Stadtbekannt, früh aus der Spur geraten, tauschte Gilbert Braun die Gesellschaft gegen die Literatur und trat am Ende selbst in sie ein. Ein Nachruf

Der letzte Bohemien der Oberstadt

Gilbert Brauns Wohnung in der Beaumontgasse
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 20.02.2026

Seine letzten Jahre nannte er mit kauzigem Humor „die neue Sachlichkeit“: rauchfrei, alkoholfrei, beinahe asketisch. Doch der Preis war hoch. Wegen eines vor einigen Jahren diagnostizierten Lungenleidens verließ er kaum noch seine Wohnung in der Beaumontsgasse. Er empfing bei sich die wenigen Freunde, die ihm treu geblieben waren, ließ sich die Libé, Le Monde und Bücher in seine ungeheizte Zweizimmerwohnung bringen, die er seit 1979 für 400 Euro monatlich mietete. Er bestellte Gerichte aus den umliegenden Restaurants, rührte sie jedoch meist kaum an. Gelegentlich telefonierte er vom Fenster aus mit Bekannten unten auf der Straße oder beobachtete misstrauisch das Treiben seiner in Smartphones versunkenen Zeitgenossen.

1966, Gilbert war zwölf Jahre alt, starb sein Vater mit nur 41 Jahren an den Spätfolgen von Krieg und Lagerhaft, die er als Zwangsrekrutierter überlebt hatte. Gilbert wuchs fortan als Pupille de la Nation mit seiner Mutter als Einzelkind in Bettemburg auf; die Großmutter lebte ebenfalls im Haus. Die beiden Frauen sprachen kein Wort miteinander. Vielleicht begann hier, leise und unbemerkt, jene innere Verschiebung, die später in Trotz und Distanz münden konnte. Zugleich wurde die Literatur früh zu einem Gegenraum. Bücher boten ihm, was das Elternhaus nicht geben konnte: Struktur, Welt, Überhöhung.

Anfang der 1980er Jahre, Gilbert arbeitete noch als technischer Zeichner bei der Cegedel, lernte ihn Jean-Claude Henkes als junger Buchhändler kennen: „Dat war esou di Zäit wou e vill Beatniks gelies huet: Kerouac, Ginsberg, Burroughs, awer och Bukowski.“ Aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine jahrzehntelange enge Freundschaft. Regelmäßig trafen sie sich mit anderen im Café Interview. Danach ging es meist ins Snack Chez Jean in der Beaumontsgasse und anschließend zu Gilbert gegenüber in die Wohnung. Henkes nahm den letzten Zug zurück in den Minett, um am nächsten Morgen um acht Uhr wieder an seinem Arbeitsplatz zu sein – genau wie Gilbert. „Hien hat awer ni vill Bock, moies opzestoen an op de Büro ze goe fir Pläng ze zeechnen. Bis et eng Kéier dozou komm ass, datt se hien erausgeheit hunn.“

Zunächst erhielt Gilbert den RMG. Doch da oft mehr Monat als Geld übrigblieb, schälten Freunde bei ihm Kartoffeln. Vom Metzger holte man noch „Träipen“, erzählt Henkes, der mit Gilbert Verlagskataloge studierte und sich bei Buchkäufen von ihm beraten ließ.

Ein Foto des Grafikers und Fotografen Pepe Pax aus jener Zeit zeigt Gilbert im Café Interview: dunkles, leicht zerzaustes Haar, schmales Gesicht, Bartschatten. Eine Frau liegt mit dem Kopf auf seinem Schoß, während er ihr sanft durchs Haar streicht. Etwa zeitgleich entstand ein Porträt in Schwarz-Weiß. Darauf lehnt er sich nach vorn, der Oberkörper ist nackt. Die eine Gesichtshälfte ist deutlich beleuchtet, die andere liegt im Schatten. Sein Blick wirkt ernst und nachdenklich, fast melancholisch. Gilbert hatte ihm seine Wohnung für Fotos zur Verfügung gestellt, erinnert sich der Fotograf Wolfgang Osterheld. Dabei sei auch das Bild mit ihm entstanden. Damals, als die Beaumontsgasse noch ein kleines Dorf war und die Südseite noch nicht dem Immobilienprojekt Centre Beaumont gewichen war, lebten dort rund 800 Menschen. Über einen langen Flur gelangte man in einen großen Hinterhof mit Garten. Eine Zeit lang befand sich dort das Konschthaus, in dem Pepe Pax die Bar betrieb, Osterheld fotografierte und Patricia Lippert ausstellte. Sie erinnert sich an „Gibbes“ als modisch elegante Erscheinung, als „Künstler ohne Werk“, der ihr ein Bild abkaufte – „kein typischer Macho“, sondern „alles mit Stil. Auch die Frauen“.

In einem Empfehlungsschreiben von 1988, das sich in Gilberts Unterlagen fand, bescheinigte Literaturprofessor Ferdinand Stoll dem damals 35-Jährigen „une culture hors de pair“ sowie eine Privatbibliothek, die in Quantität und Qualität jene eines „enseignant professionnel moyen“ übertreffe. Seit zwanzig Jahren forsche er autodidaktisch zu Céline und verfüge über die Kenntnisse eines „érudit“. In der Nationalbibliothek hörte man ihm erheitert zu. Die Anstellung erhielt er nicht – was er, so eine Bekannte, als schmerzhaftes Übergehen empfand. Jean-Claude Henkes berichtet von einer Reise Gilberts nach Hamburg, wo er sich als freier Journalist hatte etablieren wollen, während Henkes mit der Betreuung der Wohnung und der Katze „Petzi“ beauftragt war. Bereits wenige Tage später sei er aber wieder da gewesen.

Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme übernahm Gilbert schließlich Tipparbeiten für verschiedene Institutionen, darunter von 1990 bis 1994 für den GréngeSpoun. „Hien war als ‚Intellektuellen‘ zoustänneg fir divers Manuskripter ofzetippen, déi hien dann op enger Diskette erop an d’Streckeisen, den éischten eegene Sëtz vum GréngeSpoun, bruecht huet. Duerno ware mer an der Groussgaass“, erinnert sich der Journalist Richard Graf. „Mir hunn eis éischter iwwer Politik ënnerhalen. Ee feinen, sensibelen Typ. Eng vun de ville Persounen, déi een am Liewen begéint, an dann aus den Aen verléiert … an dann op eemol vermësst.“

Schon zu Cegedel-Zeiten klagte Gilbert über Rückenschmerzen und erschien zeitweise mit Gehstock. Irgendwann beschloss er, Invalidenrente zu beantragen. Er nahm sich einen Anwalt und zog vor Gericht. „Sou wéi e war, wollt en eng riseg opféieren“, erinnert sich Pepe Pax. Der Anwalt mahnte zur Vorsicht: Würde der Antrag abgelehnt, sei ein zweiter Versuch ausgeschlossen. Gilbert bekam die Rente. Er musste nie wieder arbeiten. „E war ganz glécklech.“

Über Jahrzehnte war Gilbert eine feste Figur im Café Vis-à-vis. Schlank, mit runder Brille und zurückgekämmtem weißgrauem Haar, umwehte ihn der Geruch von Tabak und Alkohol. Er las ständig – und alles. Seine umfangreiche Hausbibliothek umfasste Literatur ebenso wie Kunstmonografien, Erotica und Bücher zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, zur Pariser Kommune, zu Berlin und zum Anarchismus. Meist hatte er ein abgegriffenes Taschenbuch bei sich. Er trank Kaffee, Mouton Cadet, Jacky Cola, in dieser Reihenfolge. Er ging nicht in Therapie; das Vis-à-vis war seine Therapie. Und die Literatur. Allen voran Céline, aber auch Benn, Jünger, Bukowski. An ihnen faszinierte ihn die Radikalität des Ichs, die Lust an der Schonungslosigkeit und die Würde des Außenseiters. Das gab ihm Halt, ohne ihn zu zähmen.

Jahrelang kam er in Begleitung von Lydie Trierweiler, einer großen Brünette mit schönen Augenbrauen und unruhigem Gemüt. Manchmal stritten sie im Vis-à-vis, dann saßen sie wieder als Liebende beisammen und tranken. Bis Lydie eines Tages starb und Gilbert allein zurückblieb, vor mehr als zehn Jahren. Danach saß er meist neben Steve Kaspar, stritt und trank mit dem Künstler, versöhnte sich wieder. Jetzt sind beide tot.

Gilbert war ein guter Zuhörer, sagt eine Bekannte. Hinter den dicken Brillengläsern riss er die Augen auf oder verzog die Mundwinkel. War er betrunken oder genervt, beschimpfte er sein Gegenüber als „Nationalsozialist!“ oder rief „Vuvuzela!“ und blies verächtlich durch die Faust. Manche machte er regelrecht zur Sau. Eine Freundin wiederum erinnert an seine große „Douceur“.

„Unterhaltungen, reden, dialogisieren, Geschichten erzählen, philosophieren, Erörterungen zur Genese der eigenen Persönlichkeit – das alles spielte bei seinem alltäglichen Zeitvertreib die Hauptrolle“, schreibt sein Freund, der Hamburger Schriftsteller Daniel Dubbe, der ihm 2023 in Jugendfreunde: Dieser Hauch von Freiheit ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Zu Dubbe kam Gilbert über dessen Freund Kiev Stingl, Sänger und Dichter, den er in einer Luxemburger Bar kennengelernt hatte. Beide, mutmaßt Dubbe, hätten ein innerlich an die Mutter gekoppeltes Leben gelebt selbst in der Abwehr. Mütter, die sehr alt wurden und im Fall Stingls den Sohn sogar überlebten. Dass er es nicht fertiggebracht habe sich nach Hamburg, Paris oder Tanger abzusetzen und im Zuge definitiv von Luxemburg abzukoppeln, sei wohl Gilberts größtes Bedauern gewesen.

Bemerkenswerterweise starb Gilbert exakt am selben Tag wie zwei Jahre zuvor seine Mutter, die er zeitlebens „Godzilla“ genannt hatte und die über neunzig Jahre alt wurde. Offenkundig waren beide nicht füreinander geschaffen. Sicher spielten auch äußere Umstände eine Rolle. Aus dem Wenigen, das er in seinem als „elliptisch“ beschriebenen Stil („du wees jo, gell“) preisgab, ließ sich zumindest erahnen, dass sein Leben früh von einem Bruch geprägt war. Gilbert starb am 9. Januar im Alter von 72 Jahren.

* Keinerlei verwandtschaftliche Beziehung

Frédéric Braun
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