Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Bühne 4 Min. Lesezeit

Küche und Nebengebäude

Theater

Erschienen in Ausgabe September 2022
Artikel teilen auf

Es ist allgemein bekannt: Die Küche ist der Mittelpunkt des Familienlebens. Hier finden Gespräche, vertrauliche Momente und Streitigkeiten statt. Wo sonst könnte man Teller zerbrechen? Wo sonst könnte man weinen und die Zwiebeln dafür verantwortlich machen? Wo sonst könnte man liebevoll die Erinnerungen heraufbeschwören, die der Duft von Kaffee in uns weckt? Natürlich spielt sich „Ensemble“, die Tragikomödie von Fabio Marra, die im Théâtre du Centaure unter der Regie von Marja-Leena Junker aufgeführt wird, in diesem Raum ab. Das Oxymoron „Tragikomödie“ ist zweifellos die beste Bezeichnung für dieses Stück, in dem man unaufhörlich zwischen schallendem Gelächter und Tränen der Rührung hin- und hergerissen wird. Der Autor bedient sich einer einfachen, wirkungsvollen Sprache ohne Effekthascherei und ohne Prahlerei, in der die Ironie zärtlich in den Szenen des Alltagslebens einer neapolitanischen Familie zum Vorschein kommt.

Die ganz normale Familie ist gar nicht so normal (aber wer kann schon behaupten, es zu sein?). Die Witwe Isabella Testa (Nicole Dogué) lebt bescheiden im siebten Stock eines Wohnhauses ohne Aufzug. Ihr Sohn Miquélé (oder Michele nach italienischer Schreibweise, doch der Text ist auf Französisch verfasst) wohnt bei ihr. Er (Mathieu Moro) ist „anders“, mit anderen Worten „nicht normal“ oder ein wenig einfältig, sagen wir mal, leicht geistig behindert. Trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten und trotz der Blicke der anderen liebt die Mutter ihren behinderten Sohn bedingungslos, findet Ausreden für ihn und lässt seine Launen durchgehen: „Miquélé hat weder Fieber noch Bronchitis, er ist nicht krank.“ Das Mutter-Sohn-Duo lebt also um jeden Preis zusammen, auch wenn er Salz und Zucker verwechselt, auch wenn er alles nachplappert, was man sagt, und auch wenn er nicht verstanden hat, dass der Vater nie wieder zurückkommen wird. Schon sehr früh zu Beginn des Stücks kündigt die jüngere Schwester Sandra (Delphine Sabat), die nach zehnjähriger Abwesenheit zurückkehrt, ihre Hochzeit an. Die gute Nachricht nimmt eine unerfreuliche Wendung, da sie sich weigert, diesen Bruder einzuladen, der ihr peinlich ist. Die Rückkehr der Tochter reißt bei allen Protagonisten schlecht verheilte Wunden wieder auf und weckt Familiengeheimnisse, die bisher unter den Teppich gekehrt wurden.

Mit Hilfe einer vierten Figur, einer verschmitzten und etwas frechen Erzieherin (Tiphanie Devezin), reihen sich die Ereignisse aneinander und werfen Fragen auf rund um Normalität, aufopfernde Liebe, Bindung, die Rolle der Familie angesichts persönlicher Bestrebungen sowie den Platz des Andersseins in der Gesellschaft. Das sind wesentliche Fragen, die sich jeder irgendwann im Leben stellt. Diese Universalität fesselt den Zuschauer ununterbrochen, denn der Autor hinterfragt unsere Fähigkeit, den anderen zu akzeptieren.

Das 2015 in Frankreich entstandene Stück „Ensemble“ feierte in Avignon und anschließend in Paris einen durchschlagenden Erfolg. Das Stück wurde in neun Sprachen übersetzt (darunter auch Koreanisch!) und vom Tschechen David Laňka für die Leinwand adaptiert (Spolu kommt dort diese Woche in die Kinos). Es ist nicht das erste Mal, dass Fabio Marra sich mit ernsten Themen auseinandersetzt. Die Alzheimer-Krankheit steht im Mittelpunkt von „Rappelle-toi“, die Suche nach Identität ist Thema in „Dans la chaussure d’un autre“. Er nähert sich diesen Themen stets aus der Perspektive charakterstarker Figuren, die ihre Gefühle offen zum Ausdruck bringen. Er erzählt ihre Geschichten mit einer gewissen Zärtlichkeit, die jedoch die Lebhaftigkeit nicht beeinträchtigt. Auch wenn er auf Französisch schreibt, vergisst der Schauspieler (er spielte bei der Uraufführung die Rolle des Miquélé) nicht die derbe Komik italienischer Komödien und weiß, ganz im Sinne Pirandellos, dass Ernsthaftigkeit das Lachen nicht ausschließt und umgekehrt.

Die Freude an der Aufführung am Montag lag nicht nur an der Qualität des Stücks, sondern auch an der Freude, den Saal des Théâtre du Centaure wiederzusehen. Diese Freude wurde durch die subtile Inszenierung von Marja-Leena Junker noch verstärkt, die es verstanden hat, das komische Potenzial zu erkennen, ohne es mit billigen Kunstgriffen unterstreichen zu müssen. Sie ermöglicht es den Schauspielern zudem, bewegenden Momenten freien Lauf zu lassen. Alle auf ihrem Platz, treffend und charmant, bewegen sich die vier Schauspieler und Schauspielerinnen in einer ebenso skurrilen wie wirkungsvollen Bühnenbildgestaltung von Anouk Schiltz.

Das Stück von Fabio Marra ist am 30. September sowie am 1., 6., 7., 8., 9., 11., 12. und 13. Oktober im Théâtre du Centaure zu sehen