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Bühne 4 Min. Lesezeit

Erschöpfende Erinnerung

Theater

Erschienen in Ausgabe April 2022
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Was fehlt, ist ein einzigartiges Bild, das sich im Laufe der Kindheitserinnerungen einer Frau – der Regisseurin Chloé Winkel, die auf der Bühne als Dirigentin fungiert – immer wieder neu zusammensetzt. Auch wenn die ersten fünfzehn Minuten den Blick fesseln und die Störgeräusche der Umgebung ausblenden, ist die folgende Stunde eine Qual, wenn auch eine hervorragend inszenierte. Die schauspielerische Leistung ist bemerkenswert, die Bilder schön, ja, aber das reicht eindeutig nicht aus, und schon bald gerät man ins Schwanken und kämpft darum, die Augen nicht woanders hinwandern zu lassen oder – schlimmer noch – sie zu schließen. Wir hatten „À ce qui manque“ wie eine Offenbarung erwartet – die einer vollendeten Schauspielerin, die sich zur aufstrebenden Regisseurin wandelt –, doch wir bekamen nur eine Stilübung zu sehen, die zwar schön umgesetzt war, uns aber bei weitem nicht zufriedenstellte.

In Luxemburg hatte Chloé Winkel in „Breaking the Waves“, das 2019 am Grand Théâtre unter der Regie von Myriam Muller uraufgeführt wurde, eine großartige Leistung gezeigt; Josée Hansen beschrieb ihre Darstellung als „transzendent“. Es ist daher kein Zufall, dass sie nun bei den „Capucins Libres“ mit der Langfassung einer Inszenierung zu sehen ist, die aus ihren Recherchen rund um „L’Intruse“ des Schriftstellers Maurice Maeterlinck für ihr Abschlussprojekt hervorgegangen ist. Nach ihrem Abschluss am Konservatorium von Lüttich „verleiht“ Winkel dieser ersten Inszenierung „durch das Schreiben Gestalt und Form“. Das Stück sei „aus einem Mangel, einer Leere“ entstanden, sagt sie.

Chloé Winkel ist so etwas wie ein „Wunderkind“: Schauspielerin, Geigerin, Model… Ihr gelingt einfach alles, und wenn man sie auf der Bühne sieht, versteht man auch warum. Ihr Charisma ist atemberaubend, ebenso wie die Intelligenz ihrer Arbeit – zumindest soweit wir das beurteilen konnten. Ihr eigenartiger Blick und ihre faszinierende Silhouette haben ihr Rollen in mehreren Kinofilmen eingebracht, doch vor allem auf der Bühne – abgesehen von den Laufstegen – hat sie ihren Platz gefunden, oder besser gesagt: ihr Zuhause.

Mit „À ce qui manque“ präsentiert sie ein Stück, das das Eindringen des Todes in das Herz der Familie beleuchtet. Ein düsteres, universelles und gefürchtetes Thema, das sowohl Kinder als auch Erwachsene dazu zwingt, sich zu wandeln – im Bewusstsein der Folgen dieses unvermeidlichen Schicksals. So erzählt Winkel, wie so oft bei Künstlern aller Art, von einem Verlust – dem einer Großmutter –, bei dem das Kind die greifbare Realität des Todes hautnah erlebt und dazu gedrängt, ja gezwungen wird, erwachsen zu werden, ohne dass es dafür eine Anleitung gäbe.

Wenn die Matriarchin verschwindet, zerbricht der Mikrokosmos, den sie mit eiserner Hand im Griff hatte, und gerät mit ihrem Weggang aus den Fugen. Der Verlust ebenso wie diese Zerrissenheit und die daraus resultierenden seelischen Turbulenzen stehen im Mittelpunkt von „À ce qui manque“. Insofern ist Winkels Präsenz auf der Bühne tatsächlich psychoanalytisch. Die neu formulierte Erinnerung ist noch zu frisch, die Regisseurin erzählt sie mit feuchten Augen. Da ist auch das Foto zur Vorstellung des Stücks im Internet: ein kleines Mädchen, bereit, fünf Kerzen auf einem Schokoladenkuchen auszublasen. Und dann ist da noch der andere Winkel in der Besetzung, Ghislain, zweifellos ein Verwandter. Eine ganze Reihe von Symbolen, die schon vor Beginn der Aufführung die Stimmung auf der Bühne prägen.

„À ce qui manque“ entspringt ganz offensichtlich dem Bedürfnis, eine offene Wunde zu heilen, indem eine persönliche Geschichte auf der Bühne erzählt wird, fast so, als wolle man sich selbst psychoanalysieren. Und aus dieser Perspektive ist das Stück äußerst interessant. Und „À ce qui manque“ ist keineswegs ein steriles Stück. Winkel erzählt auf der Bühne und lenkt die Erinnerung, wobei sie auf seltsame Weise die Statur und Ausstrahlung der Bess wieder aufgreift, die sie zuvor in „Breaking the Waves“ verkörpert hatte. Es ist, als hätte diese letzte Rolle von ihr Besitz ergriffen, oder als könne Bess niemand anderes sein als sie selbst … Auf jeden Fall strahlt sie eine wunderbare Aufrichtigkeit aus und führt die Schauspieler, die die Erinnerung verkörpern, mit einer Mischung aus Festigkeit und Sanftheit, die den Kern des Stücks zum Leben erweckt.

Was Probleme bereitet und letztendlich Langeweile hervorruft, ist die alles durchdringende Langsamkeit, die sich Schritt für Schritt auf der Bühne breitmacht. Jene Langsamkeit, die wir zu Beginn des Stücks noch geliebt haben, die Fabrice Rodriguez dazu bringt, eine barocke Großmutter mit immenser Ausstrahlung zu verkörpern. Jene Langsamkeit, die uns schließlich dazu bringt, uns in uns selbst zu verlieren. Aber vielleicht ist es ja gerade das, worum es bei der ständigen Neukonstruktion der Erinnerung geht, die mit jeder Wiederholung mehr zerbröckelt … Vielleicht will uns Chloé Winkel genau dorthin führen, in die phantasmagorische Welt der gelebten Erinnerung, wo man manchmal auch unter der Last der Nostalgie zusammenbricht. Und doch sind wir am Ende einfach nur benommen, beschäftigt von diesem dumpfen, nervösen Rauschen, das von den Momenten ausgeht, die wir im Kopf behalten, aber nicht mehr hervorholen können.