Das Théâtre Ouvert Luxembourg eröffnet seine Spielzeit mit „La ville ouverte“ (2018) von Samuel Gallet, einem dichten und kraftvollen Stück des französischen Schriftstellers, Dramatikers und Regisseurs, der sich mit globalen Problemen auseinandersetzt und daraus einen Text mit vielfältigen Anklängen schafft. Das Stück, das von Aude-Laurence Biver mit einem großartigen Schauspielerinnen-Trio gekonnt inszeniert wurde, ist eine Koproduktion des TOL, der Compagnie du Grand Boube und des Escher Theaters, das es in der nächsten Spielzeit aufführen wird. Vorerst ist es noch am 31. Oktober zu sehen.
„La ville ouverte“ deckt ein breites Spektrum ab, beleuchtet aktuelle und gesellschaftliche Themen und thematisiert „das Volk, das untergeht“, die Umwälzungen in der Welt, die großen Notlagen, Kriege, Flüchtlingskrisen und Klimakatastrophen an und hinterfragt dabei die Themen Aufnahme und Solidarität. Dabei geht es um politische Fragen, aber auch um alltägliche oder intime Themen, um soziale Beziehungen und Geschlechterverhältnisse, um feministische Revolten sowie um die Kämpfe von heute und gestern gegen Gewalt und Missbrauch – für eine menschlichere Welt. Samuel Gallets Schreibstil ist reich an tausendundeiner Verzweigung, fundiert und poetisch. Der Autor webt auf subtile Weise Verbindungen zwischen Epochen, Genres und Stilrichtungen (nicht ohne Humor), zwischen realer und imaginärer Welt, zwischen Intrigen, Mythen und Dystopien.
Westeuropa. Drei Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft und unterschiedlichen Alters. Drei Frauen, die am Ende ihrer Kräfte sind und sich bedroht fühlen: die junge Erine (Juliette Allain), die ihre Zeit nicht versteht, Andréa (Catherine Marques), die von der Arbeit erschöpft und der „Arschlöcher“ überdrüssig ist, und Suzanne (Bach Lan Lê-Bà Thi), die nicht mehr die sein will, die sie sein muss. Jede von ihnen flieht vor der Realität und zieht sich in den Schlaf und in denselben Traum zurück. Dort sind sie Kämpferinnen, lassen ihrer Rebellion, ihrem Durst nach Rache und Gerechtigkeit freien Lauf und planen den Mord an dem grausamen Tyrannen von Syrakus, der in seinem Schloss isoliert ist, um der Tragödie ein Ende zu setzen, die über sie, über die Frauen, über all jene Verurteilten des sogenannten Lagers „offene Stadt“ hereinbricht!
In dieser traumhaften Welt, in der Zeit und Raum anders verlaufen, werden die drei Frauen zusammenleben, sich verbünden und gemeinsam gegen den Tyrannen Denys den Älteren, einen Anhänger sexueller Orgien, kämpfen. Doch auch wenn ihr Plan bis ins Detail ausgearbeitet ist, haben sie dabei das Eingreifen von Damokles nicht einkalkuliert! Von der Neuinterpretation der Mythen bis hin zu den Mythologien des Alltags, von antiken Schlachten bis hin zu modernen Kriegen, von den Gefangenen von gestern bis hin zu den Entwurzelten von heute, geht es um Geopolitik, Weltkarten und verbotene Länder, wobei die Existenz eines „unschuldigen Landes“ (Titel des neuen Stücks von Samuel Gallet, das kürzlich an der Scène nationale du Mans mit seinem Kollektiv Eskandar uraufgeführt wurde) hinterfragt wird.
Die Inszenierung von Aude-Laurence Biver verleiht „La ville ouverte“ eine schöne Perspektive. Was die Besetzung angeht, ist das Wagnis gelungen: Drei Schauspielerinnen schlüpfen überzeugend und ausdrucksstark in mehrere Rollen, auch wenn man einige überflüssige körperliche und verbale Übertreibungen bedauert. Die Schauspielleitung funktioniert sowohl in den Einzelszenen als auch bei den gemeinsamen Bewegungen gut (das Trio fungiert auch als Chor). Das Stück greift zwar historische Ereignisse auf, setzt diese aber auch in eine Metaebene um und thematisiert das Theater selbst – etwa bei der Vorbereitung von „ la jeune fille aux cheveux filasse “ als Mörderin oder bei den Proben zur Mordszene, die wie echte Proben wirken…
Die subtile Bühnenbildgestaltung von Marco Godinho unterstützt die Inszenierung und stützt sich auf wenige Requisiten, um vielfältige Kulissen entstehen zu lassen. Im Verlauf der Sequenzen werden drei Matratzen, die ebenso verbinden wie trennen, abwechselnd zum Bett, zum Zelt, zum Boot, zum Felsen, zur Mauer, zum Deich… Ein System aus nachtblauen Vorhängen (zwischen Himmel und Meer), das die Bühne umgibt, öffnet oder schließt den Raum und vervielfacht die Zugänge. Die Musik von Benjamin Zana und die Lichtgestaltung von Manu Nourdin sowie die Kostüme von Carmen Di Pinto verleihen dieser Welt zwischen Traum und Wirklichkeit ebenfalls Tiefe, die eindringliche mentale Bilder hervorbringt, wie treibende Boote auf dem Meer oder marschierende Menschenmengen…
„La ville ouverte“ von Samuel Gallet und Aude-Laurence Biver ist ein überraschendes, vielschichtiges Stück, das universelle Themen anspricht und zum Nachdenken anregt.