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Kino 3 Min. Lesezeit

Godard, ein Gott der Kunst?

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe Oktober 2021
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Nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs war der Wiederaufbau auch mit der Suche nach und der Förderung von bisher unbekannten Künstlern verbunden. So stellte jedes Land seinen nationalen Vorzeige-Künstler vor, der als Vertreter einer Jugend galt, die den Aufbruch verkörpern sollte. In Frankreich waren dies insbesondere der Maler Bernard Buffet (1928–1999) ab Ende der 1940er Jahre und in der Literatur Françoise Sagan (1935–2004) („Bonjour tristesse“, 1954). Im Kino musste man bis Ende der 1950er Jahre warten, bis im Zuge des italienischen Neorealismus eine Nouvelle Vague entstand. Unter den jungen Gesichtern, die damals auftauchten, war ein Schweizer mit Glatze und schwarzer Brille, die Zigarette im Mundwinkel wie Belmondo in „À bout de souffle“ (1959).

Diese Form der Modernität, die bis dahin auf der großen Leinwand unbekannt war und deren Geschichten fest in der Gegenwart verankert sind, zeigt sich von Anfang bis Ende in Jean-Luc Godards „Une femme est une femme“ (1961).

Schon im Vorspann, in dem die Namen der Darsteller wie auf Ladenschildern blinkend erscheinen, entfaltet sich eine Reflexion über die Sprache(n). Die Figuren hinterfragen die Bedeutung der von ihnen verwendeten Wörter oder Ausdrücke, amüsieren sich mit Wortspielen und literarischen Zitaten. Gerne werden dabei Anspielungen auf Musicals gepflegt (Gene Kelly, Cyd Charisse oder auch „Ein Amerikaner in Paris“ von Vincente Minnelli). Manchmal dringen eingeblendete Schriftzüge auf die Leinwand und erinnern uns daran, dass Godards Onkel … ein bedeutender Typograf war (Maximilien Vox). Hinzu kommt ein pointillistischer Umgang mit Farbe – ein Hauch von Rot, der eine Einstellung unterstreicht, das dreifarbige Nationalmotiv, das sich bis hin zu Anna Karinas Make-up erstreckt. Das Gleiche gilt für den Soundtrack, der von unvorhersehbaren musikalischen Einbrüchen und manchmal sogar von unhörbaren Dialogen unterbrochen wird, die vom lauten Vorbeifahren der Autos im Hintergrund übertönt werden. Dennoch sind die Figuren sehr gesprächig, wie in einem schlechten Theaterstück. Alles trägt dazu bei, den Zuschauer daran zu erinnern, dass der Film, den er sieht, eine künstliche Konstruktion ist, ein Spektakel, bei dem er eingeladen ist, einen Blick hinter die Kulissen und in den Entstehungsprozess zu werfen. Dies wird durch die Welt des Kabaretts ermöglicht, in der man den Striptease-Einlagen von Anna Karina beiwohnt (die für ihre Rolle beim Filmfestival in Berlin einen Darstellerpreis erhielt).

Alles dreht sich um sie, die Schauspielerin und Muse des Filmemachers seit „Le Petit Soldat“ (1960). Zunächst einmal die Kamera ihres Pygmalion, deren jede Einstellung darauf abzielt, die verschiedenen Facetten ihrer Schönheit zu unterstreichen. Eine zärtliche Verbundenheit, die in den Blicken zur Kamera zum Ausdruck kommt, die sie liebevoll miteinander austauschen. Angela (eine engelsgleiche Karina) ist auch der zögernde Stern, um den zwei männliche Figuren kreisen: ihr Ehemann Émile (Jean-Claude Brialy) und Alfred (Jean-Paul Belmondo), ein Verehrer, dem sich die junge Frau nach und nach annähert. Denn ein Kind zu haben (Alfred) oder nicht (Émile) – das ist hier die Frage. Trotz seiner scheinbaren Leichtigkeit ist „Une femme est une femme“ somit ein Film, der vom Wunsch nach Mutterschaft und der Angst vor der Vaterschaft geprägt ist. Wie in „Die Verachtung“ (1963) ist das Paar dazu verdammt, sich zu verlieren (die Streitigkeiten zwischen Angela und Émile lassen jene zwischen Piccoli und Bardot ahnen).

Verspielt, nervtötend, ja manchmal sogar kindisch – dieser Film, der mit den Konventionen des Musicals spielt, wird niemanden gleichgültig lassen.

„Une femme est une femme“ (Frankreich, 1961), Originalfassung, 82’, wird am Mittwoch, dem 6. Oktober, um 18:30 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt. Der Film ist Teil einer Hommage an den Schauspieler Jean-Paul Belmondo (Bébel, der Großartige. Von der Nouvelle Vague zum Populärkino)