+„Erba“ klingt wie der zweifelhafte Name eines Wundermittels, das jeder gute Marktschreier zu Zeiten des Wilden Westens von seinem Karren aus hätte verkaufen können… Dabei ist die Botschaft ganz einfach: „Erba“ bedeutet auf Italienisch „Gras“, „+“ steht für „mehr“ und all das wird durch den Untertitel „Ein Wald in der Stadt“ unterstrichen – klarer geht es nicht.
Ausgehend von dieser Prämisse: Wie lässt sich eine Show gestalten, die weniger „gutmütig“ ist als diese – und zwar im positiven Sinne des Wortes… +Erba ist eine Lebensweisheit für die Kleinen, um sie in eine Fantasiewelt zu führen, in der der Beton unserer immer massiver werdenden Städte durch Grün, Bäume, Blumen, Gras und natürlich all das, was diese Pflanzen bevölkert, ergänzt oder sogar überwuchert wird. Die Idee ist, sich eine imaginäre Stadt vorzustellen, die von einer Architektin und einer Gärtnerin gestaltet wird, die ihre Ambitionen vereinen, damit die Kinder ihr im Herzen Leben einhauchen können. Genau hier, in dieser Debatte, findet das in Prato, unweit von Florenz, ansässige TPO elegant und sanft seinen Platz. Und während manche davon sprechen, Kinder „eine Milliarde Bäume“ pflanzen zu lassen – wobei sie natürlich verschweigen, dass täglich Hunderte oder sogar Tausende gerodet werden –, schlägt das TPO vor, „den Traum von einer grünen Stadt“ in einer einfühlsamen und vor allem lehrreichen Aufführung zu verwirklichen, die tatsächlich konkrete Ergebnisse liefert.
Seit mehr als zwanzig Jahren bietet die Theatergruppe TPO interaktives, visuelles und einfühlsames Theater, das ihr Publikum in immersive Welten entführt. Unter der Leitung von Davide Venturini und Francesco Gandi, unterstützt von zahlreichen Künstlern aus den Bereichen visuelles Design, Sounddesign und Kunsttechnik, entwickelt die italienische Truppe Inszenierungen, in denen der Bühnenraum, die Bilder, die Klänge und die Körper gemeinsam den Hauptdarsteller bilden. Genau wie in „+Erba“ wird der Tanz zu einem Mittel der Erzählung, und die Darsteller laden kleine und große Zuschauer dazu ein, sich mit ihrem Körper oder durch Ausrufe konkret in die Geschichte einzubringen, um sie zu vervollständigen und ihr ein glückliches Ende zu bescheren. Denn trotz der Schwere der hier aufgeworfenen Problematik ermöglicht das Team dennoch ein Happy End – voller Hoffnung, ein wenig naiv, aber zum Wohle unserer ohnehin schon so gequälten Seelen. Die größte Stärke der Arbeit des T P O, wie wir sie bei +Erba erleben durften, liegt in seiner Fähigkeit, eine Aufführung zu schaffen, die eine tiefgreifende Diskussion anregt und dabei in der Form dennoch ungezwungen wirkt.
Da wundert man sich doch ein wenig, dass die Rotondes ihre Saison mit dieser Vorstellung eröffnen, die zwar niedlich ist, aber deutlich weniger beeindruckend als die üblichen Programmpunkte. Und wenn wir hier „den Erbsenzähler spielen“, dann deshalb, weil wir dort an große Bühnenmomente gewöhnt sind. Und obwohl +Erba eine sehr interessante Grundsatzdebatte thematisiert, ist die szenische Umsetzung nicht besonders überraschend: Das Publikum sitzt im Winkel vor einer ebenfalls im Winkel angeordneten, dominanten Leinwand, unter der sich zwei Tänzerinnen und manchmal auch unsere Jugendlichen bewegen. Doch im Programmheft steht ganz klar, dass sich die Vorstellung an Kinder im Alter von vier bis acht Jahren richtet, und für diese Zielgruppe funktioniert sie perfekt. Die Kinder lachen, prusten vor Lachen, spielen, tanzen und bewegen sich – im wahrsten Sinne des Wortes – inmitten dieser immersiven Inszenierung. Denn tatsächlich geht es nicht darum, die Kinder vor Bildschirmen festzunageln – genau darum dreht sich die ganze Debatte –, und „+Erba“ trifft den Nagel auf den Kopf, indem es dem jungen Publikum ein sehr gelungenes Bilderbuch präsentiert, das aus stilisierten Zeichnungen und flächigen Texturen und Farben besteht. Es lebt. Es erweckt zum Leben.