Das am 19. Juni erschienene Album „Freedom Trail“ markiert für Reis Demuth Wiltgen einen Quantensprung. Das Trio, bestehend aus dem Pianisten Michel Reis, dem Kontrabassisten Marc Demuth und dem Schlagzeuger Paul Wiltgen, das zu den Formationen zählt, die dazu beigetragen haben, den luxemburgischen Jazz über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen, interpretiert hier einen Teil seines Repertoires gemeinsam mit dem Luxembourg Philharmonic (ehemals OPL) unter der Leitung von Vince Mendoza, der zudem die Hälfte der Arrangements verfasst hat. Der Name ist von Bedeutung. Als Arrangeur für Al Jarreau, Joni Mitchell oder Björk kennt Mendoza die Tücken großer Besetzungen. Wie lässt sich das Orchester so einbinden, dass es weder das hervorhebt, was die Musik bereits im Trio sehr gut zum Ausdruck brachte, noch ihr eine andere Bedeutung verleiht? Das gleichnamige Stück, das das Album eröffnet, gibt bereits in den ersten Sekunden eine Antwort darauf.
Der Auftakt ist episch, fast ritterlich. Die Blechbläser klingen voll und kräftig, das Orchester streckt stolz die Brust, dann bringt das Schlagzeug alle wieder auf Kurs – präzise wie ein Metronom, aber ohne Steifheit. Es ist zweifellos eines der besten Stücke des Trios, auf jeden Fall eines derjenigen, auf die man sich bei einem Konzert freut, weil es niemals enttäuscht. Hier erhält es eine neue Dimension. Man denkt zeitweise an den Soundtrack zum Film „The Fugitive“ (1993) von James Newton Howard. Eine Musik der Flucht und der orchestralen Kraft. Manchmal grenzt sie fast schon an schlechten Geschmack, insbesondere wenn das Schlagzeug sich über die großen Schwungbewegungen der Streicher legt. Doch die Flucht hält an.
„Never Seen Again“ entwickelt sich anschließend in einem düstereren Licht weiter. Die ersten Töne haben etwas Beunruhigendes an sich, auch hier wieder sehr filmisch. Besonders hervorzuheben ist ein wunderschönes Solo von Marc Demuth, das zwar mitreißend, aber niemals überladen wirkt. „Cross Country“ eröffnet eine ganz neue Klangwelt. Seine Einleitung weckt Assoziationen an japanische Orchestermusik. Man denkt hier an den Soundtrack zu „Der kleine Daumen“ (2001), komponiert von Joe Hisaishi für den durchaus verzichtbaren Film von Olivier Dahan. Der Vergleich trifft zu, was das Gefühl eines Märchens und eines in Eile durchquerten Waldes betrifft. Joshua Redman, der bei drei Stücken des Projekts zu Gast ist, spielt hier mit voller Leidenschaft. Die Mitwirkung des amerikanischen Saxophonisten hätte lediglich ein Prestige-Argument sein können. Hier wird sie jedoch zu einer treibenden Kraft.
„Catherine’s Song“, Redmans letzter Beitrag, verlangsamt das Tempo. Der Titel ist schön, wärmer, fast schon gesungen, kündigt jedoch auch den weniger überzeugenden Teil des Albums an. „Viral“ schwankt zwischen düsterer Spannung, meisterhaftem Songwriting und jener sehr jazzigen Versuchung, mit wenig viel zu erreichen. „Home Is Nearby“ hingegen kann entweder berühren oder völlig kalt lassen. Je nach Stimmung hört man darin einen zarten Atemhauch oder Klänge, die kurz vor dem Pathos stehen. Glücklicherweise verleiht „Dante“ – komponiert von Marc Demuth und entnommen aus dem dritten Album des Trios „Once In A Blue Moon“ – einer Platte, die gerade eine leichte Schwächephase durchlief, wieder mehr Substanz. Der Titel besitzt jene melodische Selbstverständlichkeit, die den Eindruck vermittelt, als gäbe es ihn schon seit jeher. Michel Reis liefert hier ein sehr schönes Solo, die Rhythmusgruppe atmet, und das Orchester findet wieder seinen richtigen Platz.
„Freedom Trail“ denkt in großen Dimensionen. Es verleiht Kompositionen, die man bereits zu kennen glaubte, eine neue Tiefe, ohne dabei die Stärke des Trios vollständig aufzugeben. Diese Art, gemeinsam und präzise voranzuschreiten, ohne jemals zu viel zu verraten. Im Herbst wird das Trio mehrere Auftritte in Deutschland haben, allerdings in seiner klassischen Besetzung. Bislang scheint noch kein Termin in Luxemburg angekündigt zu sein, um dieses orchestrale Projekt zu präsentieren. Daher geht ein Aufruf an die Konzertsäle des Landes. Musik, die dafür gedacht ist, so viel Raum einzunehmen, sollte nicht auf die CD beschränkt bleiben. p