierscheier wahre Schätze auf. Sammler stoßen auf Bücher, von denen selbst die Nationalbibliothek kein Pflichtexemplar besitzt. Lücken, die erst durch aufgelöste Privatbibliotheken oder Zufallsfunde geschlossen werden können. Regelmäßig macht das Merscher Literaturzentrum Stichproben und fragt nach bestimmten Titeln. Umgekehrt spenden BNL und CNL Duplikate; die Bicherfrënn fahren zu Hinterbliebenen, um Bibliotheken abzuholen. Alle acht bis vierzehn Tage kommt ein Vereinsmitglied vorbei, gelegentlich eine BNL-Mitarbeiterin, um das angelieferte Material zu prüfen.

Zerfallene Bücher in gotischer Schrift, feucht gelagert auf jahrzehntealten Dachböden, mitunter noch mit Mäusekot zwischen den Seiten, erreichen die Pabeierscheier zwar regelmäßig, werden jedoch konsequent aussortiert. Ebenso wie überholte Photoshop-Guides. „Das werden wir leider nur schwer los“, sagt Christiane Krier und zeigt auf zwei Regale voller Langenscheidt-
Wörterbücher und Autobildbände. Sehr gefragt sind hingegen Literatur auf Englisch, Deutsch und Französisch, ebenso schwere Bildbände zu Kunst, Architektur und Fotografie. Neben Graphic Novels, Mangas und alten Landkarten verkaufen die Bicherfrënn auch Schallplatten, Postkarten und Totenzettel, die einst als Lesezeichen dienten und in den Büchern gefunden wurden.

„Ich mag Ordnung“, sagt Krier, doch räumlich stößt die Pabeierscheier langsam an ihre Grenzen. Wirtschaftlich läuft es gut: Rund 60 000 Euro haben die Bicherfrënn im vergangenen Jahr für wohltätige Zwecke gespendet. Anders als ein kuratiertes Antiquariat steht man hier in erster Linie für soziale Preise und gesellschaftliches Engagement. Zusätzlich fließen jährlich 8 000 Euro in ein CNL-Stipendium für Schriftstellerinnen und Schriftsteller. 2026 wird so die Autorin Chris Lauer eine Residenz am Literarischen Colloquium Berlin antreten können. Sorgen bereitet eher der fehlende Nachwuchs. Auch sei man sich bewusst, in Burglinster ein wenig „aus der Welt“ zu sein. Dass man überhaupt über diese Räume verfügt, vom Kulturministerium zu einem symbolischen Preis zur Verfügung gestellt, wird als Segen empfunden.

Tatsächlich ist die Pabeierscheier, neben dem Lënster Bicherclub, die einzige physische Gebrauchtbuchhandlung des Landes. Zwar führen einzelne Buchhandlungen, etwa das Quaichleker Bichereck in Echternach, kleine Gebrauchtecken, doch ein klassisches Antiquariat existiert in Luxemburg nicht mehr (vgl. „Geld isst Seele auf“, d’Land, 2.9.2022). Jahrelang war die Buchhandlung Hans Fellner die einzige, und vorübergehend ein belgischer Antiquar in Bonneweg. Ende Januar findet in Luxemburg-Stadt der jährliche Zéissenger Bichermaart statt, zu Pfingsten in der Belle Étoile der Bichermaart des Lions Club Mameranus. Ansonsten läuft vieles über das Internet: nostalgie.lu, luxembook.lu oder AbeBooks, wo auch Fellner weiterhin Bücher anbietet.

Vom Online-Handel ist die Pabeierscheier kaum betroffen. Anders als konventionelle Antiqua-
riate oder Bücherdörfer wie Hay-on-Wye in Großbritannien oder Redu in Belgien. In Burg-
linster ist aber auch alles Ehrenamt: Gehalt zahlende Buchhandlungen sehen sich zunehmend steigenden Mieten und Energiekosten ausgesetzt. Erst durch ein Crowdfunding konnte kürzlich der „buchladen“ im Nauwieser Viertel in Saarbrücken gerettet werden. In Frankreich schützen gesetzliche Mindestpreise unabhängige Buchhandlungen und sichern selbst in der Provinz gut sortierte Auslagen. Zudem verstehen sich französische Buchhändler oft als politische Akteure: als intellektuelles Gewissen des Viertels, als Orte der Beratung, der Kontinuität, des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Auch in Saarbrücken gehört das zum Selbstverständnis.

Waren Buchhandlungen hierzulande je mehr als bloße Vertriebsstellen? Welcher Händler versteht sein Geschäft als politisches Projekt, sein Lokal als Denkraum, als Energiezentrale, von der aus man über Gott und die Welt nachdenkt? Wer sich ein zusammenhängendes Bild vom Land machen will, braucht bereits Privatbibliotheken oder Spezialwissen. Oft interessiert genau das aber kaum jemanden. Und wenn schon Bücher kaufen, dann doch lieber neue: Weg mit dem alten Kram! Anders die Londoner in ihren Antiquariaten, wie Maggy Weber berichtet: „Di hu wi mëll doranner gewullt.“

Zwischen der Geschichtsversessenheit der Engländer und der Gespensterhaftigkeit einer Luxemburger Herkunft bietet die Pabeierscheier in ihrer fragmentarischen Fülle zumindest die Möglichkeit einer geistigen Verortung. Hier das kulissenhafte Dorf, dort das unzugängliche Schloss. Dazwischen eine Bücherscheune als wahrer Schatz. Fast eine Metapher. Je mehr wir lesen, je mehr wir verstehen, desto fadenscheiniger erscheint uns alles, was uns umgibt, was man uns mit auf den Weg gegeben hat. Wie ein Buch, aus dem man kurz aufblickt, nur um festzustellen, dass sich inzwischen alles verändert hat und nicht mehr das ist, was es zu sein scheint. Je nachdem, wie man liest. Und darin sind wir frei. In Burglinster ist man bescheidener: „Es ist ein Kreislauf“, meint beim Hinausgehen einer der beiden Herren nachdenklich: Bücher verlassen Sammlungen, werden in Burglinster zwischengelagert und anschließend in neue Hände und Sammlungen übergeben. Ein wenig wie das Dorf selbst, obwohl totsaniert, ein Geschenk ist aus alter Zeit, eine Seitenstadt in zeitloser Stunde. Sichtbar für den Sehenden und da für alle, die darauf ansprechen.

Frédéric Braun
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