Véronique Fauconnet inszeniert am 20. November in ihrem kleinen TOL in Bonnevoie den provokanten Text von Lars Norén, der seit seinem Erscheinen im Jahr 2008 die Gemüter spaltet. Tatsächlich hinterlassen die Worte des Schweden, die vom Tagebuch eines deutschen Gymnasiasten inspiriert sind, der versucht hat, das Leid der Demütigungen, die die Schule verursachen kann, selbst zu rächen, bei uns gemischte Gefühle. Ein Text, der als Vermächtnis des „Massakers“ hinterlassen wurde und ebenso beunruhigt wie verwirrt, indem er ein seltsames Mitgefühl für denjenigen weckt, den man als „Loser“ bezeichnete. Als mutiges Projekt wird „Le 20 novembre“ somit vom Trio Aude-Laurence Biver, Mika Bouchet-Virette und Jérôme Varanfrain treffend ins Rampenlicht gerückt – in einer Inszenierung, die ebenfalls von Nüancen geprägt ist.
„Meine Taten sind ganz einfach das Ergebnis eurer Welt. Eine Welt, die mich nicht so sein lassen wollte, wie ich bin.“ Sebastian Bosse, ein junger Gymnasiast aus Emsdetten in Deutschland, verübt am 20. November einen Anschlag auf sein Gymnasium, mit der festen Absicht, dort Mitschüler und Lehrer zu töten und anschließend das Gebäude zu zerstören. Über diesen schrecklichen Hintergrund kann man sich vor dem Betreten des Theatersaals informieren. Ohne diese Hintergrundinformationen hört man lediglich die Worte eines verstörten Jugendlichen, die er im Internet hinterlassen hat und die Lars Norén zu einem Theaterstück verarbeitet. Kurz davor, seine Taten in die Tat umzusetzen, schildert der junge Mann seine Beweggründe zwischen Brutalität und Verzweiflung in einem Monolog, der den Zuschauer tief erschüttert.
Als vorläufige Begründung eines Mörders, der sein Ziel glücklicherweise verfehlt hat, greift das Theater hier ein gesellschaftliches Drama auf, dessen Aussage sich in einem szenischen Akt entfaltet, der von eisiger Kühle geprägt ist. An einem Ort, an dem die Mechanismen des Theaters nicht mehr existieren, ohne das zu beurteilen, was man hört, und an dem der Zuschauer sich selbst mit allen kontroversen Themen auseinandersetzen muss, bis hin dazu, dass ihm das Wort freigestellt bleibt, wenn er es ergreifen möchte. So wie bei der Inszenierung des TOL, die an dem Abend, an dem wir dort waren, ein seltenes Ende nahm, bei dem der wertvolle Beitrag eines Zuschauers nach Verlassen des Saals eine lebhafte Debatte auslöste. Die Tatsache ist jedoch offensichtlich: Indem er den Zeitungsbericht als Vorwand für ein Stück nimmt, in dem Entsetzen und Unverständnis nebeneinander bestehen, versteht Lars Norén sehr wohl, wie beunruhigend die Sache ist.
Und doch wird die Geschichte als eine Notwendigkeit erzählt, als wolle man dem, was tatsächlich existiert, nicht den Rücken kehren – ohne dass man etwas dagegen tun kann. Ausgehend von dieser Prämisse inszeniert Véronique Fauconnet diese Seiten in einem zwangsläufig sehr frontalen Rahmen. Eine Situation zwischen Bühne und Zuschauerraum, die wie ein Schlag ins Gesicht wirkt und durch die die Schauspieler uns packen, indem sie die ganze Kraft der Bühne nutzen. Das Trio – auch wenn es hinsichtlich der Erfahrung sehr unterschiedlich ist – hält diesen schockierenden Text fest im Griff und beherrscht durch aufmerksames Zuhören seine Figur, die gemeinsam dargestellt wird, sehr gut. Und es ist eine ziemlich schöne Idee, diesen Monolog durch drei unterschiedliche Stimmen erklingen zu lassen, um so an das Klischee des Psychotikers zu erinnern, dessen Kopf von einer ganzen Welt bevölkert ist. Auch wenn es sich dabei nur um eine bewusste Entscheidung handelt, so ist es doch eine, und ausnahmsweise muss man dem TOL zugestehen, dass es bei der Wahl dieses Textes – der so polarisierend und „schwierig“ ist – ein großes Risiko eingegangen ist.
Fauconnet strebt endlich nach Nüchternheit und ungezügelter Ernsthaftigkeit, leider lässt sie ihn sich nicht bis zum Ende entfalten und fügt einem sehr fesselnden Gesamtwerk völlig verrückte choreografische Momente hinzu, eine Art Atempausen, als würde man uns im Regen mit Sonnencreme einreiben. Aber warum diese Spannung unterbrechen, die auf der Bühne so schwer aufzubauen ist ? Zu den großen Bedauern gehört auch dieses starre Bühnenbild, das man gerne zerschlagen, in Fetzen gerissen hätte, im Dienste der Schauspieler, die noch mehr Elan gefunden hätten, sich darin auszutoben, anstatt nur ein paar Papierkügelchen zu werfen oder sich fast entschuldigend zwischen zwei gespannten Planen hindurchschlängeln zu müssen.
Dennoch ist die Wahl von Norén als echte Stellungnahme zu begrüßen, durch die das TOL ein wenig sein Gesicht verändert und uns die Hoffnung gibt, dass dieser so einzigartige Raum eines Tages vielleicht vor kühnen und mutigen kreativen Ideen nur so strotzen wird, um unter den zeitgenössischen Bühnen der Hauptstadt zu glänzen.
„Le 20 novembre“ von Lars Norén unter der Regie von Véronique Fauconnet wird im TOL noch am 23., 27., 28. und 29. Oktober um 20 Uhr sowie am 24. Oktober um 17 Uhr aufgeführt