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Bühne 4 Min. Lesezeit

Wechselseitiger Dialog

Seit seiner Gründung präsentiert uns das Fundamental Monodrama Festival bei jeder neuen Ausgabe brandneue Produktionen und engagierte Theaterstücke aus allen Kontinenten, insbesondere aus Westafrika. Auch bei seiner…

Erschienen in Ausgabe Mai 2022
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Seit seiner Gründung präsentiert uns das Fundamental Monodrama Festival bei jeder neuen Ausgabe brandneue Produktionen und engagierte Theaterstücke aus allen Kontinenten, insbesondere aus Westafrika. Auch bei seiner zwölften Ausgabe (das Festival läuft noch bis zum 29. Mai mit einer schönen Auswahl an Tanz- und Theateraufführungen) machte es keine Ausnahme und lud das Publikum zu einem ersten Wochenende ein, das den afrikanischen Stimmen gewidmet war, mit drei Stücken aus dem Niger (eine Inszenierung von Oumarou Aboubacari Bétodji, einem treuen Begleiter des Festivals seit dessen Anfängen), aus Benin und aus Burkina Faso (in Zusammenarbeit mit der Schweiz).

Wir waren am Samstag, dem 21. Mai, in der Banannefabrik bei der Aufführung von „Terre rouge“, einem Stück des burkinischen Dramatikers, Regisseurs und Schauspielers Aristide Tarnagda, der auch künstlerischer Leiter des berühmten Festivals „Récréâtrales“ in Ouagadougou ist. Das vor zehn Jahren entstandene Stück „Terre rouge“ (Grand Prix littéraire d’Afrique noire 2017) feierte „seine Schweizer Premiere“ im vergangenen Jahr im Theater Stok in Zürich in einer Neuinterpretation von Miriam Lustig und mit dem burkinischen Schauspieler Urbain Guiguemdé, eine Fassung, die in Bonnevoie zu sehen war.

„Terre rouge“ ist zugleich ein Monolog (auf der Bühne schlüpft der Schauspieler in zwei Rollen; mal befindet er sich auf den Straßen von Burkina Faso, mal in einer „Fußballkneipe“ in Zürich) und ein wechselseitiger Dialog zwischen zwei Brüdern (allein, durch das Exil getrennt – der eine ist im Heimatland geblieben, der andere nach Europa ausgewandert; die Szenen wechseln zwischen späten Abenden im Gastland und Alltagsszenen im Heimatland), die von der unwahrscheinlichen Rückkehr und dem unmöglichen Wiedersehen erzählen. Ihr Wunsch nach lebendigem Austausch scheitert an einer schwierigen und unterbrochenen Kommunikation per Smartphone, was zu absurden, manchmal komischen Situationen führt.

„Terre rouge“ hat viele Facetten: Es ist eine freundliche Botschaft an den weit entfernten Bruder, ein Gedanke an die Heimat („ das Land, das meine Geschichte trägt “, „mein Land, das rot ist vor Sand“, das heute verloren ist, sagt derjenige, der dort geblieben ist), ein Blick auf das neue Land, auf den Alltag im Exil (die Straßenbahn, die Bar, das Bier, die Kälte, der Husten, die Krankheit…). Das Stück ist zugleich ein Wutschrei und eine kritische Analyse der nationalen und internationalen Politik, der „Regierungsmaschinerie“, der chinesischen Motorräder, der europäischen Kooperationen, der NGOs und der vorprogrammierten Umweltzerstörung.

„Terre rouge“ ist Anklage, Schrei, Gesang, Erzählung, Gedicht – es handelt von gestern und heute, von hier und dort, von Tradition und Moderne und weckt Kindheitserinnerungen und Zukunftsvisionen. Die Emotionen drängen sich, verflechten sich, prallen aufeinander; die Worte kommen sanft, zärtlich oder wehmütig daher, die Worte treffen mit Verärgerung, Wut oder Verzweiflung. „In seiner Einsamkeit umherirren, in den Bars umherirren (…) ich irre in euch umher, während wir beim Tee zusammensitzen…“, sagt der im Exil lebende Bruder.

Allein auf der Bühne, in einer schlichten und wirkungsvollen Inszenierung, verkörpert Urbain Guiguemdé überzeugend und treffend beide Figuren, bringt die wechselnden Emotionen der beiden Brüder gut zum Ausdruck und zieht das Publikum in seinen Bann. Zu Beginn der Vorstellung ist der Saal hell erleuchtet; man fühlt sich förmlich nach Burkina Faso versetzt. Ein Mann geht vorbei, bleibt vor uns stehen, spricht in seiner Sprache und verschwindet dann wieder… Dann wird es dunkel … Plötzlich taucht der Bruder auf, in einer roten Winterjacke, und versucht, die Verbindung zu seinem kleinen Bruder wiederherzustellen. Dieser kleine Bruder, der im Laufe des Stücks die Kindheit, den Hunger, die Guaven, den Fluss wieder zum Leben erwecken wird – er, der in der Heimat geblieben ist und „den Regen auf der roten Erde“ so sehr liebt und der diese Maschinen geißelt, die alles zerstört haben, und dabei das Weinen der Kinder beklagt, „die bereits tote Stille“.

Der Schauspieler bewegt sich in einem schlichten Bühnenbild. Auf der Bühne stehen drei grüne Fässer (und ein Stuhl), die als Bartische dienen, aber auch zu Koffern (mit Statuetten) oder sogar zu einem Spiegel werden (der verbannt Bruder, ein Lächeln auf den Lippen, entdeckt sich selbst als „5-Sterne-Kellner“) und Trommel (der Schauspieler wird dann zum Musiker) in einer eindringlichen Schlussszene, in der die Figur erklärt: „Was ich suche, ist eine rote Erde mit mehr Gras … ich suche einen Affenbrotbaum … ich suche den Regen …“.

Wunderschöne Bilder, wie jene Szene, in der der Schauspieler Schneeflocken aus den Taschen seiner roten Jacke sprudeln lässt, und interessante Klangkompositionen durchziehen diese „Rote Erde“, die so voller Menschlichkeit ist.