Als sich am 10. Dezember 1825 im Luxemburger Wochenblatt auf Seite 6 ein Gedicht fand, konnte niemand ahnen, dass damit – fast beiläufig – ein literarischer Meilenstein gesetzt wurde. Bemerkenswerterweise trägt das Gedicht einen französischen Titel: Les derniers Vœux d’un Ivrogne. Der Text selbst jedoch ist auf Luxemburgisch verfasst, das im Untertitel als „patois de Luxembourg“ bezeichnet wird und im Wochenblatt bereits zuvor in kurzen Prosatexten aufgetaucht war; oft in lebhafter Mischung mit Deutsch und Französisch. Das Gedicht war keine hohe Poesie und stellte keinerlei literarische Ansprüche, vielleicht wurde es sogar im Suff verfasst, wie sein Inhalt sagt. Aber jenes „patois de Luxembourg“, die volkstümliche Luxemburger Alltagssprache, sollte Jahrzehnte später zur Nationalsprache erhoben werden. Die Literaturgeschichtsschreibung glaubte lange, dass Anton Meyers Schrek ob de Lezeburger Parnassus von 1829 das erste Werk auf Luxemburgisch war.
Der Autor des ersten Gedichts war Georg Friedrich Weiß. Er war 1817 als preußischer Verwaltungsangestellter in die Festungsstadt gekommen und liebte das Experimentieren. Er mischte Deutsch, Französisch und Luxemburgisch zu sprachspielerischen Miniaturen. Er fingierte Leserdialoge, konstruierte Anekdoten und scheute sich nicht, das Volksidiom in die gedruckte Öffentlichkeit zu holen. Dass ausgerechnet ein neu Zugewanderter die ersten literarischen Versuche auf Lëtzebuergesch wagte, war kein Zufall: Migranten, damals wie heute, greifen intuitiv zur Sprachenmischung, ehe sie die lokale Sprache vollständig beherrschen. Weiß erkannte früh die Mehrsprachigkeit Luxemburgs als Wesenszug der Hauptstadt, die damals kaum 10 000 Einwohner hatte – und doch drei Sprachen täglich hörte. Sein Ivrogne-Gedicht ist nicht nur Kuriosum, sondern das früheste bislang bekannte gedruckte Gedicht in luxemburgischer Sprache.
Der literarische Erstling wäre ohne ein weiteres Pionierwerk kaum denkbar: das Luxemburger Wochenblatt, die erste Zeitung des jungen Großherzogtums. Nach Jahren der Fremdherrschaft und strenger Pressezensur unter Spaniern, Österreichern und Franzosen blieb Luxemburg bis 1821 ohne regelmäßige Presse. Erst unter dem niederländischen König Wilhelm I. lockerte sich das Klima. Am 7. April 1821 erschien die erste Ausgabe des Luxemburger Wochenblatts: Klein-Quart-Format, eine Stadtansicht als Titelbild, dazu lokale Meldungen, internationale Nachrichten, Gedichte, Rätsel und Anzeigen. Das Blatt richtete sich vor allem an die städtische Bourgeoisie und die preußischen Offiziere der Festung. Die Zeitung war – in Aufbau, Inhalt und Ausrichtung – fast vollständig das Werk eines einzigen Mannes: Georg Friedrich Weiß.
Weiß war Herausgeber, Redakteur, Anzeigenakquisiteur, Chronist und gelegentlich sogar Werbetexter seiner eigenen Nebengeschäfte. Denn das Wochenblatt brachte kaum Gewinn ein. Um zu überleben, bot Weiß „alle Arten schriftlicher Arbeiten“, Übersetzungen, Abschriften und Versicherungsvermittlungen an.
Sein journalistischer Blick galt besonders den Themen, die das Alltagsleben der Stadt prägten: Brände, Festungsangelegenheiten, soziale Missstände. Modern anmutend wirken seine Empörungen über die Behandlung der Fiaker-Kutscher oder die Fällung zweier Bäume auf der Place d’Armes – frühe Vorboten eines sozialen Gewissens in der Luxemburger Presse.
Auch politisch setzte Weiß Akzente: Er forderte Pressefreiheit, kritisierte katholische Machtstrukturen und verfolgte mit romantischem Enthusiasmus den griechischen Unabhängigkeitskrieg, der im Wochenblatt zum Freiheitskampf stilisiert wurde. Sein journalistisches Talent zeigte sich auch in der Förderung junger Autoren. Als Erster druckte Weiß Gedichte von Ludwig Marchand und Theodor Lenz, frühen Luxemburger Literaten der deutschen Romantik.
Nicht alle sahen in Weiß den unermüdlichen Pionier. Historiker wie Nik Welter, Albert Calmes oder Fernand Fehlen kritisierten seine Nähe zu den preußischen Offizieren und zu König Wilhelm I. Manche warfen ihm „Preußenfreundlichkeit“ vor. Andere, wie Roger Muller, verteidigten ihn und verwiesen auf Gedichte im Wochenblatt, die den preußischen Militarismus scharf attackierten. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen: Weiß war Pragmatiker. Als Migrant und Zeitungsmacher war er auf die Gunst der Behörden angewiesen – und gleichzeitig mutig genug, Missstände zu benennen.
Die Zeitung überlebte nur fünf Jahre. Am 8. Juli 1826 erschien ihre letzte Ausgabe. Der Grund war schlicht: Weiß war pleite. Die Druckerei Lamort verweigerte weitere Arbeiten, weil unbezahlte Rechnungen sich häuften. Weiß wandte sich an Gouverneur Jean-Baptiste Willmar mit dem Plan, eine Art Hofzeitung unter königlicher Schirmherrschaft zu gründen. Willmar lehnte ab – und lieferte eine vernichtende Charakterbeschreibung: Weiß sei schuldenbeladen, zerrüttet, habe seine Familie vernachlässigt. Tatsächlich musste seine Mutter seine Frau und Kinder aus Luxemburg zurück nach Breslau holen. Danach verliert sich die Spur. Weiß’ Lebensende liegt im Dunkeln.
Die Luxemburger Literaturgeschichte hat lange über den Namen des Mannes gestritten, ihn mal „Gaspard“, mal „Friedrich Georg“ genannt. Sicher ist jedoch sein Verdienst: Georg Friedrich Weiß machte als Erster Literatur auf Lëtzebuergesch publik – und bereitete damit den Boden für die lëtzebuergesche Literaturtradition des 19. Jahrhunderts. Dass dieser Anfang von einem Migranten gesetzt wurde, der die Sprachen seines Gastlandes mischte, ist vielleicht die schönste Fußnote: Lëtzebuergesche Literatur begann genauso, wie Luxemburg bis heute ist – mehrsprachig, offen, im Wandel begriffen.