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Bühne 5 Min. Lesezeit

Genau richtig unvollkommen

Tanz

Erschienen in Ausgabe März 2022
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Es wurde schon oft gesagt: Georges Maikel Pires Monteiro ist ein Künstler, den man in der luxemburgischen Choreografieszene im Auge behalten sollte. Mit seiner neuen Choreografie „My Cat is a Unicorn“ hat er nun den Status eines Nachwuchskünstlers hinter sich gelassen und spielt nun in der Liga der Großen mit. Und obwohl sich in seinem ersten großen Bühnenprojekt noch einige Schwachstellen zeigen, erkennen wir darin einen neuen, sehr überzeugenden Schritt hin zu einer künstlerischen Reife, die nun offensichtlich ist.

Er absolvierte seine Ausbildung am Konservatorium der Stadt Luxemburg und nahm anschließend am Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramm SEEDs der Compagnie CobosMika teil. hat Georges Maikel Pires Monteiro in den letzten fünf Jahren mit einer Vielzahl lokaler Künstler aus den Bereichen Tanz, Theater, bildende Kunst, aber auch Musik zusammengearbeitet. Seine Verankerung im Herzen einer lebendigen und produktiven großherzoglichen Kunstszene verleiht ihm großes Selbstvertrauen bei der Umsetzung seiner eigenen kreativen Projekte. In diesem Zusammenhang schuf er 2016 in enger Zusammenarbeit mit Piera Jovic im Rahmen des Programms „Émergences“ des TROIS C-L sein erstes choreografisches Stück „fest“. Anschließend blickte er auf seinen Werdegang und die Nöte des Künstlerdaseins zurück und inszenierte 2018 „!MAKi?! ins Leben, ein erstaunliches interdisziplinäres Projekt, das schließlich bei Kritikern und Publikum großen Anklang fand und 2020 den Preis „Dance From Home video“ für sein geniales Tanzvideo „It Gets Better“ gewann.

Für „My Cat is a Unicorn“ trifft Maikel wieder auf seine lieben Freundinnen, die luxemburgischen Tänzerinnen Piera Jovic (auf der Bühne) und Ileana Orofino (als Assistentin), mit denen alles begann. Zu seiner Besetzung gesellen sich die außergewöhnlichen Tänzerinnen Jin Lee – Absolventin der SEAD Salzburg Experimental Academy of Dance –, Laura Guy – Tänzerin am Tanztheater Katja Erdmann-Rajski – und Shynna Kalis – Auszubildende am Ballet National de Marseille. Hinter den Kulissen sorgt Damiano Picci – bekannt unter dem Pseudonym „ mudaze “ – für die bemerkenswerte musikalische Untermalung verantwortlich, während Marc Thein und Nina Schaeffer den Darstellerinnen einen Lichtrahmen bieten, der sie in Bühnenlicht taucht, das sich streng an die allgemeine Erzählung hält. Gemeinsam stellt sich jede Individualität in den Dienst eines geformten Kollektivs, durch das sich alles auf göttliche Weise in dieses große, spektakuläre Ganze einfügt, das „My Cat is a Unicorn“ ausmacht.

So steht am Eingang das Tänzerinnenquartett bereits bereit – wie Wachsfiguren, die darauf warten, dass die Lichter im Saal erlöschen, um die ersten choreografischen Passagen von Maikel einzuleiten. Es wird dunkel, und im bläulichen Halbdunkel sehen wir sie sich wie Raupen – kurz vor ihrem Schmetterlingsdasein – hin und her wiegen, den Körper zu den Vorhängen erhoben. Der Auftakt ist lang, sanft und gemächlich; eine Zeit, die darauf verwendet wird, einer Szene, die zu einem fremden Terrain geworden ist, einen Hauch von Dramatik zu verleihen. Dort, in diesem ersten Akt von „My Cat is a Unicorn“, ist alles beunruhigend, künstlich, wie im Programmheft beschrieben: „In einer immer wettbewerbsorientierteren Welt sind vier Tänzerinnen zu allem bereit, um das zu erreichen, was sie für Perfektion halten.“ Und so wird das Sprichwort auf der ersten Ebene zum Theaterstück – für einen ersten Teil, der letztlich ohne große Ambitionen auskommt.

Doch schon bald legt man diese kleinen Verwirrungen hinter sich, wenn sich im zweiten Teil das Geniale durchzusetzen beginnt. Als Übergang nutzt Maikel einen wunderschönen Moment des Kostümwechsels, den man bedauerlicherweise nur als Übergang von einem szenischen Zustand zum anderen wahrnimmt und nicht als ästhetisches und dramaturgisches Mittel, das den Zuschauern angeboten wird, da er zu weit von uns entfernt ist, weit hinten im Halbdunkel. Wie dem auch sei: Nach der Verwandlung der schwarzen, neutralen und inhaltslosen Kleidung schlüpfen die vier Frauen nun in Farbe – in bunte, zusammengewürfelte Kleider, Hosen und Blusen. Dieser Ansatz tut gut, so sehr der erste Teil durch seine Nüchternheit bedrückend gewirkt hat. Plötzlich scheinen die Darstellerinnen mit sich selbst, untereinander oder mit uns zu sprechen. Die narrative Achse bricht auf und findet eine Ebene dramatischer Interpretation, die diesen Teil aus dem rein choreografischen Rahmen heraushebt. Die vier Tänzerinnen tanzen nicht mehr wirklich, sie beschreiben durch Bewegung, mimen, spielen. Und hier integriert Maikel eine grundlegende Frage der Sprache in den Tanz: Sie entspringt ursprünglich dem Körper, dringt dort fast in den Mund seiner Darstellerinnen ein, um sie zum „Sprechen“ zu bringen.

Schließlich, im dritten und letzten Teil, ändern sich einige Kostüme, die Beleuchtung unterstreicht die choreografischen Entscheidungen, und aus dem Augenwinkel betrachtet zeigt die Stange, die von Beginn an in einer abfallenden Diagonale den Luftraum der Bühne einnimmt, eine deutlichere dramaturgische Funktion. Nun bewegt sich alles in alle Richtungen vor dem Hintergrund eines ungestümen Cellos. Die Darsteller nehmen die Bühne in einem deutlich freieren Rahmen in Besitz. Der Bruch zum Rest des Stücks ist deutlich spürbar. Und dann, in einem mitreißenden Finale, nimmt die Entwicklung hin zu dieser Zerstörung der Perfektion Gestalt an – und das geschieht, wie es der Zufall so will, in vollendeter Perfektion. Als Symbol für die Unmöglichkeit, das – wahre – Chaos auf der Bühne zu begründen, erfüllt „My Cat is a Unicorn“ – indem es die Suche nach dem „Perfekten“ zum Leitmotiv macht – seine Checkliste auf wunderbare Weise.