Seit seiner Veröffentlichung im Juli 2016 hat das Spiel „Pokémon Go“ Dutzende Millionen Nutzer begeistert. Es bleibt unangefochten an der Spitze in der Kategorie der standortbasierten Augmented-Reality-Spiele. Als Anne Simon ihr Projekt „Opera Go“ nannte, war der Bezug offensichtlich. Die teilnehmenden Zuschauer wissen schon im Voraus, dass sie mit der Nase auf ihrem Smartphone spazieren gehen und etwas sammeln werden.
Und genau das wird hier angeboten: „Opera Go“ ist eine virtuelle Schnitzeljagd, die das Publikum durch die Luxemburger Altstadt führt, um dank Augmented Reality auf spielerische Weise die Vielfalt der Oper zu entdecken. Es beginnt mit ganz realer Realität – aber ist das Theater das jemals? – im Obergeschoss der Bar „De Gudde Wëllen“. Falstaff (Jean Bermes), Shakespeares Lebemann, feiert die Kreativität und die Künste – mit reichlich Alkohol. Er singt aus vollem Herzen Arien, die von Ambroise Thomas’ „Ein Sommernachtstraum“ inspiriert sind und mit luxemburgischen Volksliedern vermischt werden (die die Älteren im Publikum im Chor mitsingen). Das Akkordeon von Nataša Grujović begleitet ihn fröhlich. Die vierte Wand wird ständig durchbrochen, indem die Zuschauer (große und kleine) direkt angesprochen werden. Es ist fröhlich chaotisch, ganz unkompliziert, aber mit der nötigen stimmlichen Sorgfalt, um nicht in Amateurhaftigkeit zu verfallen.
Als Marie-Christiane Nishimwe, ganz in Pailletten gekleidet, in der Rolle der Königin der Nacht (aus Mozarts „Zauberflöte“) erscheint, ist die Party vorbei. Sie ist schockiert, als sie feststellt, dass ihre geliebten Opern buchstäblich aus dem Fenster geflogen sind. Sie hofft auf die Großzügigkeit des Publikums, das ihr ihre geliebten Arien zurückbringt. Die Handlung ist zwar dünn, aber man lässt sich leicht darauf ein, zumal sich ziemlich viele Kinder im Publikum befinden.
Handy und App in der Hand, Kopfhörer auf den Ohren – die Tour beginnt. Zwischen den einzelnen Stationen erzählt Anne Simon von der Entstehung und dem Kontext bedeutender Momente der internationalen Operngeschichte, von Monteverdis „L’Orfeo“ (1607) über Purcell, Rameau, Mozart und Rossini bis hin zu Wagners „Die Walküre“ (1856). Sechs Meilensteine der Operngeschichte und sechs Stationen in der Stadt, an denen es Augmented-Reality-Herausforderungen zu meistern gilt: ein virtuelles Labyrinth, singende Frösche, ein Memory-Spiel oder Zielscheiben, auf die man zielen muss…
Kinder kommen mit der App problemlos zurecht, Erwachsene tun sich dagegen etwas schwerer. Der generationsübergreifende Austausch kommt voll zur Geltung. Es gibt zwar ein paar Fehler, die man überwinden muss, und es ist ziemlich nervig, wenn die Technik nicht mitspielt. Insgesamt macht das Ganze ziemlich viel Spaß und ist recht lehrreich. Man fragt sich jedoch, ob es bei dieser Aktion nicht eher um die Entdeckung der Stadt als um die Oper geht, da man die historischen Erklärungen nicht unbedingt anhören muss, um zurechtzukommen.
Es handelt sich jedenfalls um ein Konzept, das sich mit dem Theater, der Bühne und der Einbindung des Publikums auseinandersetzt und das Verdienst hat, die üblichen Fesseln zu sprengen. Anne Simon fasst den Ansatz zusammen: „Wir haben das Potenzial neuer Technologien genutzt, um den Zugang zur hohen Kunst zu demokratisieren, indem wir über Formen der Popkultur einen Einstiegspunkt geschaffen haben.“ Die Oper als Teil des Alltags (wieder) auf die Straße zu bringen, ist eine Möglichkeit, die Realität zu verzaubern und die Distanz zwischen dem Publikum und Geschichten zu verringern, die oft als unzugänglich empfunden werden.