Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Bühne 4 Min. Lesezeit

Von Liebe und Hass

Das berühmte Stück „Les Bonnes“ von Jean Genet (1910–1986), das noch bis zum 16. März im TNL auf dem Spielplan steht, wurde vom Intendanten Frank Hoffmann neu inszeniert. In einer wunderschönen, einfallsreichen und…

Erschienen in Ausgabe März 2025
Artikel teilen auf

Das berühmte Stück „Les Bonnes“ von Jean Genet (1910–1986), das noch bis zum 16. März im TNL auf dem Spielplan steht, wurde vom Intendanten Frank Hoffmann neu inszeniert. In einer wunderschönen, einfallsreichen und ungewöhnlichen Inszenierung entführt ein überraschendes Trio — Valérie Bodson, François Camus und Jeanne Werner – entführt das Publikum in dieses Drama, das laut Autor einem Märchen gleicht: ein grausames Märchen des Alltags in Form eines karnevalesken Rollenspiels mit der unvermeidlichen Umkehrung der Verhältnisse.

In diesen unruhigen Zeiten erhalten die Macht- und Unterwerfungsverhältnisse – das zentrale Thema von „Les Bonnes“ – eine ganz und gar politische Dimension. Es geht um Fragen der Macht und der Gewalt, die alle Bereiche betreffen: den öffentlichen und den privaten Sektor, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Geschlecht, Sexualität und die Intimsphäre.

Dieses 1947 entstandene Stück, das meistgespielte von Genet, verunsichert, überrascht und fordert auch heute noch zum Nachdenken heraus. Subversiv und tragisch, besticht es durch eine fulminante Sprache, die zugleich derb und gehoben, alltäglich und poetisch ist. Inspiriert von einem schrecklichen Kriminalfall, die Geschichte der beiden Schwestern Papin, die 1933 in Le Mans ihre Arbeitgeberin und deren Tochter auf grausame Weise ermordeten, hallt bis heute nach (die Sendung „Affaires sensibles“ auf France Inter berichtete am 28. Februar darüber – genau an dem Tag, an dem wir „Les Bonnes“ entdeckten!).

Am TNL hat der Regisseur Frank Hoffmann beschlossen, das Stück – ein wahrhaft spannungsgeladenes Kammerspiel – mit dem Vorwort zu „Die Zofen“ zu beginnen, das von Madame vorgetragen wird, die zur Erzählerin wird und die Worte des Autors zu ihren eigenen macht. Diese schillernde, exzentrische Figur, verkörpert von einem außergewöhnlichen François Camus in einer Rolle zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit, Überschwang und Sensibilität, Dominanz und Mitgefühl – eine Figur an der Schnittstelle zwischen der Großbürgerin und der extravaganten Diva, dem Showbiz-Star oder der extravaganten Drag-Queen. Madame offenbart sich zunächst in ihrer Nacktheit – oder fast – und tritt in den Vordergrund der Bühne, um zu erläutern: „Wie man ‚Les Bonnes‘ spielt“.

Auf der Bühne dient eine große, runde, weiße Plattform als Schlafzimmer der Madame und als Ort der Zeremonie. In der Mitte schlafen zwei Dienstmädchen, zwei Schwestern – die ältere Solange (Valérie Bodson) und Claire (Jeanne Werner) – aneinander geschmiegt und zusammengekauert. Am Rand der Bühne sind Kleider und Accessoires für das Ritual ausgelegt: Claire wird zur Madame, Solange wird zu Claire. Bald wird sich das Karussell zu drehen beginnen … die Manege ist bereit, das Podium erstrahlt im Licht … Jeden Abend nehmen sie ihr Rollenspiel wieder auf – grausam, gewalttätig, sexualisiert, mal komisch, mal wahnwitzig, genährt vom Mordwunsch an Madame (sie zu erwürgen oder ihr einen Lindenblütentee mit Gardénal zuzubereiten), dem Ruf nach Rache, aber auch dem Bedürfnis nach Macht in einer schwesterlichen Beziehung aus Liebe und Hass. Am Ende wird sich das verhängnisvolle Spiel gegen sie wenden!

Die beiden Schwestern, die sich so ähnlich und doch so unterschiedlich sind, tragen dieselbe blonde Perücke und dieselbe Bluse (ihre Arbeitskleidung) und bilden ein überzeugendes Duo. Abwechselnd schlüpfen sie in die Rolle der Peinigerin und des Opfers, der Unterdrückerin und der Beschützerin, agieren als Komplizinnen oder lassen sich in einem befreienden Tanz gehen (zu den Klängen von „Recommence-Moi“ von Santa). Zwischen Schreien und Stille, „schwebenden oder gebrochenen Stimmen“ (J. Genet), fließenden oder abgehackten Worten bewegen sie sich am Rande des Hörbaren. Ihr Spiel hinterfragt zudem Identität, Ähnlichkeit und Verkleidung. Im Verlauf der gesamten Aufführung entsteht eine Choreografie mit Doppelgängerfiguren, Spiegelspielen und sich kreuzenden Gesten.

Diese Dienstmädchen bewegen sich in einem minimalistischen Bühnenbild (einige altmodische Requisiten: Nachttischlampen, Telefon, Plattenspieler), wobei im Hintergrund der Bühne eine Panorama-Leinwand die Welten voneinander trennt — das Schlafzimmer der Madame und das der Dienstmädchen in der Mansarde (Schwarz-Weiß-Bilder) — und auf dem Videobilder und -effekte (Farbexplosionen, zerplatzende Blumen, Blutwellen oder rote Striche, die das Bild durchziehen) zu sehen sind, die die Aussage unterstreichen. All dies sind geniale Einfälle von Susann Bieling, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, und die durch schöne, ausdrucksstarke Beleuchtung – mal klar, mal nuanciert, von Zeljko Sestak sowie symbolträchtige Musik (die Schwestern legen selbst die Schallplatten auf), die die Stimmungen widerspiegelt – von alten Hits (France Gall) über neue Klänge (Santa) bis hin zu Liedern mit tiefgründigen Texten (Brel).

„Les Bonnes“ von Genet/Hoffmann – ein Stück, das die gefährlichen Machtverhältnisse mit großer Scharfsinnigkeit beleuchtet. Ein Klassiker, den es (wieder) zu entdecken gilt!

Vorstellungen am 14. und 15. März um 19:30 Uhr sowie am 16. März um 17:00 Uhr im TNL.
Weitere Informationen : tnl.lu