Das ist eine verdammt vielversprechende und teuflisch riskante Herausforderung: seinem Vater eine musikalische Hommage zu widmen – und das umso mehr, wenn dieser Vater zu den letzten großen Legenden des amerikanischen Kinos zählt. Kyle Eastwood, von Haus aus Komponist und Jazzbassist, hat sich mit Gast Waltzing, einer Koryphäe der indigenen Musik, zusammengetan, um „Eastwood Symphonic“ auf die Beine zu stellen. Das Projekt besteht aus einer Auswahl der besten Soundtracks aus Filmen von und mit Clint Eastwood, interpretiert vom Quintett von Kyle Eastwood und einem Philharmonieorchester. Nicht mehr und nicht weniger. Dabei ist zu beachten, dass Eastwood kein Unbekannter auf dem Gebiet der Neuinterpretationen ist: Er hatte bereits seine Lieblingsfilmmusiken auf seinem Album „Cinematic“ (2019) neu arrangiert. „Eastwood Symphonic“ wurde im vergangenen Oktober beim Festival „Nancy Jazz Pulsations“ präsentiert. Die Show ist bis 2024 auf Europatournee und macht auch im Großherzogtum Halt.
An diesem Mittwochabend, dem 17. Mai, wimmelt es auf dem Vorplatz der Philharmonie. Es ist ein Festtag. Das Große Auditorium ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Musikerinnen und Musiker des Orchestre Philharmonique de Luxembourg (OPL) warten darauf, dass die Türen geschlossen werden und die Initiatoren des Projekts die Bühne betreten. Kyle Eastwood spielt Bass, Quentin Collins Trompete, Brandon Allen Saxophon, Andrew McCormack Klavier, Chris Higginbottom Schlagzeug und Gast Waltzing natürlich am Dirigentenpult. Das Konzert wird durch ein Einführungsvideo eingeleitet, in dem Vater und Sohn Eastwood das Publikum willkommen heißen.
Der erste Titel ist ein verlockendes Medley aus den folgenden Stücken. Die neu interpretierten Soundtracks zu „Magnum Force“ und „Dirty Harry“ (die man trotz aller Bemühungen nicht wiedererkennt) folgen in rascher Abfolge. Anschließend (wieder)entdeckt man das Leitmotiv aus „Die Strafe“. Ein ziemlich unbekanntes Juwel, komponiert von John Williams, das sich hier jedoch etwas in die Länge zieht. Die Stücke werden von aufgezeichneten Einblendungen unterbrochen, in denen die Eastwoods, verbunden durch Blutsbande und den Klang der Musik, Anekdoten erzählen, die für Gelächter und begeisterten Applaus sorgen. Sie erklären unter anderem, wie Lennie Niehaus Originalaufnahmen von Charlie Parker für den Soundtrack von „Bird“ digitalisiert und neu orchestriert hat. Es folgt eine mitreißende Hommage an den legendären Saxophonisten, bei der sich das OPL in den Hintergrund zurückzieht und jedes Mitglied des Quintetts mit einem mitreißenden Solo glänzt.
Wir bedauern das Fehlen der großartigen Soundtracks zu „Mystic River“ und „Million Dollar Baby“, deren gemeinsame Breite sich für dieses Unterfangen gut geeignet hätte. Dafür verzaubert uns das Orchester mit herrlichen Neuinterpretationen der Themen aus „Unforgiven“ und „Gran Torino“. Wir loben erneut den Elan, mit dem das Thema aus „Letters from Iwo Jima“ vorgetragen wird. Im letzten Übergangsvideo unterstreicht Clint Eastwood die Bedeutung der Geräuscheffekte im Hauptthema von Sergio Leones erstem Western „Für eine Handvoll Dollar“, dem Ausgangspunkt seiner erfolgreichen Karriere. Man hört darin Schüsse und Peitschenhiebe, Glocken und Pfeiftöne. Das vorgestellte neue Arrangement streicht all diese Elemente, um daraus ein Stück zu machen, das so glatt ist wie der Parkettboden der Bühne. Das ist völlig unverständlich. „Eastwood Symphonic“ rührt nicht, sondern regt uns dazu an, uns sofort wieder in die Filmografie des großen Clint zu vertiefen. Im Übrigen erscheint im kommenden September eine CD, und die Show wird am 11. Oktober im Grand-Rex in Paris zu sehen sein.