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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Wenn Klimaforscher ausrasten

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe April 2022
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Ein neuer Bericht des IPCC, eine weitere eindringliche Warnung, dass die Welt bis zum Ende des Jahrhunderts auf einen Anstieg der Durchschnittstemperatur um 3,2 Grad zusteuert, und wieder einmal bleibt die Menschheit unbeeindruckt auf dem Kurs, der in ihre Selbstzerstörung führt. Nur dass sich diesmal zahlreiche Wissenschaftler, die zu diesen alarmierenden Prognosen beigetragen haben, dazu entschlossen haben, Klartext zu reden. In 26 Ländern haben rund 1.200 von ihnen, gekleidet in weiße Kittel mit einer Sanduhr darauf, dem Logo von Extinction Rebellion, haben letzte Woche spektakuläre Aktionen durchgeführt, oft unter dem Risiko, verhaftet zu werden, in der Hoffnung, endlich die Aufmerksamkeit einer kritischen Masse von Bürgern auf die Risiken zu lenken, die mit der fortgesetzten Nutzung fossiler Brennstoffe verbunden sind.

Einer der Anführer dieser Wissenschaftlerrebellion (scientistrebellion.com) ist Peter Kalmus, Mitarbeiter des Jet Propulsion Laboratory der NASA. „Ich bin Klimaforscher und ein verzweifelter Vater. Wie kann ich mich noch eindringlicher für meine Sache einsetzen? Was muss noch passieren? Was können meine Kollegen und ich tun, um diese Katastrophe zu stoppen, die sich gerade vor unseren Augen auf so grauenhaft deutliche Weise abspielt?“, rief er in einem im Guardian veröffentlichten Gastbeitrag aus. Als er sich am 6. April zusammen mit drei Kollegen vor den Toren der JP Morgan Chase in Los Angeles mit Ketten festband, rückten etwa hundert von Kopf bis Fuß ausgerüstete Bereitschaftspolizisten auf sie zu und nahmen sie fest. Mit Tränen in den Augen forderte er Gerechtigkeit für seine Kinder und die Kinder auf der ganzen Welt, die das Klimadesaster erben werden, das ihre Eltern ihnen eingebrockt haben.

In Washington hat sich die Wissenschaftlerin Rose Abramoff, eine Expertin für Kohlenstoffspeicherung in Wäldern, an die Zäune des Weißen Hauses gekettet. „Als Wissenschaftler neigen wir dazu, Risiken zu scheuen. Wir wollen unsere Arbeitsplätze, unseren Ruf und unsere Zeit nicht aufs Spiel setzen. Aber es reicht nicht mehr aus, nur zu forschen und darauf zu hoffen, dass andere unsere Veröffentlichungen lesen und die Schwere und Dringlichkeit der Klimakrise begreifen“, erklärte sie in einer Pressemitteilung. Sie wurde zusammen mit anderen Wissenschaftlern festgenommen und bezeichnete die Reaktion der Behörden als Versuch, sie zum Schweigen zu bringen.

Die Hierarchien, die Finanzierungsmodalitäten und die ungeschriebenen Regeln der Forschungswelt haben diejenigen, die sich mit dem Erdklima beschäftigen, lange Zeit davon überzeugt, es anderen zu überlassen, ihre Ergebnisse und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen zur Dringlichkeit der Dekarbonisierung bekannt zu machen. Zwar haben sich einige an ihre Tastaturen gesetzt, um zu bloggen und zu twittern, doch die meisten haben sich in den letzten Jahrzehnten im Namen ihrer Glaubwürdigkeit und der vermeintlichen Notwendigkeit, politische Neutralität zu wahren, dafür entschieden, die Methoden der Aktivisten nicht zu übernehmen. Dass dieser Damm nun gebrochen ist, spricht Bände über die Entmutigung, die diejenigen beherrscht, die an vorderster Front dieser Krise stehen.