Fernab des Mainstream-Buchhandels gibt es in Trier ein Kleinod. Der Buchladen Gegenlicht trotzt dem Onlinehandel und setzt auf Individuelles

„Klasse statt Masse“

d'Lëtzebuerger Land du 19.12.2025

Zehn Minuten vom Trierer Hauptbahnhof liegt sie in einer verwinkelten Gasse, die Buchhandlung Gegenlicht. Spaziert man vom Bahnhof in die Glockenstraße, muss man zuerst in die Rindertanzstraße abbiegen. Ob hier wohl einst die Rinder noch einmal vor dem Schlachten getanzt haben? Zwischen Weinlokal und einem Hotel liegt der kleine Buchladen, der mit seiner eigensinnigen Auswahl hervorsticht. Drinnen ist es kuschelig: Holzdielen, ein bordeauxroter Teppich, Holzregale ... und man trifft auf ein vorwiegend akademisches Publikum, das auch aus Luxemburg anreist. In den Auslagen Sachbücher, ausgewählte Belletristik, unter den Kochbüchern springt einem Ottolenghis Jerusalem ins Auge.

Auf ihrer Webseite wird die kleine Buchhandlung als „einfach anders“ beworben. Was unterscheidet sie von den Ketten? „Hier arbeiten Menschen, die eine gewisse Persönlichkeit haben, und wir kaufen nur Bücher ein, die uns selbst gefallen. Uns interessiert der Mainstream nicht. Wir haben hier zum Beispiel keine Bild-Zeitung“, sagt Inhaberin Heike Berg bestimmt. „Da sind wir sehr konsequent und das mögen die Leute. Bei uns findet man sehr viel Kunst, man findet auch die Büchergilde Gutenberg – die gibt’s nirgendwo sonst in Trier.“ Das Gegenlicht habe verschiedenste Verlage im Sortiment, darunter auch anthroposophische Bücher, betont Berg: „Wir haben ein Sortiment, was sonst niemand hat.“

Seit 1982 gibt es die kleine Buchhandlung. Doch erst 1993 übernahm Berg die Geschäftsführung. „Ich komme vom Fischland, von der Ostsee“, erzählt sie. Den Gründern hätte seiner Zeit eine andere Buchhandlung vorgeschwebt: eine andere Form der Begegnung, ein Ort für Künstler, für Alternative, für Linke. Berg versucht diese Tradition, „anders zu sein“, weiterzuführen.

Das Sortiment richte sich an alle: „Kinder, Jugendliche – auch wer einfach seine Ruhe haben will, ist hier willkommen.“ Viele Kunden verbringen hier ihre Mittagspause. Berg ist eine diskrete Person, niemand, der den Kunden hinterherrennt und sie nervt. Die drei Buchhändler/innen, die hier arbeiten, gehen auf die individuellen Wünsche ihrer Kund/innen ein. Schreibt man mit einer Buchbestellung, dauert es wenige Stunden, bis man eine hilfreiche Antwort bekommt, so etwa von Jutta Raab, der dritten Buchhändlerin im Gegenlicht.

Auch der Buchblogger, Florian Valerius, arbeitet hier. Valerius ist in der Luxemburger Literaturszene kein Unbekannter. Das Institut Pierre Werner bucht ihn regelmäßig als Moderator, auch KulturLX schon öfters; bei den Bettemburger Büchertagen hat er schon mit Jérôme Jaminet diskutiert.

Valerius ist in der Literaturszene eine Art Star. Sein Literatur-Blog heißt Bücherkaffee, auf Instagram hat sein Account @literarischernerd über 34 000 Follower. 2023 war er Mitglied der Jury für den Deutschen Buchpreis. Dass er im Gegenlicht gelandet ist, ist eine glückliche Fügung. „Ich habe in einer inhabergeführten Buchhandlung gelernt und das ist einfach mein Ding. Also bei einer Kette wie Thalia – da arbeiten auch gute Buchhändler/innen, da gibt‘s auch tolle Bücher, aber da gibt es zu viele Reglementierungen im Alltag. Ich habe schon vor über zwanzig Jahren mein Schulpraktikum hier gemacht“, erzählt er. Zudem wohne er nur fünf Minuten von der Buchhandlung entfernt. „Das war ein match made in heaven.“

Für ihn ergänzen sich die Tätigkeiten als Blogger und Buchhändler. „Die ursprüngliche Idee war: Ich rede total gern über Bücher und mein Blog ist eine Art und Weise, sich nach Feierabend digital über Bücher auszutauschen und das befruchtet sich total. Die Menschen nehmen mich digital auch als Buchhändler war, wissen, dass sie mir vertrauen können, und so habe ich meinen Job zum Hobby gemacht und auch noch ins Digitale gebracht“, schwärmt Valerius.

Was ihn zuletzt geflasht habe? „Letztes Wochenende habe ich die fast 800 Seiten Margaret-Atwood-Biografie gelesen und fand’s einfach ganz ganz großartig.“ Atwood sei für ihn ohnehin eine Ikone, schon damals in der Oberstufe habe er The Handmaid’s Tale gelesen. „Und jetzt diese Biografie. Sie ist einfach der Hammer.“

Valerius und Luxemburg verbindet eine lange Liebesgeschichte. Beim Großherzogtum gerät er ins Schwärmen: „Zu allererst verbinde ich meine erste große Liebe mit Luxemburg, mit 16. Was ich schätze, ist die Internationalität, die großen Namen, die dort hinkommen. Letzte Woche war der Literaturnobelpreisträger da. Es ist eine exquisite Auswahl an Schreibenden dort.“ Da könne man sich als Trierer nur ehrfürchtig verneigen. Zudem sei in Luxemburg „alles von vorne bis hinten toll organisiert – so ein hohes Niveau erlebe ich in Deutschland eher selten.“ Das Publikum nehme er als sehr zugewandt war.

Auch Heike Berg ist gern in Luxemburg. Sie habe viele Freunde dort. Angefangen von einem Bekannten, der einen Bioladen hat, über jemanden, der im Harley-Club ist. Vielfalt, wie es sie in Luxemburg gibt, und Meinungsfreiheit sind der in Ostdeutschland aufgewachsenen Buchhändlerin wichtig. „Es ist eine literarische Buchhandlung und mein persönliches Weltbild hat hier keinen zu interessieren. Ich finde es wichtig, dass man nicht so dogmatisch urteilt. Ich bin niemand, der in Schwarz-weiß-Kategorien denkt“, sagt Berg.

Als Buchhändler ist Valerius in seinem Element und wirkt jovial. So ganz das Gegenteil von einem blasierten Denis Scheck. Was macht für ihn gute Literatur aus? „Es ist viel Bauchgefühl, ich habe ja nie Germanistik studiert. Mir fehlt das Handwerk eines ausgebildeten Kritikers ...“, gesteht er ein. Vielmehr sei es lange Erfahrung, zu wissen, was Kund/innen gerne lesen: „Ich glaube, ich kann sehr gut Bücher für Menschen aussuchen. Es gibt einfach nichts Schöneres, als mit anderen Menschen über Literatur zu sprechen und das den ganzen Tag.“

Auf die Frage, was im Gegenlicht in der
Belletristik der Schwerpunkt sei, fällt Bergs Antwort verhalten aus. Hat sie ein Lieblingsbuch, das sie empfehlen kann? „Tolle Romane, die uns gut gefallen.“ Es seien Autoren, die man seit über 30-40 Jahren kennt. Valerius lege seine Lieblingsbücher aus, sie lege ihre Lieblingsbücher aus. Zusammen seien sie ein eingespieltes Team. Dann lässt sie sich doch zu einer Empfehlung verleiten. Blaue Augen von Victor Schefé habe ihr gut gefallen, die Geschichte eines Schauspielers aus dem Osten. Seine Vergangenheit interessiere sie besonders, weil sie von dort komme. So unterscheide sich ihr Blick von den der alteingesessenen Ur-Trierer. „Auch, wenn ich jetzt schon über 30 Jahre hier bin, kaufe ich noch immer Brigitte Reimann oder Christa Wolf ein.“ Und dann gebe es Bücher, die immer wieder kämen. In letzter Zeit sei dies Thomas Manns Der Zauberberg.

Ketten wie Thalia, bei denen einem die Verkäufer/innen schonmal einen Online-Gutschein in die Hand drücken, ohne sich bewusst zu sein, dass sie damit ihren eigenen Arbeitsplatz abschaffen, machen Berg keine Kopfschmerzen. „Die Guten überleben. Da darf man sich gar keine Gedanken machen. Augen zu und durch“, ist sich die resolute Buchhändlerin sicher. Man müsse eben einen gewissen Biss haben. Sie habe den Vorteil, aus einer Unternehmerfamilie zu kommen, ihr Vater war Kapitän, ihre Mutter habe immer Geschäfte gehabt. „Der Pleitegeier ist immer über uns gekreist“, erinnert sich Berg.

Für sie sei das Wesentliche ein selbstbestimmtes Leben. Sicherlich würde man woanders mehr Geld verdienen. „Aber zu bestimmen, wie man es machen will, was in deinem Laden steht, mit wem man arbeitet – das ist für mich das höchste Gut“, sagt sie. Auch Valerius ist gelassen: „Ich bin jetzt seit über 20 Jahren in der Buchbranche und es wurde stets gejammert. Ich denke immer, Leute, besinnt euch doch einfach auf eure Stärken und hört auf zu meckern! Auch in den nächsten zwanzig Jahren wird noch gelesen. Einfach einen guten Job machen, mit Herzblut dabei sein und fertig!“

Wird es das Gegenlicht auch noch 2050 geben, oder hat sich der Buchhandel bis dahin vollständig Online verlagert? „Solange ich hier bin und solange wir arbeiten und kämpfen, gibt es uns. Das ist ja auch unsere Aufgabe“, ist sich Berg sicher. Werden Bücher dann nur noch auf dem Kindle gelesen? Der Hype um Kindle sei schon wieder am Abklingen. „Die Arbeit hält uns auch gesund. Man braucht eine Aufgabe. Ich kann mich jetzt nicht an die Ostsee legen.“

„Man muss einfach das finden, was man gerne macht und wenn man das gefunden hat, dann hat man schon viel erreicht“, sagt Berg. Das wüssten die Trierer Banker, die seit 20 Jahren nach Luxemburg pendelten und zwar viel Geld nach Hause brächten, aber unzufrieden sind, auch.

Die Gegenlicht Buchhandlung befindet sich in der Glockenstraße 10, in der Trierer Innenstadt. Weitere Informationen unter: www.gegenlicht-buchhandlung.de

Anina Valle Thiele
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