Am 30. Dezember hatte Robert Goebbels im Tageblatt noch einen Artikel über „Die notwendige Entrümpelung der EU“ veröffentlicht. Keine sieben Tage später verstarb er in der Nacht zum Dienstag dieser Woche im Alter von 81 Jahren.
Aus der Landespolitik hatte er sich schon 1999 zurückgezogen. Er hatte der Gerhard Schröder der LSAP sein wollen. Als Spitzenkandidat einer Kammerwahl-Kampagne, die sich modern gab, Schüler, Studentinnen und junge Angestellte umwarb. Mit Wahl-Spots, in der Cola und Jeans eine Rolle spielten und Robert Goebbels als der Zukunft zugewandter Macher-Typ mit Erfahrung im Wirtschaftsministerium und vor dem Hintergrund der damals noch boomenden New Economy. Auf Empfehlung einer Werbeagentur war das A im Parteinamen durch das @ ersetzt worden.
Doch die Wahlen am 13. Juni 1999 wurden zum Desaster für die LSAP. Mehr als Koalitionspartnerin CSV wurde sie für die Pensionsreform im öffentlichen Dienst abgestraft, fiel von 17 auf 13 Kammermandate zurück. Im Süden erhielt sie zum ersten Mal weniger Listenstimmen als die CSV, und die Ilres rechnete aus, dass es erhebliche Wählerwanderungen von der LSAP zum ADR gegeben hatte. Alex Bodry, Spitzenkandidat im Süden, wurde dort viel besser gewählt als Robert Goebbels im Zentrum. Dass am selben Tag Europawahlen stattfanden, ermöglichte Goebbels das rasche Straßburger Exil.
Kein schöner Abgang nach drei Legislaturperioden in CSV-LSAP-Regierungen. Doch Goebbels war einer, der Risiken einging. Der seine Ziele verfolgte, als säße er auf einem Bulldozer – ein passendes Bild für den Bautenminister zwischen 1989 und 1999. 1989 war er auch Wirtschafts- und Transportminister geworden, 1994 Bauten-, Wirtschafts- und Energieminister. Bei seinem ersten Regierungseintritt 1984 wurde er Staatssekretär für den Mittelstand und für Auswärtige Angelegenheiten. In letzterem Amt organisierte er im Juni 1985 die Unterzeichnung des Schengen-Vertrags. Und sollte zum ersten Luxemburger Politiker werden, nach dem schon zu Lebzeiten – in Schengen – eine Straße benannt wurde. Luc Frieden wurde 2024 mit dem nach ihm benannten Platz in Contern der zweite.
Abgesehen vom Schengen-Vertrag erinnert man sich an ihn vor allem wegen der Auseinandersetzungen, die er als Bautenminister führte. Mit der ASBL Jeunes et Patrimoine, die ihm den Gëllene Bagger 1992 verlieh, wegen „Verstéiss géint de Respekt virun historesche Gebailechkeeten an der Stad Lëtzebuerg“. Oder die Konflikte mit den Grünen und dem Mouvement écologique um die Nordstrooss, die Saarautobunn und die 24 Umgehungsstraßen, um die er das Land zu bereichern gedachte. Die meisten wurden in den folgenden Jahrzehnten gebaut oder sind noch vorgesehen. Aber im Projet de plan directeur vom 8. Juli 1997 stand eine Philosophie: „Depuis les origines de la civilisation l’homme est venu s’installer en bordure des grandes voies de communication et préférentiellement à leurs points d’intersection. Ainsi se sont créées au fil des siècles des agglomérations axées autour des routes…“. Das war nicht falsch. Doch Goebbels und der LSAP in den Ressorts Bauten und Transport ging es vor allem um Straßen. Nach dem Regierungswechsel 1999 rechneten die CFL DP-Transportminister Henri Grethen vor, welch riesiger Investitionsaufwand nötig sein würde, wollte man nicht aufhören müssen, in Luxemburg Zug zu fahren.
Noch mehr als Etienne Schneider 20 Jahre nach ihm, verkörperte Goebbels in seiner Partei einen Fortschrittsglauben. Einen, der bisweilen blind sein konnte. Das hatte auch mit seiner politischen Sozialisation in der bewegten Zeit ab Ende der Sechziger- bis Ende der Siebzigerjahre zu tun. Als ein bürgerlicher Flügel sich von der LSAP abgespalten und die Sozialdemokratische Partei gegründet hatte. Als die LAV-nahe LSAP nach dem Streik von 1973 die Kammerwahlen 1974 gewonnen hat und ein Regierungsbündnis mit der DP unter Gaston Thorn eingeht. Als Parteilinke und Jungsozialisten mehr wollten als die mit der DP möglichen gesellschaftspolitischen Reformen, und im Unterschied zur Parteileitung auf gar keinen Fall ein Atomkraftwerk in Remerschen. Als nach Ausbruch der ersten Stahlkrise LSAP-Finanzminister Jacques F. Poos das Geld für den Krisenkompromiss mit den Gewerkschaften beschaffen und beweisen muss, dass er das ebenso gut konnte, wie ein CSV-Minister.
Damals hatte Robert Goebbels eine wichtige Rolle inne. Der Journalist, der beim Journal anfing, dann zum Tageblatt wechselte, war der LSAP 1965, mit 21 Jahren, beigetreten. 1968 wird er Präsident der Jungsozialisten, 1969 Mitglied des comité directeur der Partei, 1971 Generalsekretär und 1974 auch Fraktionssekretär. Was ihn schon im Alter von 30 zu einem der Einflussreichsten in der Partei macht. Als die LSAP am 16. Juni 1974 die Koalition mit der DP eingeht, verspricht Goebbels: „A muer de Sozialismus!“ Doch nicht nur ist das mit der DP nicht zu machen. Die LSAP beginnt, statt Gewerkschaftspartei sein zu wollen, mit einem Projekt Volkspartei zu liebäugeln. Sie will nicht unmodern erscheinen. In so einer Partei hat Robert Goebbels eine Zukunft, durchsetzungsfähig und auf Effizienz bedacht, wie er ist. Er wird später von sich selbst berichten, als Journalist auf der Besuchertribüne im Parlament habe er sich gesagt, „das kannst du auch, und sogar besser“.
Nachdem sie 1979 aus der Regierung gewählt worden war, weil Poos das Krisen-Sparpaket verübelt wurde und die Suspendierung der Punktwerterhöhung im öffentlichen Dienst, gewinnt die LSAP die Wahlen 1984 mit dem Versprechen auf die Wiedereinführung des von der schwarz-
blauen Vorgängerregierung ausgesetzten Index. Mit 21 Sitzen ist sie fast so stark wie die CSV, könnte auch mit der DP koalieren, doch Poos und Goebbels geben der CSV den Vorzug, die sie unter Jacques Santer für schwach halten. Sozialismus-Gedanken werden keine mehr gehegt. Mit der CSV geht es um die Ankurbelung der Wirtschaft nach der zweiten Stahlkrise.
Dort nimmt die Modernisierung ihren Anfang, die Goebbels ab 1984 als Mittelstands-Staatssekretär und ab 1989 als Minister vorantreiben wird. Im großen Stil werden neue Gewerbe- und Industriezonen ausgewiesen, um sie anzubinden, Straßen und Autobahnen geplant. Goebbels geht entschlossen vor, kollidiert nicht nur mit dem Mouvement écologique, der ihn „Betonminister“ nennt, sondern auch mit Alex Bodry, dem LSAP-Umweltminister ab 1989. Um die Nordstrooss in ihrer „Ostvariante“ durch den Gréngewald durchzusetzen, über die die LSAP gespalten ist und die Bodry wegen ihrer Umweltauswirkungen nicht befürwortet, sucht Goebbels in der Kammer eine Mehrheit bei der DP; eine außerordentliche Situation. Die Saarautobahn boxt er ohne einen Variantenvergleich von Streckenführungen durch, den die EU-Umweltimpakt-Richtlinie eigentlich vorschreibt. Wodurch das Projekt vor Gericht landet, der Bau nur teilweise erfolgen kann, weil Besitzer ihre Grundstücke nicht hergeben. 2001, da ist Goebbels schon im Europaparlament, klagt die EU-Kommission gegen Luxemburg vor dem EU-Gerichtshof wegen Nichteinhaltung der Umweltimpakt-Richtlinie. Komplett ist die Autobahn erst 2016.
Doch Umwelt, das ist für Robert Goebbels etwas, das nach der Wirtschaft kommt. Im Nachhinein wird bilanziert, er habe als Wirtschaftsminister mehr als 100 neuen Industrien zur Ansiedlung verholfen und so für 20 000 Arbeitsplätze gesorgt. Seine Prioritäten kann er auch in groben Worten darlegen. Was nicht nur von Nachteil ist: Bei Goebbels weiß man immer, woran man ist. Doch die Saarautobahn ist ein Beispiel für Fehleinschätzungen, die er traf, Selbstüberschätzungen, denen er aufsaß. Ein weiteres ist 1993 seine Kandidatur zu den Stater Gemeindewahlen, bei denen er keine Chance gegen Lydie Polfer hat. Dass er dafür sein Ministeramt nicht aufgibt, schlägt Wellen. Dass er nicht in den Gemeinderat einrückt, denn gewählt wurde er immerhin, schlägt auch welche. Er tut so, als sei nichts geschehen, und bleibt Minister.
Die Wahlniederlage 1999 steckt er nicht einfach weg. Mit der LSAP in die Opposition gehen, mag er nicht. Kammer-Abgeordneter war er nie. Er erklärt Alex Bodry zum nunmehr „natürlichen Leader“, und die Partei arrangiert seinen Abgang. Der bei den Europawahlen auf der LSAP-Liste Erstgewählte Bodry verzichtet auf sein Mandat zugunsten des Zweitgewählten Goebbels. Weil Ben Fayot, der amtierende LSAP-Mann in Straßburg, nur Viertgewählter geworden ist, muss er seinen Platz räumen.
In Straßburg bleibt Goebbels seinen Prioritäten treu. Die Wirtschaft habe das Primat. Atomenergie und Gentechnik hält er für nötig, Klimapolitik für ziemlich unnötig. Am 24. Oktober 2013 etwa rechnet er der Plenière vor, die CO2-Emissionen der EU seien nur elf Prozent der globalen. „Même si l’Union européenne réduisait ses émissions de 30 pour cent jusqu‘à l’horizon 2020, cette réduction serait absorbée par les émissions supplémentaires des autres.“ Bei der Abstimmung am 9. Oktober 2013 zu Umweltimpaktstudien erklärt er: „Les soi-disant études d’impact visent essentiellement à tuer toute activité économique nouvelle et à favoriser l’égoïsme individuel (Nimby – Not in my backyard). Si de telles études avaient été requises au début de l’ère industrielle, l’humanité vivrait encore dans la misère absolue.“
An die Luxemburger Landespolitik wendet er sich über Meinungsbeiträge im Tageblatt. Ganz fort aus dem Großherzogtum ist er nicht, ist es in den drei Legislaturperioden bis 2014 nie. Journalist ist er insofern geblieben, als er mit viel Aufwand Informationen zusammenträgt. Suspekt ist ihm alles, was nicht effizient erscheint und schlecht ist für die Wirtschaft. Polemisch ist er immer, manchmal auch populistisch.
Ein letztes Risiko, das er eingeht, ist 2015, zurück aus Straßburg, der Verwaltungsratsvorsitz des Freeport. Das Hochsicherheitslager für Kunst und andere Wertgegenstände in der Nähe des Flughafens ist verschuldet, außerdem Vorwürfen ausgesetzt, Geldwäsche und Steuervermeidung zu begünstigen. 2020 legt Goebbels sein Amt nieder, ohne öffentlich erklären zu wollen, wieso. Vielleicht wollte er einer letzten Fehleinschätzung zuvorkommen.