Das Herz schlägt, lange bevor wir ihm Bedeutung geben. Es schlägt, wenn wir Angst haben, wenn wir lieben, wenn wir auf eine Bühne treten. Und manchmal schlägt es aus dem Takt. Dann wird aus einer Metapher plötzlich ein Organ, das Aufmerksamkeit verlangt. Für Catherine Elsen beginnt genau dort die Geschichte ihres neuen Albums Coward's Heart. Es ist eine Aufnahme über Zweifel und Zuversicht, über Erschöpfung und Aufbruch. Vor allem aber ist sie eine Suche nach jenem Mut, der selten laut daherkommt. Der englische Begriff courage leite sich vom lateinischen cor, dem Herzen, ab, erzählt sie. Vielleicht sei es deshalb kein Widerspruch, das Album Coward's Heart – das Herz eines Feiglings – zu nennen. Denn wer den Mut suche, kenne zwangsläufig auch das Zögern.
Eigentlich wollte Catherine Elsen keine Solostücke mehr machen. Nach acht Jahren in Luxemburg zog es die Schauspielerin und Performancekünstlerin ans Schlosstheater im niederrheinischen Moers. Produktionen wie Love, Death and Polar Bears oder The Assembly, das im Rahmen von Esch2022 entstand und bis ins litauische Kaunas eingeladen wurde, hatten ihren Namen als multidisziplinäre Künstlerin etabliert. Nun wollte sie sich auf etwas anderes konzentrieren. Weniger selbst produzieren, mehr spielen. Ensemble statt Einzelkämpferin. „To grow myself a bit more“, sagt sie.
Die Arbeit am deutschen Stadttheater bedeutete zunächst genau das, was sie gesucht hatte. Sie schätzt die Methodik, die Präzision und den hohen Anspruch an das Schauspiel. Das Ensemble empfindet sie als gute Schule, in der sie enorm viel lernt. Gleichzeitig merkte sie schnell, dass sie als Musikerin, Performerin, Autorin und Schauspielerin zwischen den Kategorien arbeitet. Während in Luxemburg die Grenzen zwischen den Sparten häufig verschwimmen, herrscht im deutschen Theaterbetrieb eine stärkere Spezialisierung. Gerade deshalb entstand ausgerechnet dort wieder ein Soloprojekt. Coward's Heart ist Musik, Performance und autobiografische Erzählung zugleich. Es versammelt Songs, Fragmente und Klangideen, die sich über viele Jahre angesammelt haben. Manche Stücke sind fünfzehn Jahre alt, andere erst wenige Monate. Immer wieder hatte Elsen Musik für Theaterproduktionen geschrieben, kurze Skizzen aufgenommen oder Melodien aufbewahrt, ohne zu wissen, wohin sie einmal gehören würden. Nun fügen sie sich zu einem Ganzen.
„Am Fong ass et d‘Geschicht vu mengem Häerz.“ Dabei meint sie das durchaus wörtlich. Vor einiger Zeit machten gesundheitliche Probleme aus der Metapher ein reales Thema. Das Herz, das sie bislang vor allem als poetisches Bild verstand, wurde plötzlich zu einem Organ, das Grenzen setzte. Sie habe immer geglaubt, für alles eine Lösung zu finden, sagt sie – bis sie krank wurde. Manche Dinge lassen sich eben nicht organisieren, optimieren oder mit genügend Ehrgeiz überwinden.
Diese Erfahrung zieht sich wie ein leiser Puls durch das Album. Ursprünglich sollte es Songs of Crisis heißen. Irgendwann erschien ihr dieser Titel zu eindeutig. Coward's Heart ließ mehr Raum für Widersprüche. Das Wort coward beschreibt für sie weniger Feigheit als das Innehalten vor einer Entscheidung. Den Moment, in dem man spürt, dass etwas geschehen muss, ohne schon zu wissen, ob man den Schritt wirklich wagt. Vielleicht bestünden ja genau darin die Wege des Herzens, wie Catherine Elsen meint. Immer wieder kehrt sie auf dem Album zu ihrer Vergangenheit zurück. In einem Lied erzählt sie von einer Erinnerung, die ihr bis heute gegenwärtig ist. Vier Jahre alt war sie, als sie während der Ferien auf einem Felsen am Meer stand und mit dem Wasser sprach. Das Meer erschien ihr grau und schmutzig. Also versprach sie ihm, eines Tages zurückzukehren und es zu retten. Heute beschreibt sie diesen Moment als ihre erste spirituelle Erfahrung.
Kinder, sagt sie, besäßen noch eine Unmittelbarkeit, die Erwachsenen nach und nach verloren gehe. Irgendwann beginne das ständige Vermitteln zwischen den eigenen Werten, ökonomischen Zwängen und gesellschaftlichen Erwartungen. Man funktioniere, arbeite, produziere und entferne sich dabei manchmal von dem Menschen, der man einmal gewesen sei. Auf Coward's Heart spricht deshalb sogar ihr Herz selbst zu ihr. Es wird zu einer eigenen Figur, zu einer Stimme, die erinnert und widerspricht. Auch musikalisch sucht Elsen diese Nähe. Sie arbeitet mit elektronischen Klängen, ebenso wie mit Atemgeräuschen, ihrer eigenen Stimme und Field Recordings. Frösche, Flüsse, Ziegen, Wind und Landschaften fließen in die Kompositionen ein. Die Natur wird dabei nicht zur bloßen Kulisse, sondern zum Resonanzraum. Die Grenzen zwischen Musik, Geräusch und Erinnerung lösen sich auf.
Dass daraus wieder ein Solo wurde, überrascht sie selbst. „Eigentlech ass dat Masochismus“, sagt sie und lacht. Allein auf der Bühne gebe es keine Ausweichbewegung. Jeder Blick, jede Pause, jeder Atemzug werde Teil der Aufführung. Gleichzeitig entstehe genau daraus jene besondere Beziehung zum Publikum, die sie in Ensembleproduktionen manchmal vermisse. Wenn Menschen sich entscheiden, einen Abend gemeinsam in einem Theater zu verbringen – ohne Handy, ohne Ablenkung –, dann wolle sie ihnen etwas mitgeben. Keine möglichst schrille Idee, sondern eine Erfahrung. Gerade in einer Soloperformance müsse die künstlerische Intention deshalb umso klarer sein. Der Austausch mit dem Publikum sei kostbar und verdiene besondere Sorgfalt.
Theater sei für sie deshalb beinahe ein Gegenmittel. Unser Alltag beginne oft schon vor dem Zähneputzen mit Bildern von Kriegen, Werbung und permanenter digitaler Überforderung. Alles verlange Aufmerksamkeit. Alles wolle etwas von uns. Das Theater dagegen reduziere die Mittel. Es lasse den Menschen mit seiner Vorstellungskraft allein. Eine Form von Askese, sagt Elsen. Vielleicht bereitet sie sich deshalb so konsequent auf ihre Vorstellungen vor. Nach einem Kaffee mit Freunden am Morgen nehme sie sich bewusst Zeit für sich, rede möglichst wenig und komme zur Ruhe. Die Vorstellung beginne für sie lange, bevor sie die Bühne betrete.
Früher allerdings habe sie jede Premiere als existenzielle Prüfung erlebt – es sei um Leben und Tod gegangen. Heute sehe sie das gelassener. Nach der Vorstellung gingen die Menschen schließlich nach Hause und schliefen. Es sei eben Theater. Das bedeutet nicht, dass sie ihre Ansprüche gesenkt hätte, im Gegenteil. Eine Produktion brauche Radikalität. Man müsse einer Idee folgen und alles Überflüssige weglassen. Gleichzeitig lerne sie gerade, nicht mehr jedes Projekt mit derselben kompromisslosen Selbstaufgabe anzugehen. Mit vierzig, sagt sie, fühle sie sich innerlich noch immer wie siebzehn. Ihr Körper sehe das inzwischen anders. Vielleicht erklärt das auch ihren Wunsch nach einer eigenen Compagnie. Langfristig träumt Catherine Elsen von einem Studio, einem Ort, an dem Musik, Performance, Schauspiel und Bewegung selbstverständlich zusammenfinden können. Workshops mit jungen Künstlerinnen und Künstlern gehören ebenso zu dieser Vision wie soziale Projekte oder langfristig wachsende Produktionen. Ein Stück müsse nicht nach wenigen Vorstellungen verschwinden. Es dürfe reifen.
Ihr ehemaliger Professor in London habe ihr einmal geraten, ihre eigene „Meredith-Monk-Welt“ zu erschaffen. Die amerikanische Komponistin und Performancekünstlerin gehört ebenso zu ihren Vorbildern wie Laurie Anderson. Künstlerinnen, die nie laut sein mussten, um gehört zu werden. Die nicht Aufmerksamkeit suchten, sondern eine eigene poetische Sprache entwickelten. Vielleicht führt genau dorthin auch Coward's Heart. Weg von der permanenten Beschleunigung, hin zu einer konzentrierteren Form des Arbeitens. Weniger Produktionen, mehr Tiefe. Das Herz schlägt schließlich nicht schneller, weil es mutiger ist, sondern weil es lebendig bleibt.
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