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Kino 3 Min. Lesezeit

Eine mexikanische Leidenschaft

Cinemasteak

Erschienen in Ausgabe September 2021
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Eine riesige Marionette aus Pappmaché, üppige Vegetation, ein Pfau, der zwischen rätselhaften Statuen umherstreift – all das spielt sich im Innenhof eines einzigartigen Hauses ab… Dort, in der lichtdurchfluteten Casa Azul, lebte die berühmte mexikanische Künstlerin Frida Kahlo (1907–1954).

Ein vertrautes Umfeld, das sich in ihren Gemälden widerspiegelt. Julie Taymor, die Regisseurin von „Frida“ (2002), weiß das nur zu gut, denn jedes einzelne Fragment ihres Films spielt mit der Durchlässigkeit zwischen Kunstwerk und Leben. Die Entscheidung für ein Biopic erweist sich im Fall von Kahlo als besonders treffend, deren Malerei – so persönlich und schmerzhaft sie auch war – ein Ventil, ein Versuch der Heilung und eine Beschwörung des Schicksals darstellte. Ihre Gemälde sind der Spiegel, in dem sich die Gebrechen eines Körpers und die Liebesniederlagen einer verwundeten Seele widerspiegeln.

Der Lebensweg der Künstlerin war in der Tat von Schicksalsschlägen geprägt, angefangen mit jenem Busunfall, bei dem sie sich im Alter von 18 Jahren die Wirbelsäule brach. Im Krankenhaus, wo sie mehrere Monate lang ans Bett gefesselt war, verbrachte die junge Frau den größten Teil ihrer Zeit mit Zeichnen und Reha-Maßnahmen. Doch ein Jahr später konnte Frida wieder laufen: Kaum wieder auf den Beinen, machte sie sich auf den Weg zu Diego Rivera (1886–1957), um ihm ihre Werke zu zeigen. Dies war der Beginn einer ebenso langen wie turbulenten Leidenschaft in einer Zeit, die in Mexiko von bedeutenden politischen Umwälzungen geprägt war.

Die nonkonformistische Frida (Salma Hayek) von strenger Schönheit ist ihrem Geliebten in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil; denn er ist kräftig, selbstbewusst und umso mehr, als sein Talent bereits anerkannt ist. Man nannte sie spöttisch „die Taube und der Elefant“. Schon ihre Werke spiegeln zwei gegensätzliche Auffassungen von Malerei wider. Kahlo arbeitet an der Staffelei an kleinen Gemälden mit intimen Motiven: Es handelt sich hauptsächlich um Porträts oder Selbstporträts, in denen ihr dunkler Zigeunerblick den Betrachter zum Zeugen macht. Im Gegensatz dazu malt Rivera in öffentlichen Gebäuden gigantische Fresken, bevölkert von Arbeitern und Bauern, unter dem roten Banner des Kommunismus. Der Selbstbeobachtung der jungen Frau steht auf der anderen Seite der kollektive Aufruf zum Klassenkampf gegenüber. Ähnlich verhält es sich in ihrem Privatleben: Den zahlreichen Seitensprüngen Riveras, eines unverbesserlichen Frauenhelds, stehen die homosexuellen Vergnügungen gegenüber, denen sich seine Frau aus Trotz hingibt.

Julie Taymors vielfältige Talente sind bekannt. Die Regisseurin, die an der École internationale du Mime de Jacques Lecoq (Paris) ausgebildet wurde, studierte außerdem Anthropologie an der Columbia University. Daher wird der Nachbildung der mexikanischen Volkskultur besondere Sorgfalt gewidmet. Die Dreharbeiten fanden vor Ort statt, inmitten der spanischen Kirchen und der herrlichen Hochebenen von Teotihuacán, wo sich Frida und Trotzki trafen und wo auch Sergej Eisenstein und sein ständiger Kameramann Édouard Tissé vorbeikamen, um die Dreharbeiten zu „Que viva Mexico!“ (1931) vorzubereiten. Die traditionellen Gewänder, die Frida wie die „Indianas“ trägt, wurden von der Kostümbildnerin Julie Weiss angefertigt und bieten ein Fest aus strahlenden Farben. Die musikalische Untermalung lässt bemerkenswerte Lieder entdecken, ergänzt durch sinnliche Tangos. Schließlich erkennt man einige typische Orte, die das mexikanische Leben prägen: den Obstmarkt, die Feierlichkeiten zum Tag der Toten sowie die zahlreichen staatlichen Einrichtungen, in denen Diegos Wandgemälde ausgestellt wurden.

„Frida“ (USA/Mexiko, 2002), Originalfassung mit französischen Untertiteln, 123’, wird am Mittwoch, den 15. September, um 19 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt