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Einmal gebrannt…

In München werden Mouawads „Vögel“ zum Schweigen gebracht. In Paris stehen sie auf dem Abitur-Lehrplan.

Erschienen in Ausgabe April 2023
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Man wird nie genau wissen, wie sich die Dinge in einem anderen Land als Deutschland entwickelt hätten ; zum Teil doch, denn Werke, die auf der letzten Documenta für einen Skandal sorgten, waren bereits anderswo gezeigt worden – ohne Aufsehen und Aufruhr. In Kassel riskierten die Veranstalter einen Totalausfall, und wohl nur finanzielle Erwägungen – sowohl für die Stadt als auch für das Land – haben das Schlimmste verhindert. Dennoch schwebte über den gesamten Wochen hinweg der beängstigende Vorwurf des Antisemitismus im Raum.

Wajdi Mouawad, ein Libanese, der lange Zeit in Kanada gelebt hat, Autor und Schauspieler, steht seit einem halben Dutzend Jahren an der Spitze des Théâtre national de la Colline in Paris. Bei seinem Amtsantritt stellte er den Zuschauern sein Projekt vor – einen Pakt, wie er es selbst nannte. Anstatt von Macht zu sprechen, zog er es vor, statt der schwerwiegenderen Begriffe wie Freude, Verantwortung oder Engagement das – zumindest dem Anschein nach – harmlosere Wort „Begegnung“ zu verwenden, „ unbehaglich, da man nur dem begegnet, was einem fremd ist “. Sein erstes Stück, das im November 2017 an der Colline uraufgeführt wurde, machte genau dies zu seinem eigentlichen und brennenden Thema: die Begegnung mit dem Anderen, jenem Anderen, der mir mich selbst offenbaren wird.

Im Hintergrund: der Nahe Osten, der israelisch-palästinensische Konflikt. Und im Endeffekt eine Art „Romeo und Julia“-Geschichte zwischen New York, wo sie sich kennengelernt haben, und der Allenby-Brücke, die Israel und Jordanien verbindet, wo ein Anschlag Dutzende Todesopfer fordern wird. Der junge Mann, Eitan, wird Opfer dieses Anschlags und fällt ins Koma; seine Freundin Wahida ist arabischer Herkunft, besitzt jedoch die amerikanische Staatsangehörigkeit. Muss man noch näher auf die Hindernisse eingehen, die ihrer Liebe im Wege stehen – sei es seitens der Familie, sei es aufgrund geografischer und historischer Zwänge? Es ist Wahida, die für sie dieses Bild im Kopf hat: „Sagt ihm, dass ich ihn liebe und dass ich möchte, dass er seinen Abgrund bis zum Ende durchlebt, so wie ich versuchen werde, meinen bis zum Ende zu durchleben.“

„Tous des oiseaux“ – so lautet der Titel des Stücks, der auf ein persisches Märchen und dessen amphibischen Vogel anspielt, dem beim Eintauchen ins Wasser Kiemen wachsen – ist eine mehrsprachige Inszenierung, die stets mit einer internationalen Besetzung aufgeführt wird. Insbesondere beim Festival TransAmériques, das jährlich in Montréal stattfindet, hat der Canada Council for the Arts gemeinsam mit weiteren Institutionen die Veröffentlichung des französischen Textes unterstützt (Leméac/Actes Sud-Papiers, 2018).

Alles lief gut, das Stück von Wajdi Mouawad schaffte es sogar in den Lehrplan für das französische Abitur im Fach Theater, Prüfungsjahrgang 2020, neben „Britannicus“ und „Woyzeck“. Das gab den Jugendlichen Anlass, über Herkunft, Identität und andere Fragen wie das Individuum und die Gemeinschaft nachzudenken. Bis zu dem Tag, an dem „Tous des oiseaux“, dessen Titel bereits auf „Vögel“ verkürzt worden war, im Metropoltheater in München aufgeführt wurde. Dort sahen jüdische Studentenvereinigungen aus Bayern und ganz Deutschland darin nicht nur ein antiisraelisches Stück – und das noch vor der neuen Regierung unter Netanjahu –, sondern ein regelrecht antisemitisches. Dabei mischte sich natürlich die Politik ein – in einem Land, in dem man, wie die sprichwörtliche einmal verbrannte Katze (und das aus gutem Grund), kaltes Wasser fürchtet und eilig überreagiert, ohne die Sachlage zu kennen.

Das Stück ist also aus dem Programm verschwunden. Zensiert, unter den Tisch gefallen. Dabei gelingt es gerade diesem Stück mehr als anderen, dass Corneille – ja, genau, der Klassiker des 17. Jahrhunderts, in seiner Abhandlung über das dramatische Gedicht fordert: dem Zuschauer nicht zu gestatten, „mit ruhigem Geist hinauszugehen“, ohne dass er „an nichts mehr zweifelt“. Darauf weist Sylvain Diaz in seinem Nachwort zur Babel-Ausgabe hin.

In München hatten sie den einfachsten Weg gewählt; in den letzten Monaten wollten sie das Ruder ein wenig herumreißen. „Tous des oiseaux“ neu aufzulegen, dabei jedoch große Teile des Textes zu streichen. Was der Verleger – und zweifellos auch Wajdi Mouawad selbst – nicht akzeptiert haben. Es wäre zu weiteren Misstrauen und Abneigungen gekommen. „Ich werde mich nicht damit abfinden“, das sind Eitans allerletzte Worte am Grab seines Vaters.