Da werde ich jetzt aber aufräumen, da werden jetzt einige fliegen! Düstere Verkündung auf Facebook, armer FB-Seele, bibberschluckhuch!, wird mulmig zumute. Fliegen! Fliegen, tat man sowas nicht einst aus Schulen und Betrieben und Discos? Diese grandios gefährliche Auszeichnung, das schillernde Gezeichnetsein der Verfemten? Und sowas auf Oma-FB. Fliegen. Ohne Schillern.
Meint Mensch etwa mich? grübelt Narzisstin. Bin ich die Abweichlerin, die Abtrünnige, die die herum trollt, die mit den blöden Bemerkungen den komischen Kommentaren die Advokatin sämtlicher Teufel/innen, die stichelt und stachelt und aneckt und anstößt, nicht nur Debatten um sich dann faul und feige aus den Gefechten zu stehlen. Weil die Sonne scheint. Die nicht links genug ist und nicht rechts genug und die die Mitte nicht aushält und die Impfgegnerinnen nicht und die unerbittlichen Zero-Covid-Impfgenossen schon gar nicht. Und ganz und gar Gaza ist, aber dann israelische Künstler liket. Und für den Frieden ist aber zweifelt, dass Herr Putin mitmacht. Die immer daneben steht und zwischen den Stühlen hockt und falsch liegt. Nicht linientreu, immer Schlangenlinien.
Sardonisches Grinsen gleißt durch das strenge Schwarz-Weiß bei der Verkündigung der Säuberungsaktion. Ein Schauderschreck geht durchs Gefolge, eine kurze Schockstarre, die Follower/innen kuscheln sich zusammen, es ist schön so zu kuschen, und dann schon, uff!, noch mal davongekommen beim Köpferollen, setzt ein verständnistriefendes virtuelles Kopfschütteln und Nicken ein. Treuebeweise. Demonstrationen von Devotion. Köpfe und Schwänze werden eingezogen, Pfötchen gegeben, Kratzfüße absolviert, jaja man muss hart durchgreifen. Voll richtig! Ganz bei dir! Mach ich auch so. In Acht und Bann mit dem Abweichler! Verbannung! Delete wie man früher sagte.
Unbotmäßiges Verhalten ist nicht zu dulden, leider muss Strenge/r Herr/in, den Rohrstab stets bei Hand, immer wieder mal nach dem Rechten oder dem Linken schauen. Nicht alle Saubermenschen sind von so gnadenloser Konsequenz, gewürzt mit der beliebten Prise Alltagssadismus, die dem Gefolge Lustschauer über den Rücken jagt, manche wollen es einfach nur ordentlich haben. Es muss halt von Zeit zu Zeit aufgeräumt werden und ausgeräumt, nicht jeder kann hier seinen Senf abgeben, seinen Mist hinterlassen, nicht jede kann hier einfach rein und alles rauslassen. Ein bisschen Benehmen bitte! Diese biedere Variante des FB-Herbergsvaters, der in Pantoffeln an seiner wall entlangschlurft und dann mal zum Putzlappen greift: Hier spinnen ein paar! Und dann gibt es welche, die nie liken. Oder die nur liken. Stille Genießerinnen, sozialmediale Schmarotzer, nicht bei mir!
Vielleicht sollte ich so eine Putzaktion auch mal starten, vielleicht sollte ich auch mal die Hausmeisterin meiner Plattform sein. Bei mir ist schließlich Open House, Laisser-faire, es geht altmodisch antiautoritär zu, wie auf meinem Balkon, wo die mit den Stacheln und Würgegriffen, die Schling- und Verschlingpflanzen längst das Regiment übernommen haben. Aber das ist ja ein lächerlicher Vergleich, auf meiner wall oder wie sagt man ist nicht viel los, es geht großmütterlich friedlich zu, öfter mal ein längeres Nickerchen, dann ein gemütlicher Scherz. Mit so viel Follower/innen wie Taylor Swift kann ich nicht aufwarten, wahrscheinlich habe ich null Follower/in, woher soll ich das wissen? Entfreundet habe ich erst einmal jemand, es war akute Notwehr. Entfreunden! Was für ein brutales Wort, für ein brutales Tun! Und als Influencerin tauge ich schon gar nicht, womit soll ich jemand beeinflussen? Mir fällt gar nichts ein.
Uff, ich muss nicht putzen! Niemand wegputzen. Von meinen hunderten unbekannten Freund/innen, darunter gibt es schon Germanen in Rüstungen oder Herren in Anzügen vor US-Flaggen, von denen ich mir ein bisschen Würze im Alltag erhoffte, kriege ich großteils nichts mit. Die durch all den KI-Käse in meine Höhle vordringen, sind meist solche wie ich. Sie sind gut für den Blutdruck, manchmal ist es sogar ein bisschen kuschelig.
Ich glaube, ich werde betreut. Von meinem lieben langweiligen Algorithmus-Schutzengel, er passt gut auf mich auf. Dass ich nicht putzen muss.