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Bühne 4 Min. Lesezeit

Ein Spiegel vor der vorbildlichen Bürgerin Pauline Cano

Theater

Erschienen in Ausgabe Oktober 2023
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Die Schlichtheit der Kulissen und Requisiten verweist auf die Idee des Totalitarismus © Bohumil Kostohryz

Das im Kasemattentheater aufgeführte Stück „PatrIdiot. Een Aarbechtstitel“ von Jeff Schinker unter der Regie von Corina Ostafi gewährt uns Einblick in eine heimliche Theaterprobe im Luxemburg des Jahres 2028, das mittlerweile unter einem rechtsextremen Regime steht. In Form einer Mise en abyme entdecken wir dieses kleine Theater, in dem sich eine Regisseurin und zwei Schauspielerinnen heimlich treffen – auf eigene Gefahr und ohne Aufmerksamkeit zu erregen –, um im Verborgenen ein Stück zu schaffen, das die verschiedenen Formen des Rassismus widerspiegelt, die ein luxemburgischer Bürger an den Tag legt. Ist es nicht ein Verbrechen, die Taten und Worte des vorbildlichen Patrioten in Frage zu stellen?

Die angespannte Beziehung zwischen den beiden Schauspielerinnen, gespielt von Nora Zrika und Elena Spautz, veranschaulicht diese Gesellschaft, in der sich zwei Lager gegenüberstehen: das der „gebürtigen“ Luxemburgerin, der aus einer wohlhabenden Familie stammt und in Komfort aufgewachsen ist, und die der Luxemburgerin mit ausländischer Herkunft, die sich dem Teufelskreis aus dem Wunsch nach Integration und der notwendigen Abkehr von ihren Wurzeln stellen musste. Die Kritik an dieser Spaltung geht jedoch weit über eine bloße Konfliktbeziehung zwischen den beiden Künstlerinnen hinaus; es handelt sich vielmehr um eine Kritik an der heutigen Bevölkerung, der Bevölkerung Luxemburgs im Jahr 2023 – einem Land, das sich als gastfreundlich bezeichnet, dessen Bevölkerung sich jedoch an die Illusion klammert, aus christlicher Nächstenliebe zu helfen, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen.

Die vorgetäuschte Aufgeschlossenheit in einer Gesellschaft, in der Heuchelei und Doppelmoral an der Tagesordnung sind, ist in Wirklichkeit nichts anderes als verkörperter, ja sogar unbewusster Rassismus, der durch eine angeblich inklusive Erziehung verinnerlicht wurde und einer ständigen Rechtfertigung bedarf – so als müsse man anderen beweisen, dass man kein Rassist, sexistisch, homophob oder sonst etwas sei. So gelingt es dem Werk, uns auf subtile Weise die Scheuklappen abzunehmen, indem es das ans Licht bringt, was wir lieber über uns selbst ignorieren würden, was wir nicht preisgeben wollen. Das Sich-Zeigen, das Pflegen des eigenen Images, um in den Augen anderer schön und gut zu wirken, wird in den Vordergrund gerückt, bis man sich fragt, ob Vielfalt in Wirklichkeit nicht nur eine vorübergehende Modeerscheinung ist. „ Ihr verkündet das laut und deutlich (…) weil es das aktuelle Fertigdenken ist, (…) und an dem Tag, an dem das aus der Mode kommt, werdet ihr euch für eine andere Gruppe einsetzen, denn ihr tut das, um euch selbst in Szene zu setzen “. Man muss den Mut haben, eine Gesellschaft von Scheintoleranten zu entlarven, die auf Kosten derer in Saus und Braus leben, die niemals einen solchen Lebensstandard erreichen werden.

Mit der Schlichtheit des Bühnenbilds und der Kostüme vermittelt Veronika Bleffert eine unpersönliche, ja sogar traurige Atmosphäre, die jedoch typisch für ein totalitäres Regierungssystem ist. So drängt sich die Regierung trotz des versteckten Ortes, an dem sich die Figuren befinden, in den Vordergrund – fast wie ein allgegenwärtiger „Big Brother“ in Orwells „1984“. Andererseits verdeutlicht der Einsatz dieser Requisiten in der Inszenierung auf absurde Weise die Lächerlichkeit eines Patrioten, der seine schlechten Gewohnheiten mit der Liebe zu seinem Land rechtfertigt. „Die luxemburgische Kasse, das Bier mit rotem Liebestrank, der Wein von der Mosel – all das hat eben ein Opfer verlangt. Und Monni Fern war bereit, seine Gesundheit für den Altar der Integration zu opfern. “

Der für Jeff Schinker typische Schreibstil des Stücks ist unverkennbar, insbesondere in seinem autobiografischen Roman „Mein Leben unter den Zelten“. Es gibt darin eine Seite, die zugleich provokativ und voller Abscheu gegenüber der ihn umgebenden Welt und den dort stattfindenden Ereignissen ist, wie ein Kind, das sich über die Einschläferung seines Hundes, seines einzigen Freundes, empört. Und doch bewahrt er stets einen Hauch von Humor und eine Art Gleichgültigkeit. Es ist auch die Sanftheit der Musik, die Priscila Da Costa im Hintergrund spielt und die perfekt mit dem gesprochenen Text harmoniert, die genau an dieses Werk denken lässt.

Das Stück regt den westlichen Menschen dazu an, die Aufrichtigkeit seiner philanthropischen Äußerungen und Taten zu hinterfragen und sich zu fragen, ob ihm noch auch nur ein Funken Integrität geblieben ist. „PatrIdiot. Een Aarbechtstitel“ ist ein Manifest des Aufstands gegen die extreme Rechte. Es ist ein Aufruf zur Vorsicht gegenüber falschen Versprechungen, der dank der Rahmenhandlung dennoch Humor und Leichtigkeit bewahrt. Dadurch wird die schwere Thematik leichter verdaulich, und der Zuschauer kann den Saal mit einem Lächeln verlassen.