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Bühne 4 Min. Lesezeit

Weiße Magie

„Mir hat ‚Le Cirque Invisible‘ besser gefallen“, hört man im Foyer nach der Aufführung von „Bells & Spells“ im Kinneksbond. Da wir jedoch keine anderen Werke der Regisseurin Victoria Chaplin Thierrée kannten, war…

Erschienen in Ausgabe April 2022
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„Mir hat ‚Le Cirque Invisible‘ besser gefallen“, hört man im Foyer nach der Aufführung von „Bells & Spells“ im Kinneksbond. Da wir jedoch keine anderen Werke der Regisseurin Victoria Chaplin Thierrée kannten, war „Bells & Spells für uns ein wahrer Zauber. Von Anfang bis Ende unter dem Einfluss dieses Zaubers – anfangs noch mit gedrückter Stimmung, am Ende jedoch mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Bells & Spells“ ist ein Eintauchen in die Goldenen Zwanziger, dargestellt in einer traumhaften Welt, untermalt von der Magie der Bühneneffekte – eine unendliche Fantasiewelt, die von Jaime Martinez im Hintergrund und Aurélia Thierrée im Vordergrund zum Leben erweckt wird, einer schönen und skurrilen Kleptomanin, die fortan unsere Träume bevölkert.

Die Bühne für die „Chaplin/Thierrée“ ist eine Familienangelegenheit. Ohne den gesamten Stammbaum aufzuzählen: Da sind zunächst Charlie Chaplin und Oona O’Neill, dann ihre acht Kinder, darunter Victoria Chaplin, die Jean-Baptiste Thierrée heiratete und mit ihm den Cirque Invisible gründete, in dem ihre beiden Kinder, James und Aurélia Thierrée, ausgebildet wurden. In dieser langen Reihe sind nach dem Patriarchen Chaplin fast alle Schauspieler oder zumindest Künstler geworden… Es liegt in den Genen, zumindest im Geist, irgendwo da drin. Sicher ist jedenfalls der Einfluss, den der mittlerweile zum Gemeinplatz gewordene Chaplin auf alle anderen Chaplins, die nach ihm kamen, gehabt haben dürfte. Ein Erbe, das dieser ganzen Künstlerdynastie sichtlich in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Bei Victoria Chaplin Thierrée spiegelt sich dieses Erbe in den vielfältigen szenischen Mechanismen wider, mit denen sie seltsame und absurde Wesen und Situationen erschafft – ganz im Stil der filmischen Mechanismen ihres Vaters… Sie inszeniert gemeinsam mit ihrer Familie Theaterstücke, in denen Kostüme, Marionetten, Bühnenbilder, Licht und Maschinen dazu beitragen, die Illusion unerwarteter Welten zu erzeugen. Dabei bleibt dem Zuschauer viel Raum, sich auf seine eigene Vorstellungskraft zu verlassen, die durch die auf der Bühne präsentierten Ideen angeregt wird. Aus der Fantasie von Victoria Chaplin Thierrée entspringen bei jeder von ihr inszenierten Aufführung einzigartige Welten, die stets von „ihrer Handschrift“ geprägt sind. Glücklicherweise bildet „Bells & Spells“ da keine Ausnahme, und dank eines „Know-hows“ wird das Publikum buchstäblich von der szenischen Prosa verzaubert, die sich auf der Bühne unaufhörlich von einem Bild zum nächsten verwebt, als wolle sie uns keinen Moment zum Verschnaufen lassen.

Bei „Bells & Spells“ dreht sich der einzige Kritikpunkt um die Anhäufung von Effekten – ein bisschen so, als würde ein Komiker hundert Witze reißen, damit wenigstens einer davon zündet. Denn ansonsten ist alles absolut magisch, getragen von der Überraschung und einer großartigen Harmonie zwischen den Künstlern und den Möglichkeiten einer Theaterbühne. Es fehlen uns fast die Superlative, um diese Aufführung zu beschreiben, in der eine Frau, eine zwanghafte Diebin, von Welt zu Welt getragen wird – und jede davon ist traumhaft schön. Von Trieben à la Arsène Lupin getrieben, erkundet die großartige Aurélia Thierrée, die im Mittelpunkt des Stücks steht, jeden um sie herum erschaffenen Kosmos, um ihn zu verstehen und darin zu leben. Wie von einem Magneten angezogen, wandert sie von Objekt zu Objekt; in jeder Situation „leiht“ sie sich etwas aus – Dinge, die sie durch geheimnisvolle Energien in andere Gefilde führen, an neue Orte, die sie besuchen und sich zu eigen machen muss. Geleitet von einer burlesken Figur – die einer Chaplin-Figur sehr nahekommt –, gespielt von Jaime Martinez, begibt sich die Frau so auf eine fantastische Odyssee, die dort enden wird, wo sie begonnen hat. Diese Frau lebt ebenso wie wir in dieser immensen Theatralik, ohne sie kontrollieren zu können, sondern sie einfach nur zu verehren.

„Bells & Spells“ ist ein Paradebeispiel für jene Art von Aufführungen, die uns das Festland hinter uns lassen und unseren Geist in den Wolken schweben lassen. Mit wortlosem Theater, Tanz, Verwandlungskunst und einer phantasmagorischen Inszenierung entführt uns alles in andere Welten. Aurélia Thierrée ist hier großartig und beherrscht alles, ihr Partner Jaime Martinez beeindruckt durch seine Qualitäten als großer Bühnenkünstler, und selbst die „kleinen“ Rollen werden hervorragend gespielt… In diesem visuellen Theater, in dem nichts unmöglich ist, steigt die Fantasie an die Oberfläche, um sich mit der reinen Luft zu vermischen, wie Champagnerblasen, die an der Oberfläche zerplatzen, bevor sie uns den Kopf verdrehen. „Bells & Spells“ ist ein gewaltiger Zaubertrick voller überraschender Illusionen, fantastischer Tiere und unbekannter Wesen. Dort, auf der Bühne, verschmilzt das Seltsame mit dem Halluzinatorischen, sodass der Zuschauer angesichts des Spektakulären im wahrsten Sinne des Wortes alles andere vergisst: „was das Auge beeindruckt und durch einen außergewöhnlichen Aspekt Staunen hervorruft“.