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Politik 8 Min. Lesezeit

Ringen um akademische Integrität

Wie umgehen mit nicht gedachten Gedanken? An der Universität Luxemburg fragen sich Studierende und Professoren, wie viel Chatbot das Denken verträgt

Erschienen in Ausgabe Juli 2026
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Der Historiker Frédéric Clavert sitzt im Learning Center in Belval vor seinem Kaffee. Im Raum hinter ihm türmen sich Bücherregale auf vier Stockwerken. Durch KI hat sich der Zugriff auf Wissen verändert: Ein Prompt ersetzt heute häufig die Buchausleihe. Das Thema treibt den Lehrkörper um: Es gebe eine „urgence“, sich diesem technologischen Wandel anzunehmen, ihn zu begleiten und einzugrenzen, so Clavert. Der Geschichtsprofessor kommt gerade aus einer Versammlung, in der es um die Definition von KI-assistiertem Unterricht ging. „Um 14 Uhr habe ich mit frankophonen und italienischen Kollegen eine weitere Versammlung über Geschichtsunterricht im Zeitalter der KI.“

Vor dem Learning Center steht Antonia aus Siebenbürgen und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Sie schreibt gerade an ihrer Masterarbeit über Rechtsstaatlichkeit in Rumänien im Fachbereich „European Governance“. „Wenn man zu früh in seinen Denkprozess KI-Modelle integriert, kommt man auf keine originellen Ideen“, meint sie. Für ihre Arbeit hat sie KI benutzt, um Quellen zu finden, gelegentlich auch, um sich die Hauptargumente von Autoren zusammenfassen zu lassen. Hat sie dabei nicht den Eindruck, das Denken an eine Maschine zu delegieren? „Ja, das kommt vor. Deshalb schreibe ich meine Arbeit selbst und versuche eher, Argumente im Austausch mit der KI weiterzuentwickeln, als Text generieren zu lassen“, antwortet die Studentin. Neben Antonia sitzt Alex, gebürtiger Frankfurter. Auch er raucht eine Selbstgedrehte. Wie Antonia ist er locker angezogen – gelbes T-Shirt, Sneakers; er hat zwei Lippenpiercings. Und macht einen Bogenum die digitalen Tools: „Ich nutze gar keine KI. Auch meine Profs nicht“, sagt er. Er möchte selbst denken. Und er schreibe, „um herauszufinden, wie und was ich denke“. Eine zutiefst menschliche Erfahrung sei mit dem Schreiben verbunden, vor allem wenn man einem schriftstellerischen Anspruch nachgehe. Wenn ein Computer es ersetze, sei es nicht mehr menschlich.

Der Aufsatz, die Hausarbeit, die Dissertation stehen im Mittelpunkt der geisteswissenschaftlichen Tradition. Im Grundstudium ist die Hausarbeit das Mittel der Wahl, mit dem Studienanfänger ans Recherchieren, Nachdenken, Argumentieren herangeführt werden. Diese gesamte Tradition muss neu gedacht werden, vielleicht ist sie sogar bedroht. Der Lektorin Agnes Prüm jedenfalls kommen Zweifel. Wir erreichen sie am Telefon: „Die Versuchung, KI-Tools zu nutzen, um einen wissenschaftlichen Text zusammenfassen oder für sich schreiben zu lassen, ist groß.“ Niemand will wegen querer Syntax, orthografischer Verdrehungen, zu wenig Zitaten und einer dünnen Bibliografie bei der Benotung im Vergleich zu seinen Kommilitonen nach hinten rutschen. Aber im Studium gehe es nicht um ein simples Bescheidwissen, sondern darum, sich in eine Materie einzuarbeiten und Sprache als Gefäß von Ideen zu analysieren. Als Programmdirektorin des Bachelors in Cultures Européennes sieht die Anglistin das Problem überdies in einem breiteren Kontext: „Wir müssen einerseits die akademische Integrität wahren. Andererseits aber zugleich die Studierenden auf ihrem Weg zu verantwortungsbewussten, autonomen Bürgern begleiten.“

Hausarbeiten sind auch künftig aus einem geisteswissenschaftlichen Studium nicht wegzudenken. Frédéric Clavert spricht jedoch von einer Neugewichtung: „Der intellektuelle Prozess wird künftig verstärkt bewertet.“ Wie ist jemand vorgegangen, um seine Arbeit zu verfassen? Um zu einem bestimmten Fazit zu gelangen? „Wir müssen Methoden für diese Bewertung entwickeln“, erklärt der Historiker. Letztes Semester hat er wieder handschriftliche Examen eingeführt – Quellen- und Textkritik ohne technische Hilfsmittel verlangt. Die Klassen an seiner Fakultät sind dabei zumeist überschaubar und somit kontrollierbar: Zwischen 15 und 30 Studierende drücken pro Unterrichtseinheit die Schulbank. Mündliche Examen gewinnen überdies an Gewicht. „Eine Kollegin hat ihre Studierenden, nachdem sie ihre Arbeiten abgegeben hatten, zu einer mündlichen Prüfung bestellt.“ Ihr seien die Texte zu glatt und generisch vorgekommen, gespickt mit Fülltext und falschen Zitatangaben. „Das Resultat war frappierend. Fast keiner war imstande, korrekt auf die gestellten Fragen zu antworten.“ Seines Erachtens sollte im ersten Studienjahr gar nicht auf KI zurückgegriffen werden und dann progressiv ein kluger Umgang damit erlernt werden, sagt Clavert.

Stefan, ebenfalls aus Rumänien und wie Antonia im Master of European Governance eingeschrieben, bereitet gerade seine Abschlussarbeit über die Due Diligence und externalisierte Kosten der EU beim Kauf von Rohstoffen vor. Er gesteht seine KI-Shortcuts: „In einem Seminar über quantitative Daten habe ich mit digitalen Tools Fehlstunden nachgeholt.“ Die KI habe ihm beim Prozessieren von Daten geholfen. In einer Welt, in der das Geld von jungen Menschen in die Taschen von alten Immobilienbesitzern fließt, hat er einen nachvollziehbaren Grund: „Ich verdiene mein Gehalt mit Dogsitting, und manchmal kommt es zu Überschneidungen mit Unterrichtsstunden.“ Stefan spricht, als sehe er Bulletpoints vor sich. Er nennt weitere Gebrauchsfälle, nummeriert sie von eins bis drei durch. Eine kognitive Unterstimulierung befürchtet er nicht: „If you are a disciplined and structured person, AI will help you, not replace you.“ Will er sich hingegen etwas Wichtiges merken, dann halte er das per Handschrift fest – denn es sei bewiesen, dass das Aufgeschriebene länger im Gedächtnis bleibe. Wer mit Grundwissen und Neugierde durch die Welt läuft, so die Annahme, die mitschwingt, nutze KI als epistemisches Werkzeug, nicht als Denkersatz.

Letzten Sommer sorgte eine Studie von Nataliya Kos'myna für mediale Aufregung. Sie forscht zur Mensch-Maschine-Interaktion am MIT und hielt in ihrem Fazit fest: Je mehr jemand während einer Aufgabe auf externe Tools zurückgreift, desto inaktiver ist das Gehirn. Soweit so unüberraschend. „KI macht uns dumm“, wurde anschließend gewarnt. Dabei hat die Forscherin eigentlich nicht die tatsächliche Denkfähigkeit der Studienteilnehmer untersucht. Ob Chatbots die Konzentrationsfähigkeit und den Intellekt langfristig beeinträchtigen, konnte auch noch nicht untersucht werden; dafür ist die Technik zu jung. Indizien dafür, dass Menschen die Motivation verlieren, eigenständig Probleme zu lösen, lieferte jedoch bereits eine Untersuchung von Microsoft. Und wir wissen, was konzentriertes Lesen bewirkt: Es aktiviert vielfältige Pfade im Gehirn, stimuliert unser Gedächtnis, unsere Sprache, logisches und emotionales Denken, wie die Leseforscherin Maryanne Wolf ausgiebig untersucht hat. Aber verfällt diese Fähigkeit, weil es Chatbots gibt? Anekdotisch wird berichtet, dass Klassiker von ein paar hundert Seiten gerade Verkaufsschlager seien. Als wollten einige Menschen gerade durch das Lesen umfangreicher Werke die Berieselung mit online Textschnipsel ausbalancieren – ihre Vorstellungskraft spüren, eine Lese-Herausforderung angehen, tief in ein Buch eintauchen.

Gegen 15 Uhr gibt die Architekturstudentin Aru ihre Masterarbeit ab. Wir laufen mit ihr und dem Jurastudenten Bagh zum Café Dalmat gegenüber dem Learning Center. Beide wurden in Kasachstan geboren und sind eher „randomly“ an der Universität Luxemburg gelandet. Aru findet, ihre Lehrer hätten Chatbots eigentlich ganz klug in den Unterricht integriert: „Wir mussten die verschiedenen Vorurteile unterschiedlicher Bots in Bezug auf Architektur und Politik untersuchen.“ Man habe sich bemüht, die Studierenden an einen verantwortungsbewussten Umgang mit KI heranzuführen. In ihrer Masterarbeit habe sie KI genutzt, um Interviews zu transkribieren. „Für Modellierungen sind die KI-Werkzeuge allerdings nicht stark genug. Und Schreiben mache ich selbst, um meinem Text eine persönliche Note zu geben.“ Bagh ist etwas jünger und nutzt KI häufiger. Um sich juristische Fälle zusammenfassen zu lassen, beispielsweise. Befürchtet er nicht, dass Juristen künftig durch Chatbots ersetzt werden? „Während meines Praktikums in einem Unternehmen kam mir der Gedanke; viele Aufgaben von Junior-Anwälten sind automatisierbar“, sagt Bagh. Er meint, eine mögliche Nische könnte der Bereich der EU-Datengesetzgebung und deren juristische Anpassung für spezifische Produkte sein, oder der Space-Bereich.

Die Probleme reichen weiter, kommentiert Aru mit urbanistischem Blick: „Datenzentren verbrauchen viel Wasser, produzieren Hitze und verschandeln Landschaften.“ Hinzu komme, dass Tech-Unternehmen allein über die technologische Transformation entscheiden; es sei zu einer gefährlichen Machtkonzentration gekommen, die auch Fragen über Überwachungsmöglichkeiten aufwerfe. Das alles sei „highly concerning“, man brauche mehr Regulierung. „It's a weird world we are living in“, sinniert die Kasachin. Bagh erzählt, er habe Mitte Juni am Nexus Symposium teilgenommen, dort habe ein KI-Hype geherrscht; wahrscheinlich seien dort in der Mehrheit „managers who benefit from AI“ gewesen. Er selbst habe gemischte Gefühle, sehe im Studium viele Vorteile, wirklich „anti“ sei nur eine Minderheit der Studierenden.

Umfragen zeigen allerdings zugleich, dass junge Menschen nicht besonders enthusiastisch sind, wie die letzte Gallup-Studie veranschaulicht: In den USA äußert die GenZ nur zu 18 Prozent Zuversicht, während die „Wut“ steigt und bei 31 Prozent liegt. „Angst“ liegt unverändert bei 42 Prozent. Im Mai veranlasste die CSV eine Passanten-Befragung in der Fußgängerzone, in der die GenZ und Millennials zu Wort kamen. Dabei wurden vermutlich die Vorbehalte deutlich, die sich hinter den Gallup-Zahlen verbergen: Ein junger Mann zweifelte, dass die KI zum Wohle der Menschheit genutzt wird. „Wéivill Waasser se verbraucht, ass ee schwéiert Thema“, beklagte eine junge Frau und eine weitere meinte: „Et mécht mer bëssen Angscht.“ Wahrscheinlich sind diese starken Gefühle nicht verwunderlich: Tech-Bosse prophezeiten ihre Erfindungen seien disruptiv, würden die ganze Wirtschaft auf den Kopf stellen, die gesamte Arbeitswelt verändern.

Dass KI-Textgeneratoren die Aufsatz-Kultur an der Uni umkrempeln würden, war nicht von Anfang an klar – oder zumindest: Es brach unter dem Lehrkörper nicht gleich Panik aus, als ChatGPT Ende November 2023 online ging, erinnert sich Frédéric Clavert. Denn die erste Chatbot-Generation war „médiocre“. Mittlerweile beherrschen die Maschinen das Zitieren besser, sie halluzinieren weniger, sind viel geschickter. Allmählich setzte ein Reflexionsprozess ein, und erst seit ein paar Monaten gibt es Richtlinien an der Universität. „Es ist gut, dass wir sie haben“, kommentiert Clavert. Vorstellbar sei aber, dass die Richtlinien künftig für jeden Fachbereich angepasst werden; Zusammenfassungen sind ein wichtiger Skill in den Geisteswissenschaften, in anderen Fächern vielleicht weniger. „Die Chatbot-Zäsur ist auch nicht gänzlich erstmalig. Als die Taschenrechner in den 60er-Jahren erfunden wurden, änderte sich der Mathe-Unterricht“, so Clavert. Nun stehen die Geisteswissenschaften vor ähnlichen Fragen. p