Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Bühne 4 Min. Lesezeit

In unbekannten Gefilden

Der tanzende Körper bei Léa Tirabasso ist stets „nur“ Fiktion, und mehr denn je in „In The Bushes“ ist er Absurdität im Sinne von „der Vernunft widersprechend“. Ihre sechs Darsteller*innen sind alle wie von Sinnen. Das…

Erschienen in Ausgabe November 2024
Artikel teilen auf

Der tanzende Körper bei Léa Tirabasso ist stets „nur“ Fiktion, und mehr denn je in „In The Bushes“ ist er Absurdität im Sinne von „der Vernunft widersprechend“. Ihre sechs Darsteller*innen sind alle wie von Sinnen. Das lässt sich jedenfalls aus der Perspektive einer Welt vorstellen, die sich so dreht, wie wir glauben, dass sie sich dreht. „In The Bushes“ zeigt diesen genialen Wahnsinn, der aus dem Absurden entspringt – jenen, den wir auf der Bühne lieben, weil er uns zum Lachen bringt und vor allem ein zentrales Anliegen wieder in den Mittelpunkt rückt: die Hinterfragung unserer Welt, so wie sie ist.

Der Tanz treibt zur Verwandlung an. In ihrem ständigen Kampf gegen die Schwerkraft, zwischen Boden und Himmel, gehören die Tänzer und Tänzerinnen nicht mehr zu unserer Welt. Mit ihrer Lebenskraft trotzen sie dieser Welt, die in ihren roten Augen viel zu trist erscheint. Und zwangsläufig verwandeln sie sich in andere Körper, handeln irrational, das heißt, sie wagen das Unmögliche. Bei Tirabasso wird in ihrem urkomischen Stück „In the bushes“ dieses Irrationale zum Rationalen. In dieser neuen Kreation der französisch-luxemburgischen Choreografin wird die Bühne zu einer anderen Welt, in der das bekannte planetarische Tierreich durch menschliche Körper neu interpretiert wird. Sie regt eine Neubewertung unseres Status als „Gipfel der Evolution“ an, wobei sie sich auf das Buch „The Accidental Species“ des Paläontologen Henry Gee stützt. So entfaltet sich das Programm und offenbart in mehreren Bildern, Soli und Sketchen, von denen einer verrückter ist als der andere, eine extravagante Menschheit, die – aus einem anderen Blickwinkel betrachtet – verletzlicher ist, als es in diesem Dschungel aus brennenden Büschen, in dem wir leben, den Anschein hat.

Als Preisträgerin des Danzpräis 2023 hat sich Léa Tirabasso mit symbolträchtigen Stücken einen Namen gemacht – Choreografien, die aus dem Innersten ihrer voll und ganz engagierten Darsteller schöpfen und den Tanz in einer Spannung und Atemlosigkeit zum Erblühen bringen, die den Zuschauer in ihren Bann ziehen. So ist der Konflikt in „In the Bushes“ nicht nur der, den der Tänzer oder die Tänzerin angesichts der Schwerkraft erlebt, sondern vor allem der, zu zeigen, dass darin nichts Besonderes liegt. Daraus entspringen das Absurde, die Ironie und die Energie des Stücks. Daraus entsteht auch eine andere Welt, denn anstatt eins mit der Welt zu werden, tauchen die Tänzerinnen und Tänzer von Tirabasso in eine fiktive Welt ein, die aus Körpern und Bewegungen besteht, die ihre Eigenheiten haben und andere Identitäten formen. Unter diesem transformativen „Effekt“ werden sie wahnsinnig, verwandeln sich, sind manchmal völlig aus den Fugen geraten und meist von einer beispiellosen Bestialität beseelt, die ständig danach strebt, sich zu paaren, zu berühren, zu riechen, zu lachen, zu leben…

Diese zeitgenössischen Satyrn und Mänaden lassen sich im Studio des Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg nieder und erobern die Bühne im Handumdrehen, um den Zuschauern ein breites Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Jeder zeichnet sich durch eine unverblümte Körperlichkeit aus, die sich dank einer permanenten Spielsituation entwickelt und organische Bewegungen mit karikaturistischen Gesten verbindet. Zunächst bleibt man ernst, doch schon bald erobert der Wahnsinn auf der Bühne den Saal. Der Schwindel zwischen Fiktion und Realität nimmt den Weg der Dekonstruktion der Körper, und bei diesem großen Fest, bei dem man meinen könnte, die Darsteller stünden unter Drogen, gibt es keine Regeln mehr – alles ist möglich. Diese tanzenden Körper gehorchen nur einer Regel: Sie dürfen nichts Identifizierbares sein, sind dabei jedoch ausgesprochen anziehend. Wir werden Zeugen einer Art spirituellen Rituals, eines jener Rituale, die eine Reise ins eigene Innere versprechen, um sich selbst besser zu verstehen und somit besser mit unserer Realität umgehen zu können. Und Tirabassos Partitur lässt sich in diesem Sinne lesen: „In the bushes“ zeigt eine Nicht-Realität, um das Gegenteil anzuprangern.

Die Realität zu beherrschen, indem man sie unwirklich macht – das ist sozusagen das Versprechen von Léa Tirabasso mit „In the bushes“, einem Stück, mit dem sie uns regelrecht in die Büsche schleudert, als wolle sie uns daran erinnern, dass sich ein Choreograf nicht auf die Möglichkeiten des Körpers beschränken muss, sondern imaginäre Welten erkunden kann, in denen Empfindungen und Rhythmen eine andere Form annehmen. Damit offenbart sie einen organischen und poetischen zeitgenössischen Tanz, der sich bis ins Unbekannte hinein öffnet. Mit Humor und Fantasie erlaubt sich die Choreografin, begleitet von sechs hervorragenden Tänzern und Tänzerinnen – Catarina Barbosa, Georges Maikel Pires Monteiro, Karl Fagerlund Brekke, Laura Lorenzi, Mayowa Ogunnaike, Stefania Pinat –, das Unwahrscheinliche und all das wird so unterhaltsam, dass die Katharsis ganz natürlich eintritt. Letztendlich verlässt man „In the bushes“ mit einer beispiellosen Kühnheit, um sich dieser Welt von trauriger Normalität zu stellen.