In der Spillfabrik, einem Verein für Brettspielbegeisterte, ist alles möglich – sogar eine Pokerpartie mit bunten Dinosauriern. An diesem Abend versuchen Sandra, Christiane, Guy, Monique und Lol im Gemeindesaal des Horgerhauses in Lintgen, sich mit einem neuen kooperativen Kartenspiel vertraut zu machen: „Surfausorus Max“, bei dem es darum geht, gemeinsam Straßen, Vierer und Fulls zu bilden… Unter den rund dreißig versammelten Teilnehmern ist keine Spur von dem schnurrbärtigen Milliardär, der in der Mitte des Monopoly-Spielbretts thront. „Dieses Spiel ist hundert Jahre alt, wir sind mittlerweile zu anderen Dingen übergegangen“, sagt Lol Margue, Vorstandsmitglied des Vereins Spillfabrik. Die erste Runde geht zu Ende, und es entsteht eine heftige Diskussion darüber, wem die Punkte zugeschrieben werden sollen. Alle helfen sich gegenseitig, um die Regeln schnell zu verstehen. Monique nimmt seit vier oder fünf Jahren an den Abenden teil, „um neue Spiele zu entdecken, Leute kennenzulernen … ganz ohne Bildschirme vor den Augen!“
Hier liegt das Durchschnittsalter bei etwa vierzig Jahren, vielleicht sogar etwas darüber. Die Kinder sind zu Hause geblieben. „Ich war schon einmal mit meiner Tochter hier, aber sie ist mittlerweile groß und kommt nicht mehr mit – sie spielt lieber auf ihrem Smartphone“, sagt Sandra lächelnd, die eine rosa Jacke mit dem Logo des Vereins trägt. Lol traf Marc Theisen, den Vorsitzenden, in einem anderen Spielclub, wo er von Kindern umringt war: „Marc sagte zu mir: Komm doch mal in die Spillfabrik!“. Es ist nicht schwer, Marc in der Runde zu entdecken: Er überragt alle anderen um einen Kopf. Er bestätigt: In der Spillfabrik, die rund hundert Mitglieder zählt, treffen sich eher Erwachsene. „Allein die Tatsache, dass wir unsere Treffen am Donnerstagabend organisieren, gibt schon den Ton an“, erklärt er. Jeden letzten Freitag im Monat veranstaltet der Verein eine Nachtveranstaltung: Man kommt, um bis tief in die Nacht hinein zu spielen – für ausgedehnte Partien.
Jeder kann sich aus der angrenzenden Schatzkammer bedienen, in der sieben große Schränke stehen, die rund 350 Kartenspiele, Brettspiele und Puzzles enthalten. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei: Der Vorstand trifft sich regelmäßig, um Spiele anzuschaffen, die möglichst viele Menschen ansprechen. „Manche denken, wir hätten nur sehr komplexe und schwer zugängliche Spiele für Geeks, aber wir legen den Schwerpunkt eher auf unterhaltsame, kooperative Spiele, die sich schnell spielen lassen“, erklärt der Vorsitzende. „Wir betreuen neue Mitglieder, um ihnen zu zeigen, dass es bestimmt ein Spiel gibt, das zu ihnen passt.“ Um eine gesellige Atmosphäre zu schaffen und die Entdeckungslust zu wecken, geht die Spillfabrik eher proaktiv vor und organisiert verschiedene Aktivitäten: die „Viva“-Turniere in den Ferien, das „Chill, Grill and Game“, bei dem man sich im Freien um ein Spiel und eine Wurst versammelt, oder auch das „Bistrospill“, den Wettbewerb um das beste Kneipenspiel, der jedes Jahr vom Verein organisiert wird. Ein besonderer Moment, um Neugierige an das Spiel zu heranführen: das „Game On“ in den Rotondes, eine Veranstaltung, die von der Spillfabrik mitorganisiert wird, ebenso wie die Luxemburger Puzzle-Meisterschaft, die im Oktober stattfindet.
In der Versammlung fallen Bruno, Joe und Alex ein wenig aus dem Rahmen: Sie sind unter dreißig und begeisterte Fans des Digimon-Sammelkartenspiels, dessen Optik und Spielprinzipien verdächtig an seinen großen Rivalen Pokémon erinnern. Sie kommen in erster Linie, um für Turniere zu trainieren, entdecken aber auch gerne neue Spielideen und teilen ihre Leidenschaft für ihr Lieblingsspiel. „In unserem Team haben wir ‚Demo-Decks‘ erstellt, also Kartensätze, die sofort spielbar sind und denen den Einstieg erleichtern, die einfach loslegen wollen – ganz im Sinne der Spillfabrik“, erklärt Bruno. Während der Corona-Zeit trafen sich einige Mitglieder des Vereins über Videokonferenzplattformen oder in den Online-Versionen bestimmter Spiele, aber das Herz war nicht dabei. „Es fehlten die Interaktionen, die Blicke, die Gespräche“, erklärt Marc. „Das Spiel an sich besteht nur aus Spielfiguren und Pappstücken. Was es interessant macht, sind die Emotionen und der Austausch, die damit einhergehen.“