Völlig ungeschützt standen wir diesem „Liliom (oder: Leben und Tod eines Taugenichts)“ des Ungarn Ferenc Molnár gegenüber und stürzten uns in diese neue Inszenierung von Myriam Muller, die jedes Mal ein Ereignis ist. Wieder einmal liefert die Truppe unter dem neuen Namen „Muller et consorts“ gemeinsam eine groß angelegte Inszenierung in einem monumentalen Bühnenbild, begleitet von Musik und vor dem Hintergrund eines Jahrmarkts aus den Armenvierteln. In diesem köstlichen und zugleich bitteren Stück nach Molnárs Worten entwirft die Truppe eine Welt, die zugleich strahlend und nebulös ist, um diese düstere Erzählung auf die Bühne zu bringen.
Im Jahr 1909 brachte Max Reinhardt als Erster die Geschichte von Ferenc Molnár auf die Bühne – allerdings ohne großen Erfolg –, doch 25 Jahre später griff Fritz Lang sie auf und verfilmte sie… „Eine Geschichte, die die Menschen berührt, die den naivsten Teil in uns anspricht“, erklärt Myriam Müller. Darin verliebt sich Julie (Sophie Mousel), ein junges Dienstmädchen, in Liliom (Mathieu Besnard), einen Jahrmarktsscharlatan und Frauenhelden. Julie erwartet ein Kind. Liliom, der kein Geld hat, schlägt sie, bevor er sich in ein faules Abenteuer hineinziehen lässt, obwohl man ihm einen Job als Portier angeboten hatte, als „ehrlicher Arbeiter“… Der Absturz ist besiegelt: Liliom, ein bis in die Knochen „freier Mann“, bringt sich um, gelangt in den Himmel, verbringt sechzehn Jahre im Fegefeuer und kehrt für einen einzigen Tag auf die Erde zurück, um seine Tochter zu treffen, die er schließlich ohrfeigt… Ein Stück mit einer traurigen Melodie, in dem der Antiheld als Parabel für eine bissige Gesellschaftskritik dient.
Und doch verkörpert Liliom das Klischee des unfreiwilligen Taugenichts. Stolz, großspurig, streitsüchtig, trinkfreudig, aber zugleich ein Frauenheld, der sich nach Liebe sehnt und seine Gefühle unterdrückt – Liliom weckt Mitgefühl. Und diese zaghafte Romanze mit Julie, die sich von Beginn an in den Mittelpunkt der Erzählung drängt, wie der Auftakt zu einem „Bonnie und Clyde“, weckt das Interesse noch mehr. Nur hat ein Typ wie er nicht das Rüstzeug, um mit solchen Gefühlen umzugehen, und alles explodiert ihm ins Gesicht wie ein Feuerwerk mit zu kurzer Zündschnur… Angesichts dieser leidenschaftlichen Liebe zwischen zwei jungen Menschen aus benachteiligten Verhältnissen, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, spiegelt sich die Brutalität des Umfelds wider.
Was Molnár beschreibt, ist auch das Leben in einem Viertel – bunt, ungewöhnlich, ja sogar fröhlich, aber arm. Ein Ort, an dem man drei Kartoffeln schält, um daraus die drei Mahlzeiten des Tages zuzubereiten. In diesen Vororten treffen Leben und Überleben aufeinander, der Schmutz der Baracken, die schäbigen Klamotten, die derbe Sprache, die Verletzlichkeit eines Teils der Gesellschaft, den man davon leben lässt, was man auf der Straße, am Fuße der Wohnblocks, aufleset.
So wie in dieser Inszenierung, in der der Bühnenbildner Christian Klein vorschlägt, den Rahmen auf eine Drehbühne zu stellen, auf der ein Sammelsurium aus Möbeln aller Art, Trödel und sogar Flohmarktfunden eine Wohnung bildet, die entsprechend den Perspektiven gestaltet ist, die all dieses Durcheinander bieten kann. Das ist wirklich großartig und lässt dieses Märchen noch tiefer in die Phantasmagorie eintauchen. Ein Haufen Krimskrams, der ein grandioses Bühnenbild bietet, von großer theatralischer Wirkung. Darin lässt Muller eine vorbildliche Inszenierung einfließen, die man fast als zu ausgefeilt bezeichnen könnte – auf die Gefahr hin, dass man uns als verwöhnte Kinder abstempelt. Allerdings tragen all diese Figuren, die kurz davor stehen, eine bescheidene Freakshow auf die Beine zu stellen, offen gesagt dazu bei, diese ein wenig melodramatische Fabel in eine schlichtweg dramatische Geschichte zu verwandeln.
Die Szenen sind schonungslos und zeigen – im Gegensatz zur feierlichen Eröffnung mit Fanfaren, Partyartikeln und Euphorie – die Wandlungen dieser Menschen, die darauf warten, dass das Schicksal ihnen zulächelt, oder die schließlich in der Gleichgültigkeit untergehen. Und eingebettet in die Erzählung hört man die Anflüge von Humor, Einfallsreichtum und Trivialität, die die Leichtigkeit des Theaters des Muller-Teams ausmachen – all die kleinen Dinge, die sowohl die Poesie des Theaters als auch seine Frivolität unterstreichen.
Und diese szenischen Spielzeuge werden den Schauspielerinnen und Schauspielern von der Regisseurin angeboten, um ihnen etwas Lächerliches oder Großartiges zu verleihen – ganz gleich, wie treffend ihr Spiel auch sein mag. Denn auch wenn die Atmosphäre eines Jahrmarkts der Belle Époque ein unerschöpflicher Quell starker und kraftvoller Bilder ist, so ist sie doch auch ein so häufig verwendetes Klischee, dass sich die Figuren in ihr und durch sie herausbilden. So sind sowohl Julie als auch Liliom, die im Mittelpunkt stehen, schwer einzuordnen, manchmal fast langweilig, während um sie herum markante Gestalten kreisen, wie diese Frau Muscat (Isabelle Bonillo), eine zänkische und ungestüme Frau, dieser Fiscur (Jules Werner), der so schmuddelig und ungesellig ist, oder diese Hollunder (Rhiannon Morgan), die unermüdlich nörgelt…
Auf jeden Fall hat uns „Liliom, oder das Leben und Sterben eines Taugenichts“ ordentlich die Augen geöffnet. Das Theaterstück ist spektakulär – und diese Wortwiederholung ist durchaus angebracht, denn auch wenn es nicht das beste ist, so ist es doch ein gutes und schönes Spektakel, und das ist noch milde ausgedrückt.