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Bühne 4 Min. Lesezeit

Gerüchte und Fakten

Beim Festival „It Takes a City“ in Brüssel präsentiert Nikima Jagudajev „Basically“. Im Mudam stellt Ivan Cheng sein Projekt „Casemates“ vor. Diese beiden Werke setzen sich mit institutioneller Starrheit auseinander.

Erschienen in Ausgabe März 2026
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Eine Performerin wirft dem Publikum einen Kuss zu und streicht sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Diese immer wiederkehrende Geste untermalt das bewegte Gedicht der Performance „Basically“ von Nikima Jagudajev beim Kunstfestival „ It Takes a City “ in Brüssel.

„Basically a“ wurde bereits im Mumok in Wien und in der Shedhalle in Zürich präsentiert. Bei dieser fünfstündigen Aufführung verwandelt Nikima Jagudajevs Performance die Bühne in Schulflure. Gruppen von Performer*innen bilden sich und lösen sich wieder auf, schlendern umher und werden vor mit Kritzeleien übersäten Spinden aktiv. Im Laufe der Stunden entwickeln sich die Flure zu einem Ort des Austauschs: Musikgruppen entstehen, ein DJ legt auf, und raue Akkorde von E-Gitarren hallen wider.

Der Künstler bezeichnet diese Aktionen als „Reschooling“. Sie rekonstruieren und eignen sich jene subversiven Momente außerhalb der Schule wieder an, die eine Antwort auf die Starrheit der Institutionen darstellen. Es geht darum, den heimlichen Austausch von kleinen Notizen, das Geplauder in den Pausen, die Kritzeleien am Rand der Hefte und das Entstehen vorübergehender Verbundenheit innerhalb auferlegter Strukturen wieder zum Leben zu erwecken.

Der Titel „Basically“ verkörpert diesen Randbereich: Es ist ein Füllwort, aber auch das Schlüsselwort des Geschwätzes. Er erinnert an die Tabus und das Getuschel in den Klassen und verwandelt sie in Werkzeuge der Revolte. Wie Nikima Jagudajev in einem Interview feststellt, geht es darum, „sich zu versammeln, um unsere Perversionen zu pflegen und zu teilen, um Dissens zu üben –&nicht unbedingt, indem man über politische und soziale Schrecken diskutiert (auch wenn nichts dagegen spricht) – sondern indem man eine Praxis verkörpert, die eine Aufhebung ankündigt und die Spannung, die sie erzeugt, in vollen Zügen genießt“.

„Aufhebung“ ist ein Hegelscher Begriff, der im Französischen oft mit „dépassement“ übersetzt wird. Er bezeichnet einen dialektischen Prozess der Negation und Bewahrung: eine Struktur zu überwinden und gleichzeitig eine Spur ihrer Vergangenheit zu bewahren. Hegel erklärt dies in „Die Wissenschaft der Logik“: „Aufheben hat in der Sprache den doppelten Sinn, dass es so viel wie aufbewahren, erhalten bedeutet, und zugleich so viel wie aufhören lassen, ein Ende machen, vernichten.“

In der Performance manifestiert sich die Aufhebung durch die Auflösung starrer institutioneller Formen und die Erfindung neuer zwischenmenschlicher Beziehungen. Im Verlauf der Performance löst sich die Unterscheidung zwischen Publikum und Darstellern auf. Eine Künstlerin kommt auf mich zu und reicht mir ein Kartenspiel, das eigens für das Stück entworfen wurde. Ich ziehe eine heraus: „SOCKS OFF“, in Fettdruck und Großbuchstaben vor dem Hintergrund eines Fotos einer Mokka-Kanne. Ich gebe sie an eine andere Künstlerin weiter, die ihre Socken auszieht.

Ist die Präsentation von Performances also das Mittel, um die Institution Museum „aufzuheben“?

Außerdem habe ich letzten Samstag im Mudam „The Fountain“ gesehen, die Eröffnungsperformance des Projekts „Casemates“ von Ivan Cheng (bis zum 17. Mai). Dieses Projekt verbindet eine interaktive Installation mit Performances, die sich mit der Nutzung personenbezogener Daten (Fotos, Chats, Sprachnotizen, Dateien) auseinandersetzen. Der Titel bezieht sich direkt auf die „Casemates“, die kleinen, bombensicheren Räume in Festungsanlagen. Ivan Cheng dehnt diese Metapher auf die digitale Welt aus: Unsere Archive werden zu digitalen Kasematten, in denen personenbezogene Daten als Grundlage für die Einrichtung eines Überwachungs- und Kontrollsystems dienen, das sich gegen uns selbst wenden kann.

Mit Tänzen, Gesang und Filmen hinterfragt „The Fountain“ den Einfluss der Technologie auf das Gedächtnis: Ivan Cheng und zwei Performende tanzen, interpretieren bewegende Popsongs und halten Monologe, in denen sie das Verhalten am Arbeitsplatz sowie die Hierarchien innerhalb von Institutionen hinterfragen und untersuchen, wie diese kollektive Energien auffangen und nutzen. Diese Darbietungen werden live gefilmt und auf Bildschirme projiziert, wodurch eine Interaktion zwischen den Bewegungen der Künstler*innen und ihren vergrößerten Abbildern entsteht. Dieser Ansatz – wie das „Reschooling“ von Nikima Jagudajev – untergräbt das System von innen heraus. Er macht Autoritätsstrukturen sichtbar und manipulierbar und macht den Zuschauer zum Komplizen des Widerstands.