Zum Auftakt des neuen Jahres hat das TOL das Stück „La Visite“ von Anne Berest ausgewählt, das sich mit Mutterschaft und den damit verbundenen Vorurteilen befasst. Zwei junge Luxemburgerinnen, die neu im kleinen Theater an der Route de Thionville sind, nehmen das Stück in die Hand. Christine Muller übernimmt (zum ersten Mal) die Rolle der Regisseurin und Rosalie Maes spielt die junge Frau (die im Stück nicht namentlich genannt wird).
„La Visite“ ist ein Monolog, der 2020 von Anne Berest für Lolita Chammah geschrieben (und inszeniert) wurde. Dieses eindringliche Stück über den mütterlichen Instinkt und den Wunsch – oder Nichtwunsch – nach einem Kind reiht sich ganz natürlich in die bevorzugten Themen des TOL ein, das gerne gesellschaftliche Fragen und engagierte Themen beleuchtet, die die Frauen von heute betreffen. „La Visite“ gehört dazu. Seine Aussage widerspricht dem politische Korrektheit und präsentiert sich direkt und radikal, ist aber glücklicherweise mit Humor gewürzt.
Gleich beim Betreten des TOL entdeckt der Zuschauer eine junge Frau, die recht schnell in den Vordergrund tritt und auf die Ankunft der Zuschauer wartet … der „Cousins aus Kanada“, die gekommen sind, um das kleine Mädchen zu besuchen. Schnell wird ihre Anwesenheit zu einer Belastung für die Frau, die sich in einer beengten Wohnung in sich selbst zurückgezogen hat, in diesem Land, in dem „ich mich nicht ganz zu Hause fühle“. Sie, die Wissenschaftlerin, die ihrem Mann, einem an die Universität von Minneapolis in Minnesota berufenen Forscher, gefolgt ist. Sie, die eigentlich ihre Doktorarbeit fertigstellen sollte, aber seit ihrer Mutterschaft alles aufgegeben hat. Nun gerät alles ins Trudeln: ihr akademisches Leben, ihr soziales Leben, ihr Liebesleben, ihr Leben als Frau… Während ihr Mann auf sich warten lässt und die Kleine noch schläft, versucht sie, ihre Schwiegereltern nach allen Regeln der Kunst zu empfangen, gerät jedoch ins Straucheln, entschuldigt sich und lässt sich von einem Wortschwall mitreißen, fixen Ideen, Bedauern, Albträumen und neurotischen Gedanken, die das sogenannte Glück, Mutter zu sein, in Stücke reißen!
In einer sprunghaften Rede, mal rational, mal zusammenhanglos, nutzt die junge Frau das Wort als unverzichtbaren Weg zur Befreiung und zu einer Wiedergeburt. Sie berührt dabei Intimes, Soziales, Politisches und sogar Ökologisches. Es geht um den Milcheinschuss und die Verpflichtung zum Stillen, um die mangelnde Vorbereitung auf die Mutterrolle und die enorme Verantwortung, um den Kampf ums Überleben des Babys, um die Schuldgefühle, es nicht richtig zu machen, um soziale Isolation und Einsamkeit, um Müdigkeit, vom Nachlassen von Körper und Geist, vom Zerbröckeln der Partnerschaft, vom Verlust des Verlangens und der Weiblichkeit, von den Blicken der anderen…
Dank einer wirkungsvollen Bühnenbildgestaltung (von Christian Klein) wird die Bühne durch einen langen weißen Vorhang abgegrenzt, der das Wohnzimmer von den anderen Räumen trennt, die außerhalb des Blickfelds liegen (ein Spielzeug für Kleinkinder wird plötzlich zu beunruhigenden Schattenspielen erweckt). Auf einem langen Holzschrank stehen mehrere Diaprojektoren, mit denen die junge Frau im Laufe kleiner wissenschaftlicher Experimente – insbesondere beim Mischen von Flüssigkeiten, die auf der Leinwand seltsame und abstrakte Kartografien ergeben – ihren Worten Gestalt verleiht. Sie wird auch Eltern zum Leben erwecken (eine geniale Inszenierung durch ein Hemd und ein Kopftuch), etwa wenn sie jene kinderlose Großmutter heraufbeschwört, für die „alle Kinder rechts sind!“.
Es ist nicht einfach, diese junge Mutter, die am Ende ihrer Kräfte ist, zu verkörpern und dabei ihre Worte, ihre Gemütszustände und ihre Stimmungsschwankungen nuanciert darzustellen. In diesem Ein-Frau-Stück fällt es der jungen Rosalie Maes schwer, das richtige Gleichgewicht zwischen Momenten der Überforderung und der Beruhigung zu finden und den Humor hervorzuheben, der dem Text gebührt. Auch die Inszenierung von Christine Muller findet nur schwer ihren Rhythmus, lässt den Zuschauer unbefriedigt zurück und verleiht dieser „Visite“ einen Hauch von Unvollendetheit.