Dimitri Agurasti saß an diesem Montagmittag in seinem hölzernen Kürtos-Stand auf dem Pariser-Platz; im Bahnhofsviertel ist gerade Kirmes. „Seit Samstag kommen 30, vielleicht 40 Prozent weniger Kunden vorbei“, sagte er. Die Angestellten verzichten auf ihre After-Work-Treffen, Freunde auf ihren Stadtbummel. Wenn überhaupt, kämen die Leute erst am Abend, so der junge Unternehmer, der die ungarische Spezialität in einem kleinen Ofen hinter sich bäckt. Nach Hause schicken musste er bislang niemanden; man trinke einfach vier bis fünf Liter Wasser, erklärte er. Hinter ihm saß eine Mitarbeiterin und schwitzte. Nach dem Gespräch bimmelten Smartphones. LU-Alert hatte eine Nachricht verschickt: „Hitzewelle, schützen Sie sich!“, lautete die knappe Mitteilung. Nur wenige Schritte vom Kürtos-Stand entfernt war die Terrasse des Café Paname gut gefüllt; breite Sonnenschirme und der Durchzug sorgten zu Wochenbeginn noch für eine leichte Abkühlung.
„Dir hutt et matkritt, et ass waarm dobaussen, eng Afenhëtzt“, eröffnete RTL zwei Tage zuvor, am späten Samstagnachmittag, einen Live-Ticker zur Hitzewelle. Und schlitterte dann in ein Gefühlschaos: „Déi héich Temperaturen hunn och hir schéi Säiten – et ass Wieder, fir an d'Piscine ze sprangen. Gutt Stëmmung op der Fête de la musique. E puer flotter Stonne beim Stau genéissen“, hieß es. Aber auch erste Vegetationsbrände wurden gemeldet, in Canach und Pommerloch. „Eng Tropenuecht läit hannert eis“, stieg ein RTL-Moderator am Montagmorgen in ein Interview mit dem Meteorologen Jörg Kachelmann ein. Hitzewellen seien „die neue Realität“, erklärte dieser, „das ist halt der Klimawandel.“ Zwar kühle es nächste Woche ab, „aber das Problem der Trockenheit“ bleibe bestehen, mahnte er. Am späten Nachmittag meldete die CFL eine temperaturbedingte „Absenkung eines Gleises“ nahe Berchem. Der Schienenverkehr zwischen Luxemburg-Stadt und Rodange sowie Richtung Frankreich sei lahmgelegt. Pressemitteilungen verschickten auch Gemeinden; sie passten die Feierlichkeiten am Vorabend des Nationalfeiertags ans Wetter an.
Der Knuedler war am Montag bereits nahezu leer; die Sonne drückte grell auf die sandfarbenen Steinplatten. Zwei Männer in robusten Arbeitshosen falteten durchsichtige Planen vor dem Gemeindehaus, wo die Bühne für Großherzog Guillaume errichtet wurde: „Wir nehmen die Planen, die als Regenschutz für die Zeremonie gedacht waren, wieder runter“, erklärte ein Mitarbeiter von Pro-Musik. „Heute Morgen hat Bürgermeisterin Lydie Polfer festgestellt, dass sich die Hitze sonst rund um Guillaume stauen würde.“ Es sei heiß, daran sei nichts zu beschönigen, meinte der Installateur. Er fasst den Boden an und erklärt: „Ab 16 Uhr drückt die Hitze von oben und unten, deshalb arbeiten wir bis spätestens 15 Uhr.“ Er zeigt dann Richtung Tourist-Office: „Da steht ein Trinkwasserbrunnen mit Filteranlage. Das erleichtert uns die Arbeit, wir müssen weniger Wasser mitschleppen. Sinnvoll wäre zusätzlich ein Sonnencreme-Spender.“ Die Arbeiter von Pro-Musik haben daran gedacht, sich einzucremen – „aber an sonnenexponierten Plätzen wie dem Glacis wäre ein Spender nicht verkehrt“.
Aus Daten, die Audrey Gustin, wissenschaftliche Leiterin der Fondation Cancer, dem Land zugesendet hat, geht hervor, dass UV-Strahlung ein Hauptrisikofaktor für berufsbedingten Krebs in Europa ist. Unlängst hat zudem das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg ermittelt, dass Melanome im Gesicht bei Menschen mit Outdoor-Berufen doppelt so häufig auftreten wie bei Indoor-Angestellten. 2021 verfasste die Unfallversicherung mit der ITM und dem Gesundheitsministerium eine Brochüre, die über Schutzmaßnahmen vor UV-Strahlen informierte. Unklar bleibt jedoch, inwiefern die Auflistung Arbeiter im Freien erreichte. Die Cellule d'évaluation des risques intempéries et inondations (Ceri) mahnte ihrerseits am Samstagmorgen unter der Überschrift „Lëtz prepare“, insbesondere chronisch Kranke, alte Menschen und Babys seien von der Hitze „bedroht“, aber auch gesunde Personen könnten von Dehydrierung oder Hitzeschlag betroffen sein – mit Symptomen wie Fieber über 40 Grad oder Bewusstlosigkeit. In letztere Kategorie könnten gehäuft Bauarbeiter fallen. Die ITM beschränkt sich auf allgemeine Empfehlungen – ausreichend Trinkwasser, Aufgaben in der prallen Sonne reduzieren, Kopfbedeckung, luftige Kleidung. Kontrolliert die ITM diese Woche vermehrt die Bedingungen auf den Baustellen? Bis Redaktionsschluss kam keine Antwort.
Unter dem Titel „Nationalfeiertag im Hitzetaumel“ blickte das Tageblatt am Mittwoch auf den ersten Nationalfeiertag unter Guillaume zurück. Und die Wort-Leser fragten in ihren Kommentaren, warum es keine Lasershow statt Feuerwerk gab: Bei der „aktuellen Hitzewelle“ sei es „nicht vertretbar" gewesen. Tatsächlich hatte die Pyro-Show einen kleinen Brand ausgelöst. Erzbischof Jean-Claude Hollerich hatte seinerseits am Nationalfeiertag eine Version light des Te Deums abgehalten. Die Kirchen seien da, um „Herzen zu wärmen“, nicht um „Körper“ aufzuheizen: „Dofir hunn ech decidéiert, haut keng Homelie ze maachen. Dir sollt net ënnert der Hëtzt leiden.“ Er beschränkte sich auf den Schlusssatz seiner Ansprache: „Vive de Grand-Duc, a Vive déi ganz groussherzoglech Famill.“ Während der offiziellen Zeremonie in der Philharmonie erwähnte Großherzog Guillaume die Herausforderungen des Klimawandels mit keinem Wort. CSV-Premier Luc Frieden in seiner Fernseh-Ansprache am Vorabend auch nicht.
Wenn man etwas „Bedrohliches“ erfolgreich „verdrängen“ will, ob als Politiker oder Bürger, dann sollte man sich dafür lieber nicht etwas so Allgegenwärtiges und Unausweichliches aussuchen wie das Klima, schreibt Zeit-Journalist Bernd Ulrich. Doch die Verdrängungsenergie in Politik und Gesellschaft ist hoch; man hat den Klimaschutz aus der politischen Debatte gestrichen; für Klimapolitik werden die Budgets zurückgeschraubt, die Ambitionen auch. In dem überschaubaren Luxemburg liegt der Anteil an Elektrowagen im Fuhrpark bei unter zehn Prozent, der Anteil an fossilen Brennstoffen im Gesamtenergiemix bei über 60 Prozent (die Zahl wird durch den Tanktourismus stark nach Oben gedrückt). Die Prioritäten sind andere: 70 Prozent aller Arbeitnehmer pendeln mit dem Auto; der Findel hat im vergangenen Jahr mit 5,3 Millionen Passagieren einen neuen Rekord aufgestellt.
Fangspiele und Lernfreude waren diese Woche auch in den Schulen eingeschränkt. Ein Teil der Kinder wurde diese Woche eher verwahrt als kognitiv stimuliert. Auf vulnerable Kinder – beispielsweise weil sie nicht imstande sind, eigenständig zu trinken – musste besonders aufgepasst werden. DP-Bildungsminister Claude Meisch ließ mitteilen, dass diese Kinder automatisch entschuldigt seien, falls sie zu Hause bleiben. Viele Gemeinde hatten für nachmittags ohnehin Hitzefrei an Grundschulen beschlossen. Am Mittwoch erklärte er auf RTL, die Schule müsse trotzdem eine Betreuung garantieren: „Wëll et gi Kanner, déi soss aleng doheem der Hëtzt ausgesaat wieren; et ass jo net esou, datt jidfereen ee Swimmingpool an eng Klimaanlag huet.“ Je nach den Gegebenheiten des Schulgebäudes muss jede Gemeinde für die Primarschulen letztlich selber entscheiden, ob der Unterricht weiter läuft oder nicht, so Meisch. Vernünftige Flexibilität störte trotzdem viele – RTL bekam Zuschriften von Lehrern und Eltern, es solle eine einheitliche Bestimmung geben.
Wie es sich anhört, wenn sich der Klimawandel in die Politik drängt, konnte man am Montag hören, als Laurent Zeimet im RTL-Morgeninterview saß. Als Journalist Pierre Jans den CSV-Fraktionspräsidenten fragt, ob wir „mittlerweile den Klimawandel am eigenen Körper spüren, sagte dieser: „Esou drastech géif ech dat net formuléiren.“ Das Kollektivsingular „wir“ müsse „seine Politik“ und „Lebensgewohnheiten“ verändern. Man solle nicht übertreiben, es herrsche „keng Panikstëmmung“, motzte Zeimet. „Innovation“ und „move fast“ sind Buzzwörter, die Premier-Frieden für die KI-Transformation bereithält. Mit dem fossilbetriebenen pyroenergetischen Schlamassel in die sich die Menschheit begeben hat, befasst er sich kaum. Sein Ennemie ist ausschließlich militärischer Natur. In seinem Nationalenresilienz-Plan hielt er im Oktober 2025 acht Resilienz-Säulen zurück, darunter keine, die sich ausdrücklich mit Wetterextremen befasst: Überschwemmungen, Waldbränden Hitzewellen. Vielleicht war das von der Regierung so gedacht, aber dann hätte der Plan nicht großspurig „multiple und zusammenhängende Krisen“ adressieren sollen. Denn das LIST bestätigte, dass das Großherzogtum anfällig für klimabedingte Gefahren ist.
Fündig wird man hingegen in dem von CSV-Umweltminister Serge Wilmes vorgelegten Klimaanpassungsplan. Er sieht unter anderem die Begrünung der Ortschaften, die Überwachung von Infektionskrankheiten wie Zikafieber, die Ausstattung von Neubauten mit Photovoltaikanlagen, das Sammeln von Regenwasser und die Renaturierung von Fließgewässern und versiegelten Flächen vor. Moniert wurde allerdings, dass der Plan nur vage Ziel- und Zeitvorgaben nennt (wie es aus einer Analyse des Mouvement Ecologique hervorgeht). Auch ist unklar, ob die Maßnahmen reichen. Erstmals beachtet wurden in Wilmes’ Klimaanpassungsplan jedoch soziale Faktoren: Ärmere Haushalte, Ältere und Kinder werden als besonders schutzbedürftig genannt – nur Obdachlose wurden vergessen.
Wie gefährlich die hohen Temperaturen für Obdachlose sein können, wurde am späten Montagnachmittag bekannt: Der am Wochenende im Bahnhofsviertel tot aufgefundene Obdachlose sei gestorben, weil er in der prallen Sonne eingeschlafen war. Am Montagmittag saß am Hamilius ein älterer Bettler unter einem schwarzen Sonnenschirm. Nur ein paar Meter neben ihm lieferte ein Gebäude Schatten. Will er sich nicht dahin begeben?, fragen wir. „Nein, da störe ich vor dem Ladenfenster“, erklärte er. Hat er genug zu trinken? Er zeigte auf eine Plastiktasche – dort seien mehrere Liter Wasser drin. In der Notfallaufnahme des CHL wurde am Wochenende ein erster Obdachloser eingeliefert. „Er war auf 42 Grad überhitzt“, erklärte Notfallarzt Guillaume Bauer. Inzwischen hat das Gesundheits- und Familienministerium sein Angebot an Hilfsstrukturen ausgeweitet – eine Art Summeraktioun ins Leben gerufen. Bis Redaktionsschluss hielt sich der Andrang im CHL allerdings in Grenzen: „Vor allem Menschen, die draußen Sport machen; Alte, denen es schwindelig wird, Patienten, die unterschiedliche Medikamente nehmen, sehen wir vermehrt“, beschrieb der Arzt die Situation. Neben der Überhitzung identifizierte er vor allem die Gefahr des unkonzentrierten Arbeitens im Handwerk oder beim Autofahren. Allgemein seien die Menschen „viel gereizter, wenn es heiß ist“, so Bauer.
Zu dieser Gereiztheit gesellen sich derweil psychosoziale Einschnitte; der Raum für Musik, Sportevents und Geselligkeit wird enger: Für das kommende Wochenende hat Schifflingen wegen der Hitze ein Basketballturnier abgesagt, Colmar-Berg sein Parkfest und die Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung, Op der Schock, ihr Sommerfest. Die Absage-Welle erinnert an den Lockdown während der Corona-Pandemie. Wohin die Pandemie-Gereiztheit führte, daran erinnert man sich. Hinter Klimastress lauern soziale Kipppunkte.
Wir schreiben Juni 2026. Diese Woche wurden Temperaturrekorde für Großbritannien und Frankreich gebrochen. Die globalen Emissionen haben sich stabilisiert, gehen aber (noch) nicht zurück, erläuterte der Klimatologe Andrew Ferrone am Donnerstag im Radio 100,7. Diese Woche lag das Klima im Worst-Case-Szenario, das der IPCC berechnet hat. Wie geht es weiter mit der Erderwärmung? Die für Menschen habitable Zone reicht in diesem Universum nicht weit. Sie ist bedroht. Und mit ihr die Menschen.