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Bühne 4 Min. Lesezeit

Im Land von Fabula Rasa

Das Festival „Fabula Rasa“ in den Rotondes verzaubert mit seinen vielfältigen Geschichten, die sowohl an den Ausstellungswänden als auch im Theatersaal und in den Kreativ-Workshops zum Ausdruck kommen

Erschienen in Ausgabe Februar 2022
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Gleich am Eingang bleibt der Besucher vor einem großen Tisch mit einer Fülle von Büchern stehen – zwischen Tradition und Moderne –, die er betrachten, anfassen und durchblättern kann… Im weiteren Verlauf des Rundgangs ergänzen weitere Bücher diese Sammlung – allesamt thematische Minibibliotheken, die einen Bezug zu den ausgestellten Künstlerprojekten herstellen. Perlen der Kinder- und Jugendliteratur, entdeckt in der Ausstellung AB / Augmented Books 3.0, die in dieser dritten und leider letzten Ausgabe 250 Bücher vereint. In diesem Jahr präsentierten sich neun von ihnen in intimen Räumen, begleitet von einer Installation, darunter „Animaux en transparence“ von Jérémie Fischer, die dank Zeichnung und Video an der Bilderschiene zum Leben erweckt werden, oder das geheimnisvolle „D’Sandmeedchen“ in Augmented Reality, von den einheimischen Nachwuchskünstlern Yorick Schmit und Dirk Kesseler, das ebenso wie das poetische „Acqua Alta: La traversée du miroir“ über ein Tablet zum Leben erweckt wird.

In der Bibliothek der Rotondes findet man Bücher in allen Formen, Größen und Farben. Objektbücher, bunte Misch- und Pop-up-Bücher wie „Il était 343 fois“, die den Leser in die Figuren eintauchen und in die Erzählung hineinführen lassen, sowie Spielbücher wie „Papier Machine“ mit seinem erstaunlichen kleinen Klavier. Aktuelle Bücher, von denen einige zum ersten Mal ausgestellt werden, wie der blumige Strauß „Bloom“ von Julie Safirstein, das grafisch ansprechende und duftende „Herbier“ von Fanette Mellier, das auch durch seine überlagerten Reisen „Dans la lune“ verzaubert, oder die imaginäre Stadt „Utopop“ mit ihrer unerwarteten Architektur von Marion Bataille und Fanny Millard. Von einer Reise ins All zu einem Ausflug auf den Fuji ist es nur ein kleiner Schritt mit Yusuke Oono und seinen beeindruckenden 360°-Büchern mit Ausschnitten, die voller Finesse und Schönheit sind und sich auch in „ farbige Laternen “ verwandeln und dazu einladen, andere Landschaften zu erkunden und in kleine Alltagsszenen einzutauchen.

Die Zeit vergeht…

Der Alltag mit seinen Freuden und Sorgen, seinen Nöten und Sehnsüchten steht im Mittelpunkt des bewegenden Stücks „Solitudes“ (2016) des Kulunka Teatro, einer spanischen Theatergruppe, die 2010 in Hernani von der Schauspielerin Garbiñe Insausti (Maskenbildnerin) und dem Schauspieler José Dault gegründet wurde. Zu dritt, zusammen mit Edu Cárcamo, verkörpern sie treffend und tiefgründig etwa zehn sehr charakteristische Figuren. Ohne Worte, aber reich an tausendundeinem Klang und Bild, erzählt „Solitudes“ treffend, emotional und humorvoll von dieser zugleich körperlichen und geistigen, unermesslichen und oft verborgenen Einsamkeit des Alters, die eng mit dem Verlust des anderen, mit Kommunikationslosigkeit, Gleichgültigkeit oder Vernachlässigung durch die Angehörigen verbunden ist. Es geht zwar um intime und private Einsamkeit, um familiäre und generationsübergreifende Beziehungen, doch hier geht es auch um soziale und öffentliche Einsamkeiten, jene anderen unendlichen Einsamkeiten, die durch Unverständnis, Diskriminierung, Ausgrenzung oder Gewalt hervorgerufen werden, insbesondere jene auf der Straße, wo sich wohlwollende oder böswillige Menschen, Jung und Alt, Prostituierte, Drogenabhängige und Mafiosi begegnen, ohne einander wirklich wahrzunehmen.

Vom Beginn bis zum Ende der Aufführung bleibt das Bühnenbild unverändert, doch dank Lichtspiele, Musik und Geräuschen entstehen andere, symbolische Orte. So wechselt man vom Innenraum ins Freie, als würde man ein Fenster öffnen: Die Küste wird durch eine blaue Leinwand, ein Geländer und Möwenschreie angedeutet, die Straße durch eine Backsteinmauer, eine Straßenlaterne und Hundegebell… Zu Beginn der Vorstellung sitzt ein alter Mann in einem altmodischen Zimmer, in dem sich eine immer bedrückender werdende Fliege eingenistet hat und in dem einige typische Gegenstände thronen, wie jene Uhr, die den Tagesablauf bestimmt: Mahlzeiten, Medikamente, Fernsehen, aber glücklicherweise auch – dank der Erinnerung – lebhafte und ausgelassene Kartenspiele, die der Großvater mit der Großmutter teilte … bis zu ihrem unerwarteten Tod. Der alte Mann bleibt allein zurück, mit den flüchtigen Besuchen eines Sohnes und einer kleinen Enkelin, die ihm nicht zuhören und unfähig sind, seine doch so einfachen Erwartungen zu erfüllen. Das Unverständnis macht sich unaufhaltsam breit, der Großvater lebt nur noch in seinen Tagträumen, zieht sich in sich selbst zurück und bricht schließlich den Kontakt ab…

Mit sehr ausdrucksstarken Masken und einer präzisen, charakteristischen Gestik vermitteln uns die drei Schauspieler den Eindruck, als würden die Figuren ihre Geschichten selbst erzählen. Die Emotionen folgen dicht aufeinander, man wechselt von Ernst zu Leichtigkeit, von Traurigkeit zu Lachen, von Wut zu Zärtlichkeit – durch harte, nostalgische oder komische Szenen. Wunderschöne und ergreifende Bilder entstehen in diesem Stück „Solitudes“, das wichtige gesellschaftliche Fragen direkt angeht und mit einfühlsamen und poetischen Akzenten das Universelle berührt.