Die Post feierte mit einer Briefmarke „500 Joer Coryciana“. Die vor einem halben Jahrtausend in Rom erschienene Gedichtsammlung nennt sie ein „bedeutendes Werk der Weltliteratur“. Es ehre Janus Corycius, der „um 1457 in Koerich als ,Jang‘ geboren“ worden sei (www.postphilately.lu).
Zu Beginn des Frühkapitalismus erfand die Renaissance das bürgerliche Individuum. Vorstellbar nur als Wiedergeburt antiker Kunst und Macht. In humanistischer Mode latinisierte Johan Goritz seinen Namen zu „Corycius“. Nach dem Studium der freien Künste und der Theologie in Heidelberg kam er 1497 nach Rom. Dort brachte er es zum Apostolischen Protonotar und wurde vermögend. Dergleichen Geschäftspraktiken wollte die Reformation gerade beenden.
Goritz war kunstsinnig, aber untalentiert. Das macht vermögende Leute manchmal zu Mäzenen. 1512 bezahlte er der Kirche in der Nachbarschaft eine lebensgroße Skulptur Andrea Sansovinos von Anna, Maria und Jesuskind. An jedem Namenstag der Heiligen Anna, am 26. Juli, organisierte Goritz auf seinem Anwesen ein üppiges Fest für Prälaten, Patrizier, Adelige, Dichter, Altertumsforscher. Die Heilige Anna wurde in jener Zeit viel verehrt. Auch wenn die Großmutter Jesu nur in apokryphen Schriften vorkommt.
Von Pietro Bembo über Baldassare Castiglione, Marco Girolamo Vida bis Ulrich von Hutten bedankten sich über hundert Gäste bei Goritz mit rund 400 neulateinischen und (verlorenen) griechischen Gedichten. Manche sind kunstvolle Wortdrechslereien, grammatische Akrobatik in einem antiquierenden Latein. Andere erinnern an lieblose Pflichtgeschenke wie der Blumenstrauß von der Tankstelle. Der belgische Philologe Josef Ijsewijn nennt die Gedichte „deadly dull“, ihre Lektüre „a very hard time“ (in: Latin Poetry and the Classical Tradition, Clarendon, 1990, S. 213).
Die überschwänglichen Epigramme, Hymnen und Annalen loben die Großzügigkeit und Frömmigkeit des Gastgebers: Man kann reich und fromm zugleich sein – also kein Grund, gleich eine Reformation zu beginnen. Die Gäste mischen antike und christliche Götterwelt, messen sich an antiken Klassikern und verachten die weniger gebildeten Stände. Die meisten Gedichte besingen die von Goritz gestiftete Anna selbdritt. Keines ohne das Klischee, dass göttlicher Zauber die Marmorstatue lebendig erscheinen lasse. Nietzsche würde sagen: „lauter Rokoko der Seele, lauter Verschnörkeltes, Winkliges, Wunderliches“ mit einem „gelegentlichen Hauch bukolischer Süßlichkeit [...]. Demuth und Wichtigthuerei dicht nebeneinander; eine Geschwätzigkeit des Gefühls, die fast betäubt“ (Zur Genealogie der Moral, 3.21).
Von den Gedichten sind zwei Abschriften erhalten. Nach mehreren Anläufen erschienen sie im Juli 1524 in Rom als Coryciana – „Goritzereien“ – mit einem Vorwort des Privatsekretärs des Papstes, Blosio Palladio. Der Kalligraf und Typograf Ludovico degli Arrighi (Vicentino) und der Goldschmied und Schriftschneider Lautizio Mei (Perugino) druckten die Gedichtsammlung. Eigens in einer neuen Kursivschrift, einer Verfeinerung ihrer humanistischen „italiques“ mit geschwungenen Versalien.
Joseph Ijsewijn lokalisierte 28 Exemplare der Edicio princeps in europäischen und US-Bibliotheken (Coryciana, Herder, 1997, S. 20). Ein weiteres Exemplar aus einer walisischen Schlossbibliothek befindet sich heute in einer Luxemburger Privatsammlung. Nach Ijsewijns Neuausgabe übersetzte Lydia Keilen, Lehrerin am Athenäum, zwei Drittel des Werks erstmals in eine moderne Sprache, Französisch (Les Belles Lettres, 2020).
Die südländischen Poeten verachteten Goritzens Heimat. „Illis in regionibus nivosis / Inter barbariem rigentiorem“, schauderte es den sizilianischen Adeligen Giano Vitale (f. D[iv]). Trotzdem machten heimische Autoren im 19. Jahrhundert aus dem römischen Sponsor einen Luxemburger Dichter: Sie mussten dringend eine Nationalkultur erfinden. Unter der Nazi-Besatzung widmete ihm das Escher Tageblatt eine fünfteilige Serie „Ein großer Sohn Luxemburgs“ (27.12.1943-3.1.1944). Nach der Säkularisierung und Liberalisierung in den Siebzigerjahren bemühte der Journalist und CSV-Politiker Pierre Grégoire die Humanisten um Janus Coricius als Zeugen, dass Humanismus ohne Religion „die schlechteste Lebensweise“, mit Religion „die glorioseste“ sei (De Frëndeskrees, 1980, S. 12).
Nach dem Sacco di Roma 1527 starb Goritz etwa siebzigjährig in Verona. Laut Pierio Valeriano war er auf der Flucht in Richtung Heimat, verzehrt von der Sehnsucht nach Rom und seinem Vermögen (De litteratorum infelicitate, Venedig 1620, S. 88).