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Bühne 4 Min. Lesezeit

Geschichte der Gewalt

Theater

Erschienen in Ausgabe Mai 2023
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„À la carabine“, ein eindringliches Stück von Pauline Peyrade in einer treffenden Inszenierung von Fábio Godinho, steht auch an diesem Wochenende noch auf dem Spielplan des Théâtre du Centaure. In diesem radikalen Stück geht es um das Verhältnis von Frauen zur Gewalt – eine Thematik, die sich durch das gesamte Werk der jungen französischen Autorin, Romanautorin, Dramatikerin und Regisseurin zieht.

Dieser Text ist in erster Linie die Geschichte eines Auftragswerks von La Colline, dem Nationaltheater Straßburg und der Comédie de Reims. Ein Stück, das für Jugendliche geschrieben und 2019 an Gymnasien uraufgeführt wurde, bevor es bei Les Solitaires Intempestifs (2020) veröffentlicht wurde. Ausgezeichnet mit dem Grand Prix de littérature dramatique 2021 und dem Prix Godot 2022, thematisiert À la carabine auf direkte Weise Vergewaltigung, ihre verheerenden Folgen und das Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Der Text ist gewalttätig, schonungslos, radikal… Er bedient sich zudem der Sprache der Jugendlichen. Dieses Werk basiert auf einer wahren Begebenheit, nämlich der Geschichte eines 11-jährigen Mädchens, das von einem jungen Mann sexuell missbraucht wurde, der vom Gericht jedoch nicht wegen Vergewaltigung, sondern wegen Verführung einer Minderjährigen verurteilt wurde, da das Mädchen als einwilligend eingestuft worden war! Eine doppelte Gewalt also und eine schreckliche Ungerechtigkeit für dieses junge Mädchen, dessen Geschichte Pauline Peyrade durch ihr dramatisches Werk zum Ausdruck bringen wollte.

In diesem kurzen Stück (weniger als eine Stunde) entfalten sich zwei Geschichten: Die eine spielt sich kurz vor der Vergewaltigung ab, die andere lange danach. Auf einem Jahrmarkt, an einem Schießstand, zielt ein junges Mädchen auf den Hauptpreis, einen großen Delfin. Da taucht ein Freund ihres Bruders auf, der auf Anraten der Mutter von weit her gekommen ist, um „die Kleine“ im Auge zu behalten. Sehr schnell wird seine Anwesenheit zur Belastung. Nach und nach entfalten sich die Szenen, und die Spannung steigt bis zum Schrecklichen.

Abwechselnd spielt sich vor unseren Augen als Zuschauer und Zeugen eine andere Geschichte ab: Jahre später bereitet das verzweifelte Mädchen, mittlerweile eine junge Frau, ihre Rache vor – für sie der einzig mögliche Ausweg. Auch hier nähern wir uns Schritt für Schritt der fatalen Tat – einer Wendung der Situation („Lutsch, du Arschloch“, sagt sie, während sie ihm die Waffe in den Mund rammt) –, indem wir ihr beim Training zusehen: Sie rennt, sie boxt, sie legt das Gewehr an die Schulter, sie spannt den Hahn, alles folgt methodisch aufeinander.

„Der Text wurde für zwei Schauspielerinnen geschrieben, ‚weil es darum geht, sich diese gewalttätige Erzählung wieder anzueignen und vor allem das Verhältnis von Frauen zur Gewalt zu hinterfragen‘“, sagt die Autorin, so hat sich Fábio Godinho am Centaure dafür entschieden, eine junge Frau und einen jungen Mann (zwei sehr junge Schauspieler) zu inszenieren und ihnen den nötigen Spielraum für ihr Schauspiel und den Aufbau der dramatischen Spannung gelassen. Amal Chtati, die ganz und gar in ihrer Rolle aufgeht – von den charakteristischen Gesten der Jugendlichen bis hin zur Wut der jungen Frau – und Simon Horváth, der in einem nuancierteren Spiel einen zwiespältigen und verwirrten jungen Mann verkörpert, streifen sich, prallen aufeinander, stoßen zusammen.

Von einer Überschneidung ist auch beim Übergang von einer Geschichte zur anderen, von einer Zeit zur anderen die Rede – ein Übergang, der in Form eines Bruchs mit einigen starken akustischen und visuellen Elementen erfolgt, wie etwa den trockenen Geräuschen beim Spannen des Gewehrs und den abrupten Lichtwechseln. Und obwohl man sich auf dem Jahrmarkt befindet, dringt kein typischer Jahrmarktklang herüber, als wäre der Ort plötzlich isoliert und ließe eine ganz andere, viel bedrohlichere Musik erklingen. Die Musik (insbesondere Elektro) und die Geräusche in „À la carabine“ der jungen Komponistin Nigji Sanges unterstreichen die Erzählung.

Die schlichte Bühnenbildgestaltung von Marco Godinho lässt eine unwirkliche Atmosphäre voller beunruhigender Fremdartigkeit entstehen. Die Bühne wird von einem eigentümlichen „Ballettkorps“ eingenommen, das aus mit Helium gefüllten Ballons besteht, die zu schweben scheinen und sich in einem prekären Gleichgewicht befinden (überall auf dem Boden liegen Trümmer dieser vom Bühnenbildner gewollten „Zeitbomben“). Mal erscheinen sie silbern, mal golden, mal violett, wenn sie nicht gerade in der umgebenden Dunkelheit verschwinden. Die kontrastreiche und ausdrucksstarke Beleuchtung von Antoine Colla lässt die Figuren in all ihren Emotionen erstrahlen.

„À la carabine“ von Peyrade/Godinho – ein Stück voller Dringlichkeit, das fesselt und zum Nachdenken anregt.

Es gibt noch weitere Vorstellungen: am 12. und 13. Mai um 20 Uhr sowie am 14. Mai um 18:30 Uhr im Théâtre du Centaure