Ein Krankenwagen fährt am Montagmorgen durch die Eingangspforten der Sicherheitseinheit für Minderjährige in Dreiborn. Auch die Polizei ist anwesend. Sie holt eine Jugendliche ab, die sich am Sonntag während eines Fußballspiels an der Hand verletzt hat und medizinische Versorgung benötigt. Die Polizisten, in Uniform, werden sie in die Notaufnahme einer Klinik begleiten, und sie in Handschellen am frühen Nachmittag zurück in die Unité sécuritaire (Unisec) bringen – mit einem gebrochenen Finger. Laurent Kocks, Psychologe, Psychotherapeut und Direktor der Unisec, und Joëlle Ludewig, Sonderpädagogin und Ko-Direktorin, sind eingetroffen. Im Eingangsbereich haben die Jugendlichen Beethoven mit einer Gangster-Kappe an die Wand gesprüht. Es ist eng, genau wie im Treppenhaus und in den Gängen des grauen Betonbaus. Ein großer Kontrast zu den sonnigen Weinbergen, die hinter dem Gebäude liegen – und die die Jugendlichen hinter Mauern und vergitterten Zimmerfenstern wahrnehmen.
In der Unisec, ein Teil des Centre socio-éducatif de l‘État (CSEE), leben zwölf Minderjährige, denen ein Freiheitsentzug als erzieherische Maßnahme vom Jugendgericht verordnet wurde; drei Monate Minimum, bis zu sechs, neun, bei besonders schwierigen Fällen zwölf Monate oder mehr. Eine Obergrenze gibt es nicht, erst wenn die Minderjährigen 18 werden, müssen sie hier weg. Als Jugendknast versteht man sich hier jedoch nicht, sondern als Ort, der dem Erziehungsministerium untersteht und der dank einer intensiv-pädagogischen Intervention zu einer Resozialisierung des auffälligen oder straftätigen jungen Menschen beitragen soll. Derzeit sind die Plätze von sechs Mädchen und sechs Jungs belegt, die zu dritt in vier Wohngruppen leben. Das Haus verfügt über ein Erzieherteam, zwei Psychologen und einen Sozialarbeiter, einen Ergotherapeuten und Lehrpersonal, das die Jugendlichen unterrichtet. Ein Kinder- und Jugendpsychiater kommt jede Woche vorbei.
Durchgangstüren werden mit einem langen Schlüssel aufgesperrt, auch alle Fenster bleiben verschlossen. Der Alltag ist durch Schuleinheiten, Freizeit und gemeinsame Mahlzeiten strukturiert. Da die Jugendlichen zum Teil seit Jahren aufgrund von chronischen Ausrissen nicht mehr regulär in die Schule gegangen sind, muss der Unterricht differenziert und individuell sein. In der Unisec wird jeden Tag sechs Stunden gelernt – sie sollen wieder anbeißen, sagt der Verantwortliche Lehrer Jean-Claude Kaut. In einem der Schulräume hocken zwei Jugendliche mit Kopfhörern vor Computern und blicken konzentriert auf ihre Musiksoftware. In der Ecke stehen ein Mikro und eine Gitarre. Sie schreiben Songs, in denen sie ihr Erleben festhalten, Musik sei ein „großes Ventil“, sagt Jean-Claude Kaut. Er zeigt ein Video-Beispiel: „Je suis seul“, rappt ein Junge mit Maske in die Kamera, „quand j’aurai de la thune, je t’offrirai une maison sur la lune, ça c’est sûr.“ Eine Videoarbeit wurde dieses Jahr zum ersten Mal in den Crème-fraîche-Wettbewerb des SNJ eingeschickt, um die Teilhabe der Insass/innen auch in einer Zeit zu stärken, in der sie von der Außenwelt abgeschottet sind.
Egal wo die Jugendlichen sich außerhalb ihres Zimmers aufhalten, ein Wächter einer externen Sicherheitsfirma ist stets anwesend. „Es geht neben der Sicherheit des Personals darum, dass die Jugendlichen zur Ruhe kommen“, erklärt Joëlle Ludewig. Darum, dass sie sich um ihre eigene Sicherheit keine Sorgen mehr machen müssen, sagt Ludewig. Natürlich haben die Wächter eine abschreckende Wirkung. Sie dienen auch dazu, etwaige Konflikte zwischen den Jugendlichen zu unterbinden oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Solche gab es in der Vergangenheit zur Genüge: Im Dezember 2022 kam es zu einer Revolte, mehrere Polizisten, Erzieher und Jugendliche wurden dabei verletzt; auch Fenster und Glastüren wurden stark beschädigt.
Frappierend – und alarmierend – sind die unterschiedlichen Profile der Jugendlichen. Hier leben sowohl Minderjährige, die sexueller Ausbeutung ausgesetzt sind oder sich prostituieren, als auch Jugendliche, die schwere Straftaten begangen haben, etwa Messerattacken, versuchter Mord oder Mord. Oft spielen Drogenkonsum, Drogenhandel und Diebstahl eine Rolle, manchmal kreuzen sich diese Dinge mit psychischen Auffälligkeiten. Multiple Traumata und Bindungsstörungen führen dazu, dass die Teenager kaum mehr Vertrauen in Erwachsene haben. Sie sind sowohl Opfer als auch Täter. Die Frage nach einem vergleichsweise langen Freiheitsentzug von mehreren Monaten als Maßnahme des Jugendschutzes stellt sich insbesondere für jene Kinder, die eher Opfer als Täter und deren Delikte weniger gravierend sind. Ralph Schroeder, Direktor des CSEE, erklärt per E-Mail: „Der Jugendliche wird dem Gesetz von 1992 nach nicht für eine Tat bestraft – der Jugendrichter schaut im Sinne des Jugendschutzes auf die Gesamtsituation“; die Straftat sei ein Teil des Ganzen.
Dass die Profile in der Unisec derart heterogen sind, bleibt ein hartnäckiges Problem der Jugendhilfe in diesem Land. Außer ein paar engagierten Kinderrechtlern scheint sich die Politik mehr oder weniger mit dieser Realität abgefunden zu haben. Die Jugendschutzreform, die Gesetzentwürfe 7991, 7992 und 7994 samt Jugendstrafrecht, lassen weiter auf sich warten. Das Resultat lässt sich hier und in der geschlossenen Jugendpsychiatrie, der Orangerie Drei in Ettelbrück (d’Land, 13.02.2026), in Echtzeit nachverfolgen.
Im zweiten Stock der Unisec leben die Mädchen. Eine graue Couch ziert den Aufenthaltsraum, in dem nach der Schule ferngeschaut oder Playstation gespielt wird. Der Ort sieht außerordentlich beklemmend aus, daran ändert auch ein Graffiti mit dem Wort „Air“ nichts. Laurent Kocks sperrt eine der Zellen auf. Milenas* Zimmer ist besonders aufgeräumt: Cremes und Pflegeprodukte stehen aufrecht nebeneinander, T-Shirts und Hosen liegen millimetergenau gefaltet in den Regalen. Neben dem Eingang hängt eine Toilette. Wie alle anderen hat auch Milena ein kleines Wandschlagpolster, in das sie reinschlagen kann, wenn sich zu viel Emotion anstaut. Auf ihrem Pult liegen zwei Bücher und ein Notizbuch, Zitate aus Hiphop-Songs schmücken die Wand. Sie erzählen vom Wiederaufstehen nach Widrigkeiten, von Kampf.
Milena lebt seit Dezember hier. Sie sitzt sie im Besucherzimmer, wacher Blick, Tätowierungen an den Armen, „Trust God“, Schmetterlinge, ein Kreuz. Am linken Arm sind lange Narben von Selbstverletzungen zu sehen, die einen Eindruck dessen vermitteln, was sie in ihrem Leben erlebt hat. Milena ist oft ausgerissen, hat sich Heimstrukturen und anderen gerichtlichen Verordnungen entzogen. Aufenthalte bei einem Verwandten scheiterten. Sie sei in erster Linie hier, um sie vor sich selbst zu schützen, heißt es in einem Vorgespräch mit Joëlle Ludewig, „fir et nach emol viru sengen 18 Joer ze pake kréien“. Sie habe mehrere Monate gebraucht, um hier anzukommen, sagt Milena. „Heute bin ich sehr dankbar für die Unterstützung.“ Wie ist es für sie, eingesperrt zu sein? „Es ist eigentlich so wie im Heim. Draußen meinten alle, die Unisec ist voll strikt, aber es ist kein Weltwunder.“ Sie habe vorher nicht mehr gewusst, wie es weitergehen soll, war an einem Tiefpunkt angelangt. Die Zeit hier empfindet sie als sinnvoll. Wie jeder Jugendliche hier fokussiert sie sich nun auf ein Projekt: Vergangene Woche absolvierte sie ein Praktikum in einem Altenheim, das gefiel ihr sehr. Sie wünscht sich, nach der Unisec bei ihren Großeltern zu wohnen und sich zur Pflegekraft ausbilden zu lassen. Sie sei ungeduldig, doch alles passiere zum richtigen Moment. „Ich habe alle meine Probleme geregelt. Ich wollte immer ein normales Leben, jetzt bin ich auf einem guten Weg. Es muss jetzt klappen.“
Pause im Schulunterricht, die Jugendlichen strömen in den Innenhof. Dort steht ein graues Schwimmbad, das bei gutem Wetter genutzt wird. Die damit einhergehenden Regeln und Strafen, die bei Verstößen gelten, haben die Teenager selbst entwickelt: Warnungen oder Ausschluss, weniger Privilegien. Das Smartphone geben sie zu Beginn der Inhaftierung ab; viele dürfen täglich 30 Minuten mit Familie telefonieren, je nach Lage. Besuch kommt am Wochenende, eine Stunde maximal. Netflix gibt es bei gutem Benehmen am Freitagabend in der Stuff. Ihren Sinn für Humor haben die Jugendlichen nicht verloren: Der kleine Laden, der sie mit Snacks versorgt, trägt den Namen Unisnack. Nachdem das Anti-Folter-Komitee beanstandet hatte, dass begleitete pädagogische Ausgänge möglich sein müssen, sind diese Teil des Alltags geworden. Eine „Immersionsmaßnahme“ kann sowohl der begleitete Gang in die reguläre Schule oder zu einem Praktikum sein. Wöchentlich besuchen die Mädchen und Jungs einen pädagogischen Bauernhof mit Ziegen und Riesenschnecken.
„Wir sehen uns neben der geschlossenen Jugendpsychiatrie als letzter Schritt im Hilfesystem“, sagt Joëlle Ludewig. Im Sechs-Wochen-Rhythmus geht ein Entwicklungsbericht über die Teenager an den Jugendrichter, um die individuelle Situation anpassen zu können. Ludewig beobachtet, dass die Jugendlichen, die eingewiesen werden, jünger werden. Mittlerweile sind sie öfter zwölf oder dreizehn – in diesem Alter bereits Opfer von Prostitution oder Menschenhandel. Die Ko-Direktorin befürwortet die Einführung eines Jugendstrafrechts – „vor zehn Jahren hätte ich das noch nicht gesagt“ –, damit die Situationen klarer getrennt werden können. „Wir warten seit Jahren auf die Reform.“ Wünschenswert seien flexible, hoch spezialisierte Strukturen, wie sie im Ausland existieren. Sie können schließen, wenn Gefahr besteht, und öffnen, wenn die Situation es zulässt, erläutert Joëlle Ludewig. Meist seien die Teenager zu Beginn aufständisch, dann baue man eine Bindung auf – und viele blühten auf. „Wir versuchen, uns nicht auf die Verhaltensauffälligkeiten zu fokalisieren, sondern darauf, dass sie noch in der Entwicklung sind“, erklärt Direktor Laurent Kocks. Die Eltern versuche man, wenn möglich, wieder in die Pflicht zu nehmen, doch wenn sie „desinvestiert“ seien, gebe man irgendwann auf. Das Personal braucht ein dickes Fell: „Wer sich von einem ‚Hurensohn‘ persönlich angegriffen fühlt, kann hier nicht arbeiten“, sagt Laurent Kocks.
Im Raum neben dem Musikzimmer sitzen drei Schüler im Theorie-Kurs. Zwei von ihnen lernen Französisch auf dem Niveau einer 5e Préparatoire und Adapte, ein dreizehnjähriger Junge lernt die Grundlagen des Französischen, da er die Landessprachen noch nicht beherrscht. Im Kunstatelier im Erdgeschoss beschäftigen sich zwei Mädchen, eine malt ein Anime-Bild aus. Sie sieht bedrückt aus und meidet jeglichen Blickkontakt. Sie ist bereits zum dritten Mal in der Unisec.
Philipp* lebt seit zwei Monaten hier. Was er im Gespräch „ein Missverständnis mit schlechtem Ende“ nennt, war eine Messerattacke. Er ist 16, muskulös, trägt Jogginghose. Wie fühlt er sich? „An manchen Tagen geht es mir gut, an anderen nicht.“ Bevor ein Platz frei wurde, saß er zwei Wochen im Erwachsenen-Strafvollzug in Schrassig. Wie war es dort? „Im CPL ist man auf sich alleine gestellt, schaut fern und isst seine Kelloggs“, erzählt er. Dass er hier in Gemeinschaft lebt, findet er gut – man „vergesse den Schmerz“. Das Negativste an der Unisec sei, hier zu sein. „Jeder will raus.“ Nicht zu wissen, wann er rauskomme, empfindet er als stressig. Er bereue seine Tat hundertprozentig und verbüße nun die Strafe, sagt er. Wenn er draußen ist, hat er vor, Klempner zu werden. „Seit ich hier bin, stehe ich meiner Familie näher als zuvor. Ich habe gesehen, wie sehr ich sie enttäuscht habe.“
Im Erdgeschoss der Unisec befindet sich die Isolierungszelle. In „akuten Krisen“, etwa bei Selbstgefährdungsgefahr oder erhöhter Gewalt gegen andere, kann ein Jugendlicher dort bis zu 72 Stunden isoliert werden, erklärt Laurent Kocks. Ein gelbes Boxpolster an der Wand, ein Bett, eine Toilette, Videoüberwachung – sonst nichts. Ein Erzieher kommt während des Aufenthalts mehrmals, um das Gespräch zu suchen. Diese Art von Isolierung ist in der Jugendhilfe höchst umstritten. Dürfen die Teenager Bücher mitnehmen? „Ja. Allerdings kann man sich auch mit Büchern verletzen“, antwortet Laurent Kocks.
„Ultima ratio“
Ende 2017 bezogen die ersten Jugendlichen die Unisec, deren Bau zehn Millionen Euro gekostet hat. Die geschlossene Infrastruktur ist eine Art „ultima ratio“ der Jugendhilfe, das sowohl für Intensivtäter, als auch für besonders vulnerable Teenager, die durch einen Aufenthalt Schutz erfahren sollen. 2016 rechnete das Land aus, ein Betreuungsplatz in der Unisec koste monatlich 31 000 Euro pro Kind (d’Land, 19.02.2016) Auf Nachfrage konnte der Direktor des CSEE, Ralph Schroeder, die Kosten eines aktuellen Betreuungsplatzes nicht beziffern, das aufgrund der Komplexität der Zusammensetzung des Personals. Im Budget des Menje stehen für 2026 jedenfalls rund 2,7 Millionen Euro an „unterschiedlichen Ausgaben“– das ohne Betriebskosten. 2025 wurden rund 4,16 Millionen Euro an Personalkosten an die Unisec ausgezahlt. Geschlossene Strukturen sind teuer.
Bereits ihre Schaffung war umstritten. Denn nebenan liegt der offene Bereich des CSEE, der verhaltensauffällige Jugendliche aufnimmt. Dass der geschlossene Bereich letztendlich neben offene Heimstrukturen gebaut wurde, lag auch daran, dass in luxemburgischer Nimby-Manier keine Gemeinde außer Wormeldingen eine solche Struktur aufnehmen wollte. Im September wird der offene Bereich nach Mutfort umziehen und sich weiter dezentralisieren, auch im Sinne einer Destigmatisierung des „Mythos Dreiborn“. Der zukünftige Centre pénitentiaire pour mineurs (CPM) wird neben der jetzigen Unisec entstehen und 26 Plätze zur Verfügung stellen. Die Struktur soll dem Justizministerium unterstehen, sobald es ein Jugendstrafrecht gibt. Laurent Kocks wird dort Direktor. Das CSEE wird Teil des Menje bleiben und sich auf die pädagogische Resozialisierung konzentrieren.
Mit der Praxis, Minderjährige im Erwachsenengefängnis in Schrassig unterzubringen, die seit Jahren kinderrechtswidrig ist und vom Anti-Folter-Komitee kritisiert wird, sollte nach der Eröffnung der Unisec eigentlich Schluss sein. Doch die Jugendrichter wollten sich die Option bei Platzmangel offenhalten. Momentan ist es immer noch so, dass Minderjährige in Schrassig inhaftiert werden, wo insbesondere Mädchen de facto in einer Art Isolationshaft leben.
Die drei Gesetzentwürfe 7991, 7992 und 7994 liegen weiter in den Ausschüssen, nach zwei grünen Justizministern, nach etlichen Gutachten und Regierungsänderungen. Der Okaju und die Menschenrechtskommission stoßen sich weiter am Alter der Strafmündigkeit, das ihrer Ansicht nach 14 Jahre betragen sollte, nicht 13. Die Jugendschutzreform soll jegliche Isolierung als disziplinarische Maßnahme ausschließen und den automatischen Transfer des elterlichen Sorgerechts an die Institution bei einer Heimeinweisung abschaffen.
Nach dem kritischen Bericht des Anti-Folter-Komitees in 2023 wurde die Unisec jugendgerechter gestaltet: bessere psychologische Unterstützung der Inhaftierten; die Einführung von Taschengeld, mehr Aktivitäten während den Schulferien. Allerdings wertet niemand die Daten, über die die Unisec nach fast zehn Jahren Betreuung verfügt, aus. Soll heißen, dass nicht geprüft wird, welches kriminologische Profil mit welcher Aufenthaltsdauer in der Sicherheitseinheit welche Verbesserung oder Verschlechterung seiner Laufbahn erfahren hat – oder wie hoch die Rückfallquote bei Intensivtätern ist; was das Ganze also konkret bringt. Charel Schmit des Okaju nennt das „institutionellen Blindflug“. Lediglich eine Doktorandin der Uni Luxemburg hat sich 2023 in ihrer Arbeit mit dem „subjektiven Wohlbefinden der Minderjährigen in der stationären Jugendhilfe“ beschäftigt und dazu eine qualitative Studie mit 30 Teilnehmern durchgeführt.
*Alle Namen der Minderjährigem wurden von der Redaktion geändert.